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12. Dezember 2004, 12:14 Uhr

Regisseur Kim Ki-duk

"Ich zeige psychische und physische Narben"

Der Koreaner Kim Ki-duk ist einer der erfolgreichsten Regisseure des internationalen Autorenkinos. Für sein jetzt gestartetes Teenager-Drama "Samaria" erhielt er den Regie-Bären bei der diesjährigen Berlinale. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem 44-Jährigen über Tragik, Prostitution und seine Definition von Grausamkeit.

Regisseur Kim: Erkenntnis durch Schmerz
AFP

Regisseur Kim: Erkenntnis durch Schmerz

SPIEGEL ONLINE:

Herr Kim, Sie finden auch im Westen ein immer größeres Publikum. Kann es die Feinheiten Ihrer komplexen Dramen genauso verstehen wie die koreanischen Zuschauer?

Kim: Woher meine Zuschauer kommen, spielt keine Rolle. Es müssen nur Menschen sein, die das Leben hinterfragen wollen. Ich möchte die Herzen dieser Menschen öffnen, so dass meine Filme ihre Seele erreichen. Denn das Publikum sollte meine Geschichten nicht einfach konsumieren, sondern sie verinnerlichen und verarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Filme haben meist einen tragischen Grundton. Warum konzentrieren Sie sich fast ausschließlich auf die qualvollen Seiten der menschlichen Existenz?

Kim: Weil das mein zentrales Thema ist. Wer versucht, das Leben kennen zu lernen, verliert sich zwangsläufig im Leid, sei es durch die Misshandlungen anderer oder durch Akte von Masochismus und Selbstquälerei.

SPIEGEL ONLINE Sie neigen also nicht zur westlichen Sichtweise, dass man im Leben glücklich werden kann?

Kim: Die buddhistische Philosphie steht mir näher. Man sollte Leid nicht vermeiden wollen, sondern es auf sich zukommen lassen und akzeptieren. Nur so kann man persönlich wachsen. Wenn Sie glücklich sein wollen, müssen sie zuvor Schmerz erfahren. Freude und Elend sind letztlich identisch.

"Samaria"-Darstellerin Seo Min-jung: Laien sorgen für Authentizität
Rapid Eye Movies

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SPIEGEL ONLINE: Ist dies der Grund, warum sich Ihre weiblichen Protagonisten - wie etwa in "Samaria" - so häufig prostituieren?

Kim: Das hängt genau damit zusammen. Prostituierte sind Menschen, die nach gesellschaftlichen Konventionen gescheitert sind. Das gleiche gilt für Gangster. Und gerade wegen ihrer schlimmen Erfahrungen begreifen sie das Leben als Ganzes besser als alle anderen. Deshalb ist es für mich auch wichtig, sie zu Hauptfiguren zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Und sie extremer Grausamkeit auszusetzen. In "Seom - Die Insel" etwa verstümmeln sich die Protagonisten mit Angelhaken.

Kim: Aber das ist eine andere Art von Grausamkeit als in einem Actionfilm. Bei mir stehen einzelne Personen im Mittelpunkt. Ich widme mich ihrem individuellen Leiden und zeige ihre psychischen und physischen Narben. Hollywood dagegen lässt massenhaft Menschen drauf gehen. Diese oberflächliche Grausamkeit finde ich viel schlimmer. Deshalb verzichte ich auch auf spekulative Effekte. In "Samaria" hätte ich auch brutale Bettszenen mit den Teenager-Prostituierten und ihren Freiern inszenieren können. So etwas hätte bloß vom eigentlichen Thema abgelenkt.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten häufig mit Laien oder wenig erfahrenen Schauspielern. Sind die mit solchen Sujets nicht überfordert?

 Darstellerinnen Ji-min und Min-jung(aus "Samaria"): Schock für Laiendarsteller
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Kim: Ich brauche diese unbekannten Gesichter, denn sie sorgen für Authentizität. Wenn du einen Topstar einsetzt, dann wird dein Film auf diesen reduziert. Natürlich haben unerfahrene Schauspieler mit diesen Rollen erstmal ihre Schwierigkeiten. Ich glaube, jeder von den Hauptdarstellern macht eine schockierende Erfahrung. Das erfordert von mir als Regisseur größere Anstrengungen, doch gleichzeitig macht das Spaß. Das einzige, was mich traurig stimmt, ist die Tatsache, dass meine Darsteller mit diesen schockierenden Erfahrungen weiterleben müssen. Aber so ist nun mal das Leben.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Heimat Korea erlebt das Kino dank konventioneller Blockbuster-Produktionen einen generellen Boom. Wie stehen Sie als Autorenfilmer zu dieser Entwicklung?

Kim: Der Grund für diesen Boom ist sehr banal. Die meisten dieser Filme imitieren nur Hollywoods Actionkino. Kunstkino spielt da keine große Rolle, auch wenn beispielsweise mein Film "Bad Guy" auf 700.000 Zuschauer kam.

Darstellerin Ji-Min als Prostituierte Yao-Jin mit Freier: Das Leben besser begreifen
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SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie mit Ihren Geschichten überhaupt ein großes Publikum erreichen oder sind Ihnen die wenigen Eingeweihten lieber?

Kim: Die Zahl der Zuschauer ist mir gleichgültig. Das Entscheidende ist, dass ich jemanden finde, der dafür empfänglich ist. Das Publikum soll sich so sehr mit meinen Werken identifizieren, dass sie gar nicht mehr mir gehören. Ich würde mir wünschen, dass der Zuschauer sagt: "Das ist mein Film."

Das Interview führte Rüdiger Sturm

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