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Bullys Wickie-Verfilmung: "So lustig soll es gar nicht sein"

Foto: Constantin Film

Regisseur "Bully" Herbig "Ich will den Leuten ihren Wickie nicht wegnehmen"

Er hat Winnetou, Captain Kirk und Sissi veralbert - aber den Zeichentrick-Klassiker "Wickie und die starken Männer", den er fürs Kino verfilmt hat, nimmt er plötzlich ernst. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht Michael "Bully" Herbig über den Nostalgienerv seiner Zuschauer und Kinderfilme für Erwachsene.

SPIEGEL ONLINE: Herr Herbig, was hat der Wikingerjunge Wickie, was Winnetou, Captain Kirk und Sissi nicht haben?

Bully Herbig: Er ist witzig.

SPIEGEL ONLINE: Und deshalb nehmen Sie ihn ernst? Ihr neuer Film "Wickie und die starken Männer" ist zur Abwechslung mal keine Parodie.

Bully Herbig: Das hatte ich auch nie geplant, nicht eine Sekunde lang. Ich habe sofort die Chance gewittert, aus der phantastischen Vorlage einen Abenteuerfilm zu machen, natürlich mit ein paar Gags, aber nicht zu vielen. Diese Zeichentrickserie zu parodieren, wäre ein Fehler.

SPIEGEL ONLINE: Weil sie zu beliebt ist?

Bully Herbig: Nein, ich bin der Meinung: Je ernster eine Vorlage gemeint ist, desto besser kann man sie parodieren. "Wickie und die starken Männer" hingegen ist streckenweise sehr lustig, die Figuren sind überzeichnet. Da könnte ich ja gleich Horst Schlämmer parodieren, das funktioniert nicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber wo Bully draufstand, waren bislang vor allem Scherz, Satire und Ironie drin. Ihre Fans werden das vermissen.

Bully Herbig: Klar, das Risiko besteht. Und es wäre für mich auch ganz schlimm, wenn die Menschen aus dem Kino kommen würden und sagen: "Hm, so lustig wie die anderen Bully-Filme war das jetzt aber nicht." So lustig soll es ja auch gar nicht sein. Im Vordergrund steht das Abenteuer, die spannende und eben nur manchmal lustige Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: Manche Ideen übertragen Sie eins zu eins aus der Zeichentrickserie der Siebziger. Machen Sie es sich da nicht sehr einfach?

Bully Herbig: Unsere Story ist schon neu, auch die Vater-Sohn-Beziehung haben wir vertieft, ebenso die Liebelei zwischen Wickie und seiner Freundin Ylvie. Der Kinofilm bietet den Zuschauern also durchaus mehr, als man aus der Serie kennt. Aber es wäre falsch, "Wickie und die starken Männer" neu erfinden zu wollen. Es gibt 78 Folgen, also einen Riesen-Pool toller Ideen, aus dem man sich bedienen kann. Manche der Figuren, Bilder und Szenen muss man fast aufgreifen, die erwarten die Zuschauer, darauf freuen sie sich.

SPIEGEL ONLINE: Sie enttäuschen lieber die Bully-Fans als die Wickie-Fans?

Bully Herbig: Ich hatte nicht vor, irgendjemanden zu enttäuschen. Natürlich gibt es auch in diesem Film den einen oder anderen Bruch, aber nicht so extrem. Ich will den Leuten ihren Wickie nicht wegnehmen. Bei den Drehbüchern meiner anderen Filme habe ich immer versucht, hier noch einen Gag reinzupacken und da noch einen. Dieses Mal war es mir wichtig, der Vorlage gerecht zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Um so eigenwilliger war ihr Marketing vorab: Viele der Darsteller haben Sie in einem Casting auf ProSieben gesucht.

Bully Herbig: Ich hatte am Anfang auch ein mulmiges Gefühl, aber jetzt bin ich wahnsinnig froh, diesen Weg gewählt zu haben. Weil ich genau das gefunden habe, was ich gesucht habe: gute Schauspieler, die noch keiner kennt, deren Gesichter noch unverbraucht sind. Klar hätte ich auch probieren können, die starken Männer mit prominenten Kollegen zu besetzen, aber dann hätte man womöglich wieder eine Parodie vermutet. Und so jemanden wie den Darsteller des Faxe, ganz ehrlich, wo hätte ich den dann gefunden? Das ist doch Wahnsinn, das ist ein Glücksfall.

SPIEGEL ONLINE: Weil die Zuschauer ihm den Faxe abkaufen.

Bully Herbig: Exakt. Die Zuschauer sehen den Snorre, den Tjure, den Faxe - und nicht einen Prominenten, der den Faxe spielt. Sie haben keine Bilder früherer Rollen im Kopf, die die aktuelle Rolle überlagern, und so tauchen sie ein in die Wikingerwelt, die sie aus der Zeichentrickserie kennen.

SPIEGEL ONLINE: In einer Nebenrolle treten Sie aber selbst auf, als spanisch lispelnder Reporter. Ist das nicht inkonsequent?

Bully Herbig: Das ist kein Lispeln, das ist ein sehr, sehr schöner Akzent. Eigentlich wollte ich gar nicht mitspielen. Aber dann haben mich immer wieder Leute auf der Straße angesprochen: "Sie spielen jetzt Wickie, den kleinen Wikinger, oder?" "Nee", habe ich gesagt, "ich bin 40, den kann ich nicht mehr spielen." "Aber Sie spielen doch mit in ihrem neuen Film?" "Nee", habe ich gesagt, "dieses Mal nicht". Und dann habe ich in enttäuschte Gesichter geschaut. Irgendwann habe ich mich daher umentschieden. Letztendlich mache ich meine Filme ja fürs Publikum.

SPIEGEL ONLINE: Und für welches Publikum haben Sie diesen Film gemacht?

Bully Herbig: Der Film ist für alle da.

SPIEGEL ONLINE: Es ist ein Kinderfilm.

Bully Herbig: Nee, ich würde "Wickie und die starken Männer" nicht als Kinderfilm bezeichnen, er richtet sich auch an Erwachsene. Jeder, der Spaß an der Originalserie hatte, hat hoffentlich Spaß an diesem Film. Ich habe extra einige kernige Szenen eingebaut, an die ich mich noch aus meiner Kindheit erinnern konnte. Bei denen habe ich damals die Finger in den Sessel gekrallt.

SPIEGEL ONLINE: Kinder- und Jugendstoffe sind zurzeit sehr erfolgreich im Kino: "Ice Age", "Twilight", "Madagascar", "Die wilden Hühner", "Die drei ???", "Die Hexe Lilli", "Vorstadtkrokodile" - alles Titel aus diesem Jahr.

Bully Herbig: Den Trend gibt es, das stimmt, und die hohen Zuschauerzahlen lassen sich nur damit erklären, dass auch Erwachsene in viele dieser Filme gehen. Aber ich bin keiner, der das marktforschungstechnisch analysiert, bevor er ein neues Projekt startet.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch ist ihre Trefferquote hoch: Ihre letzten drei Filme "Der Schuh des Manitu", "(T)Raumschiff Surprise" und "Lissi und der wilde Kaiser" waren Zuschauerhits. Und sie beruhten allesamt auf alten Fernsehstoffen, auf Kindheits- und Jugendhelden.

Bully Herbig: Aber den Erfolg kann man nicht planen, ich habe mir die Stoffe der Filme nicht gezielt rausgepickt nach der Logik: "Das war früher ein Hit, da lässt sich was draus machen. Das auch. Und so weiter."

SPIEGEL ONLINE: Und das sollen wir Ihnen glauben?

Bully Herbig: Wenn es so einfach wäre, würde es ja jeder so machen. Man darf nicht vergessen: Die drei Filme beruhen anders als der neue Film auf der Comedyshow "Bullyparade", von der es sechs Staffeln gab, mit hochgerechnet vielleicht tausend Sketchen. In so einer Show bist Du ein Jäger und Sammler, der ständig schaut, was er verarbeiten kann. Ein Trüffelschwein. Da haben wir wirklich viel ausprobiert: Alltagssketche, Familiensketche, Science-Fiction-Sketche, Schlümpfe-Sketche, auch mal Journalisten-Sketche. Einfach alles. Und dann haben wir gemerkt, dass die Winnetou-Idee wahnsinnig gut ankommt, ähnlich wie das "Star Trek"-Thema. Diese Stoffe haben am besten funktioniert, sie haben einen Nerv getroffen.

SPIEGEL ONLINE: Den Nostalgienerv.

Bully Herbig: Natürlich hat das etwas mit Nostalgie zu tun, aber weniger als viele denken. Die Nostalgie war ein Schmankerl für ältere Zuschauer, die die Vorlagen kennen. Viele Kinder hingegen hatten die Originale nie gesehen - und mochten die "Bullyparaden"-Trilogie trotzdem. Das liegt daran, dass zum Beispiel der "Schuh des Manitu" das Winnetou-Motiv nicht einfach aufgreift, sondern ins Absurde führt. Es ist ja eine Parodie. Am Ende des Tages waren es die Brüche, die darüber entschieden haben, ob die Zuschauer den Film mochten oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die Brüche, auf die Sie in Ihrem Film "Wickie und die starken Männer" gezielt verzichten.

Bully Herbig: Nicht ganz, ein paar Gags sind schon drin. Aber im Vordergrund steht für mich dieses Mal das Abenteuer. Und die Hoffnung, dass die Fans der Originalserie den Film mögen. Ich konnte die Vorlage nach meinem Geschmack umsetzen, klar, ich hatte freie Hand, aber in gewisser Weise habe ich mich auch als Dienstleister verstanden. Wenn man solch eine Vorlage verfilmt, hat man eine Verpflichtung.

Das Interview führte Tobias Becker

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