"45 Years"-Regisseur Haigh "Wir wissen ja nicht mal, wer wir selbst sind"

Mit "45 Years" beweist Andrew Haigh erneut, dass kaum einer so sensibel und universell über Beziehungen erzählen kann wie er. Hier erklärt er, wie er sich in ein Rentnerpaar hineinversetzt hat - und warum sein nächster Film ganz anders wird.

Regisseur Haigh: "Die Vergangenheit ist abgründig wie die Alpen"
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Regisseur Haigh: "Die Vergangenheit ist abgründig wie die Alpen"

Ein Interview von


Zur Person
    Andrew Haigh, 42, ist ein britischer Regisseur und Drehbuchautor. Zu seinen Werken gehören Filme wie "Greek Pete" und "Weekend" sowie die HBO-Serie "Looking". Für ihre Rollen in "45 Years" wurden Charlotte Rampling und Tom Courtenay auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären als beste Hauptdarsteller ausgezeichnet.
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SPIEGEL ONLINE: Herr Haigh, in "45 Years" erzählen Sie, wie binnen einer Woche eine 45-jährige Ehe zerfällt und liefern die passende Songliste gleich mit: Für die Jubiläumsfeier wünscht sich Kate, die Ehefrau, "Happy Together", dann "Higher and Higher", irgendwas von den Moody Blues, zuletzt das chronisch missverstandene "Smoke Gets in Your Eyes".

Haigh: Ja, jeder denkt, das ist ein romantisches Lied über die Liebe! Und dann hörst du auf den Text und merkst: Oh, es geht um was ganz anders.

SPIEGEL ONLINE: Darin heißt es etwa: "Meine Liebe ist davongeflogen." Ausgerechnet zu diesem Song tanzen Geoff und Kate Mercer, gespielt von den britischen Altstars Tom Courtenay und Charlotte Rampling, auf ihrer Feier.

Haigh: Noch dazu ist das die Schlussszene - genau mit diesem Text im Hintergrund offenbart sich, wie weit sie sich voneinander entfernt haben: Für Geoff ist es ein Liebessong, er hat mit der vergangenen Woche, in der so viele Geheimnisse aufgetaucht sind, abgeschlossen. Für Kate ist es ein Abschiedslied, da reicht ein Blick aufs Gesicht von Charlotte Rampling: Die Perspektive auf ihre Ehe hat sich total geändert.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange haben Sie gebraucht für diese Liste? Sie liefern damit einen konstanten Subtext - viel geredet wird ja nicht.

Haigh: Keine Ahnung, ich habe mir sehr viel Musik aus der Ära angehört, als die beiden jung waren. Weil mein Film ohne traditionellen Score auskommt, konnten und mussten die Lieder, die die beiden hören, besonders viel Kraft entfalten. Denn über Gefühle spricht das Paar nicht. Ihr Leben ist Routine: Es ist klar, wer mit dem Hund geht, wer auf welcher Seite schläft, wer wann einen Spaziergang macht oder in die Stadt fährt. Um auszudrücken, was unter dieser Oberfläche passiert, musste ich daher andere Mittel finden: Songs, Gesten oder Landschaften.

Im Video: Warum "45 Years" so sehenswert ist

SPIEGEL ONLINE: Deswegen auch die ruhige Ebene von Norfolk? Dort leben die beiden als Rentner, bis jener Brief eintrifft, aus dem Geoff erfährt, dass seine verunglückte Ex-Freundin nach Jahrzehnten nun im Gletschereis gefunden wurde - und wegen dem Kate nach und nach begreift, wie wenig sie über ihren Mann weiß.

Haigh: Ja, Norfolk dient für mich als Gegensatz zu den Alpen, in denen das Unglück damals passierte, das auf einmal ins Zentrum der Ehe von Geoff und Kate gerät. Die Vorstellung von der Vergangenheit als bergiger Ort mit Gletschern und Abgründen gefiel mir schon immer - die Gegenwart ist dagegen einfach nur plattes Land, wo man problemlos bis zum Horizont schauen kann, hinter dem nur noch die Zukunft kommt.

SPIEGEL ONLINE: Der Gedanke steckt auch in einem zentralen Filmsatz: "Wenn man alt ist, trifft man keine Entscheidungen mehr", sagt Geoff. Sehen Sie das Alter so fatalistisch?

Haigh: Ganz im Gegenteil! Doch wenn man jünger ist, merkt man oft nicht mal, dass man eine Entscheidung trifft. Und 20 Jahre später ist man plötzlich festgefahren. Darum ist "45 Years" fast wie Teil zwei von "Weekend"…

SPIEGEL ONLINE: …ihrem preisgekrönten Film über zwei Schwule, die sich an einem Wochenende ineinander verknallen

Haigh: …wo es um den zarten, aufregenden Beginn einer Beziehung ging. Beide Filme thematisieren, wie wir uns beim Kennenlernen selbst neu entwerfen können, was daraus entsteht, wenn wir uns über unsere Beziehungen definieren. Und eben irgendwann aufhören, Entscheidungen zu treffen.

SPIEGEL ONLINE: Soziale Minderheiten scheinen Ihr Ding zu sein: Mit "Weekend" und "Looking" porträtierten sie schwule Partnerschaften, nun zeigen Sie eine alte Ehe. Wieso sind diese Gruppen in Filmen und Serien nach wie vor unterrepräsentiert?

Haigh: Weil sich Klischees hartnäckig halten. Der Großteil der Gesellschaft interessierte sich lange nicht dafür, was diese sozialen Gruppen beschäftigt. Dabei machen alle die gleichen Erfahrungen: egal wie alt du bist, wen du liebst, wo du lebst oder wie du aufgewachsen bist. Geschichten über Gefühle, Beziehungen und Sehnsucht sind universell gültig. Das sollte man auch zeigen. Viele fragen mich: Wie wusstest du, wie du über Menschen in ihren Siebzigern schreiben sollst? Als ob man im Alter auf einmal eine ganz andere Person wird und die einzige Sorge ist, ob man schlafen kann.

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Beziehungsfilm "45 Years": Einsamkeit trotz Zweisamkeit
SPIEGEL ONLINE: Sie wollen also über die Universalität von Beziehungsalltagsdramen für mehr Akzeptanz werben?

Haigh: Es ist doch so: Die meiste Zeit unseres Lebens dreht sich um Beziehungen - in Filmen finden sie aber nur als romantische Komödien statt: Da gibt's immer erst ein Problem und dann ein Happy End. Dabei stellen wir uns doch alle fundamentale Fragen, etwa: Wie gut kennst du deinen Partner wirklich? Wir wissen ja nicht mal, wer genau wir selbst sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten einmal, Sie wollten endlich Filme und Serien sehen, in denen Sie sich selbst wiederfinden. Mit "Looking" über Freunde in San Francisco haben Sie etwas geschaffen, das ähnlich komplex, authentisch und explizit ist wie die erfolgreiche Serie "Girls". Ihre wurde jedoch gerade nach zwei Staffeln abgesetzt. Was haben die Zuschauer nicht verstanden?

Haigh: Ich musste lernen, dass meine Art, schwules Leben zu repräsentieren, sich sehr davon unterscheidet, was andere Schwule sehen wollen. Gäbe es mehr Serien und Filme über Homosexuelle, gäbe es das Problem nicht. Und heterosexuelle Zuschauer haben "Looking" sowieso ignoriert. Dabei zeige ich einfach nur Menschen, die versuchen, glücklich zu sein. Das gilt doch für jeden von uns.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass sich die Bildschirmpräsenz von LGBTQ-Paaren in den USA ändern wird, nun da die Ehe für alle legalisiert wurde?

Haigh: Das wird dauern. Serien über Männer laufen tendenziell sowieso immer schlechter. Ich kann es kaum erwarten, dass es den Erfolg von "Girls" auch für die Gay Community gibt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten, in Beziehungen definiert man sich immer neu. Haben Sie "45 Years" auch gedreht, um nicht auf die "Gay"-Schublade festgelegt zu sein?

Haigh: Höchstens unbewusst. Die Leute erwarten von dir schnell, dass du immer und immer wieder das Gleiche machst. Dabei basieren meine Arbeiten auf universellen Themen. Aber anscheinend kann unsere Gesellschaft die Realität nur zu fassen bekommen, wenn sie alles in Schubladen einsortiert. Total bescheuert. Als nächstes verfilme ich den Roman "Lean on Pete" von Willy Vlautin. Es ist die Geschichte über einen Jungen und sein Pferd. Also kein Beziehungsdrama.

Im Video: Der Trailer zu "45 Years"



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