Regisseur Michael Mann "Der Tod lauerte überall auf Dillinger"

"Public Enemies" zeigt den legendären Gangster John Dillinger als Medienstar. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt Regisseur Michael Mann, warum die Weltwirtschaftskrise einen Verbrecher zum Volkshelden machte. Und weshalb Johnny Depp am Set die Krise kriegte.


SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie bereits in den siebziger Jahren auf die Idee kamen, einen Film über den legendären Gangster John Dillinger zu machen, der nun in "Public Enemies" von Johnny Depp gespielt wird?

Mann: Genau genommen beschäftigt er mich sogar seit meinem achten Lebensjahr. Ich wuchs nahe des "Biograph"-Kinos auf, vor dem Dillinger erschossen wurde und war noch ein Kind, als mir mein Vater von ihm erzählte. Später sah ich dort Filme mit meiner Frau und stand oft vor der Plakette, die an seinen Tod erinnert. Einen ersten Drehbuchentwurf schrieb ich dann tatsächlich in den Siebzigern, doch damals konzentrierte ich mich noch viel stärker auf die Geburt des FBI und die Rolle J. Edgar Hoovers, was nun im Film eine kleinere Rolle einnimmt.

SPIEGEL ONLINE: Man hat beim Zuschauen das Gefühl, dass Sie noch viel mehr erzählen wollten. Andere berühmte Gangster der Ära wie Babyface Nelson oder Pretty Boy Floyd kommen im Film allerdings nur am Rande vor.

Mann: Der Selektionsprozess war brutal und der Stoff ging im Laufe der Jahre durch Dutzende Skript-Revisionen. Wenn ich etwas bedauere, dann die Tatsache, keinen zehnstündigen Film machen zu können. Gangster wie Dillinger, Babyface Nelson oder die Ma Baker Gang und ihre Jäger wie Hoover und Melvin Purvis - sie alle boten faszinierende Geschichten, weil in dieser Ära alle drei Tage etwas Außergewöhnliches passierte.

SPIEGEL ONLINE: Dillinger war in den späten Dreißigern aktiv. Haben Sie noch Zeitzeugen auftreiben können?

Mann: Ich sprach mit alten Cops in Chicago, die damals bei den Verhören dabei waren. Nicht zuletzt durch diese Gespräche fand ich den Zugang zum Zeitgeist jener Jahre, der sehr von der Allgegenwart des Todes geprägt wurde. Das Sterben war nichts Ungewöhnliches oder Beängstigendes, eher eine unabwendbare Realität, der man nüchtern ins Auge sah. Die Menschen empfanden keinerlei Kontrolle über ihr Leben in einer Zeit, in der nicht individuelle Entscheidungen die Zukunft bestimmten, sondern einen der Lauf der Geschichte wegfegte.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen die Weltwirtschaftskrise, die Amerika in eine Zeit der Armut, Arbeitslosigkeit und Depression stürzte?

Mann: Der Zusammenbruch der Börse oder die verheerenden Staubstürme im Mittleren Westen hatten das Land über Jahre in die Knie gezwungen. Auf diese fatalistische Stimmung fand Dillinger eine Antwort, die sehr ungewöhnlich für die Zeit war und derentwegen er mich nicht mehr losließ. Statt zu verzweifeln, lachte er der ungewissen Zukunft ins Gesicht und suchte sein Glück von Tag zu Tag als Outlaw. Was er im Film sagt, ist historisch überliefert: "We're having too good a time to worry about tomorrow."

SPIEGEL ONLINE: Inwieweit waren Sie bei der Entwicklung des Stoffes in der Lage, Fakten von Fiktion und Legenden von der Wahrheit zu trennen?

Mann: "Public Enemies" ist keine Dokumentation, man muss bei so einem Projekt immer erzählerische Löcher stopfen und Freiheiten zulassen. Alles Physische ist leicht - die Autos, die Gebäude, die Kleidung. Schwierig ist es, den Weg in die Köpfe dieser Figuren zu finden. Also stellten wir uns bei der Recherche fast schon journalistische Fragen: Okay, wir schreiben das Jahr 1933, Dillinger raubt in acht Wochen drei Banken aus, spricht mit Swing in der Stimme und kleidet sich gepflegt, obwohl er zuvor zehn Jahre von der Gesellschaft abgeschnitten war, weil er im Gefängnis saß - woher hatte er das alles so schnell?

SPIEGEL ONLINE: Und?

Mann: Die verblüffende Antwort war: Er bezog sein Wissen aus Kinofilmen! Er kleidete sich wie ein Filmstar und schrieb in Briefen an seine Freundin Sätze, die er Clark Gable hatte sagen hören. Dillinger hat sich als Mensch und als Verbrecher neu erschaffen, indem die Fiktion für sich zur Realität machte, weil sie ein besseres Leben versprach.

SPIEGEL ONLINE: Teilen Sie die Auffassung, dass Gangsterfilme nie an Popularität verloren haben, weil Gangster unsere kollektiven Phantasien und dunklen Seiten ausleben dürfen?

Mann: Im Falle Dillingers traf das fraglos zu. Er galt in seiner Ära als Held und wurde als jemand verehrt, der stellvertretend für die Allgemeinheit handelte. Vergleichen Sie mal: Während der gegenwärtigen Rezession in den USA sind gut vierzig Banken zusammengebrochen - damals waren es allein in Illinois 144 von 160! Und die Arbeitslosigkeit lag nicht bei neun, sondern bei 25 Prozent. Dillinger attackierte aus Sicht der Menschen also die Institutionen, die für ihr Unglück verantwortlich waren.

SPIEGEL ONLINE: Liefen Sie dabei nicht Gefahr, den Verbrecher zu sehr zum Helden zu stilisieren?

Mann: Ich habe "Public Enemies" nicht gemacht, um einen Gangster zu glorifizieren, ich wollte vielmehr diese kalte Welt aus seiner Sicht zeigen. Dillinger führte ein einzigartiges, intensives Leben und explodierte förmlich in der Gesellschaft, nachdem er zehn Jahre im härtesten Gefängnis des Landes verbracht hatte. Der Tod wartete überall auf ihn - aber Dillinger trat dieser Gewissheit mit einer geradezu philosophischen Frage entgegen: Wie verhält sich jemand, wenn vor der Tür 30 Männer warten, die einen umbringen wollen?

SPIEGEL ONLINE: Wie intensiv kann man sich Ihr eigenes Leben vorstellen - als künstlerisch anspruchsvoller Regisseur in einer Industrie, die mehr denn je auf massenkompatibles Popcorn-Kino setzt?

Mann: Ich weiß nicht, wie es anderen ergeht, aber ich habe mich mit der Wahl meiner Stoffe noch jedes Mal durchsetzen können. Entweder ich verfilme Themen, die mich zutiefst interessieren - oder die Kamera bleibt ausgeschaltet. Wechselhaft sind nur die persönlichen Bedürfnisse. "Heat", "The Insider" und "Ali" waren massive Herausforderungen. Nicht nur logistisch, sondern weil ich außerordentlich viel Energie in die narrative Konstruktion steckte, mit all den Figuren und Überschneidungen ihrer Lebenswege. "Collateral" reizte mich danach wegen der Komprimierung der Geschichte auf eine Nacht. Das fühlte sich an wie das Einfangen der Lichtreflexe innerhalb eines Diamanten. Danach wollte ich wieder im großen Stil von Undercover-Cops erzählen - wobei es vielleicht ein Fehler war, das Ganze "Miami Vice" zu nennen, weil es falsche Erwartungen weckte.

SPIEGEL ONLINE: Johnny Depp hat durchblicken lassen, dass ihn Ihre zeitaufwendige Detailversessenheit beim Drehen einiges an Nerven gekostet hat. Ist das Filmemachen für Sie nicht nur Beruf, sondern schon Obsession?

Mann: Ist es obsessiv, eine Aufgabe ernst zu nehmen? Ich könnte nicht anders arbeiten. Ein Regisseur, der nicht auch dem Hemdkragen eines Statisten in der letzten Reihe seine volle Aufmerksamkeit schenkt, ist schlichtweg kein aufmerksamer Regisseur. Alles ist wichtig für den genetischen Code eines Filmes. Jede Sekunde Film in zweieinhalb Stunden Spielzeit transportiert in Bild, Ton, Fakten, Erfindung, Story oder Charakterisierung Botschaften an den Zuschauer. Da zählt jedes Detail, und ich lasse nichts unversucht, eine authentische Atmosphäre zu schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich das in der Praxis vorstellen?

Mann: Zum Beispiel ziehe ich Originalschauplätze vor, obwohl Studioaufnahmen günstiger und kontrollierbarer wären. Und bei den Dreharbeiten herrscht am Set das strikte Verbot, Musik zu hören, die nach der Zeit eingespielt wurde, in der die Story spielt.

SPIEGEL ONLINE: Beschäftigen Sie sich noch mit Figuren, nachdem Sie einen Film fertiggestellt haben oder ist das Kino Ihr Weg, sie sich auszutreiben?

Mann: Sie bleiben alle bei mir. Kürzlich habe ich bei einer Retrospektive meiner Filme in der Cinémateque in Paris nach sechs Jahren wieder "Heat" gesehen. Auf großer Leinwand, wie es sich gehört. In der Szene, in der Al Pacino und Robert De Niro sich am Tisch unterhalten und sofort zur Sache kommen, spricht Pacino von einem immer wiederkehrenden Traum, in dem er die stummen Gesichter all der Toten sieht, die er im Laufe seiner Karriere als Cop vor sich hatte. Genau so fühle ich mich: Die Charaktere aus meinen Filmen sind stets bei mir und schwirren in meinem Unterbewusstsein herum.

Das Interview führte Roland Huschke



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