Regisseurin Lone Scherfig "Ich mag dieses ganze Lob nicht"

Vor zwei Jahren eroberte Lone Scherfig mit "Italienisch für Anfänger" weltweit die Kinos, jetzt legt sie ihr Komödien-Drama "Wilbur Wants To Kill Himself" vor. Mit SPIEGEL ONLINE sprach die dänische Filmemacherin über die Vor- und Nachteile des Dogma-Kinos.


Lone Scherfig gewann mit ihrer erfolgreichen Dogma-Komödie "Italienisch für Anfänger" (2000) den Silbernen Bären der Filmfestspiele Berlin. "Wilbur Wants To Kill Himself" (Deutschlandstart am 18. September) ist ihr erster komplett in englischer Sprache gedrehter Spielfilm
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Lone Scherfig gewann mit ihrer erfolgreichen Dogma-Komödie "Italienisch für Anfänger" (2000) den Silbernen Bären der Filmfestspiele Berlin. "Wilbur Wants To Kill Himself" (Deutschlandstart am 18. September) ist ihr erster komplett in englischer Sprache gedrehter Spielfilm

SPIEGEL ONLINE:

Frau Scherfig, "Italienisch für Anfänger" war der erfolgreichste dänische Film aller Zeiten. Macht einen so ein Höheflug nicht verrückt?

Lone Scherfig: Wäre ich ein paar Jahre jünger gewesen, dann hätte ich wahrscheinlich den Boden unter den Füßen verloren. Aber mit 43 kann ich mit so etwas ganz gut umgehen. Außerdem hat sich in meinem Leben nicht viel verändert. Ich habe mir keine teuren Teppiche gekauft. Ich habe noch nicht einmal ein Kindermädchen.

SPIEGEL ONLINE: Aber irgendetwas muss sich durch den Erfolg des Films für Sie doch verändert haben?

Scherfig: Ich habe jetzt einen viel besseren Zugang zu guten Drehbüchern. Etwas, was ich mir schon vor zehn Jahren gewünscht hätte. Manchmal siehst du Filme und denkst: Warum konnte ich das nicht machen? "Die Reisen des Mr. Leary" mit William Hurt und Geena Davis ist so ein Fall. Da könnte ich mit dem Kopf gegen die Wand schlagen und schreien: Hättet ihr mir doch dieses Drehbuch gegeben! - Damit will ich nicht sagen, dass ich's besser gemacht hätte.

Scherfig-Film "Wilbur Wants To Kill Himself", Hauptdarsteller Jamie Sives: "Ich suche einfach nach Momenten von Ehrlichkeit und Echtheit"
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Scherfig-Film "Wilbur Wants To Kill Himself", Hauptdarsteller Jamie Sives: "Ich suche einfach nach Momenten von Ehrlichkeit und Echtheit"

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht? Mit Ihrer Erfahrung und soviel Erfolg im Rücken?

Scherfig: Lassen Sie's gut sein. Ich mag dieses ganze Lob nicht. Das hilft mir nicht, eine bessere Regisseurin zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Was hilft ihnen denn dabei?

Scherfig: Einfach immer weiter arbeiten. Vielleicht werde ich auch eine bessere Regisseurin, indem ich an der dänischen Filmhochschule in Kopenhagen unterrichte. Die Studenten stellen mir interessantere Fragen als viele andere Leute. Und dann gibt es noch Lars von Trier, den Begründer der Dogma-Bewegung. Er ist einer der besten Kritiker meiner Filme.

SPIEGEL ONLINE: Was hat er denn zu Ihrem neuen Werk "Wilbur Wants to Kill Himself" gesagt? Seine Firma Zentropa hat es ja immerhin mit produziert.

Scherfig: Er meinte, ich hätte mehr Dogma-Elemente verwenden sollen. Seiner Ansicht nach ist der Film im Vergleich zu "Italienisch für Anfänger" zu glatt.

SPIEGEL ONLINE: Und was meinen Sie dazu?

Scherfig: Wenn wir "Wilbur" so gemacht hätten, wäre so etwas wie emotionale Pornografie draus geworden. Immerhin dreht sich der Film um sehr düstere Themen: Selbstmord, Krebs, Ehebruch. Da kann man mit der Kamera nicht so nahe an die Gesichter heranrücken. Lieber bin ich ein wenig auf Distanz gegangen oder habe die Schauspieler in vorteilhaften Einstellungen gezeigt.

Vorbild von Trier: "Normalerweise sagen dir deine Produzenten genau das Gegenteil"
DPA

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SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht lästig, so einen Übervater wie Lars von Trier zu haben?

Scherfig: Es ist immer gut, wenn dir jemand sagt, du kannst unkommerzielle und ästhetisch weniger polierte Filme drehen. Normalerweise sagen dir deine Produzenten genau das Gegenteil: Geht's nicht ein bisschen lustiger und leichter?

SPIEGEL ONLINE: In "Wilbur" schaffen Sie und Ihr Co-Autor Anders Thomas Jensen eine Balance zwischen bitterer Tragik und erlösender Komik. Hatten Sie nicht Angst, in eine Richtung abzugleiten?

Scherfig: Ich verlasse mich einfach auf meinen Geschmack. Und der ist wie der des Durchschnittszuschauers. Einerseits will ich keine trostlosen Filme machen. Deshalb habe ich auch Material heraus genommen, das mir zu traurig erschien. Andererseits will ich meinen Charakteren gegenüber fair bleiben: Ich bin zwar immer für einen Scherz zu haben, aber ich würde nie meine Großmutter für einen guten Gag verkaufen. Ich suche einfach nach Momenten von Ehrlichkeit und Echtheit.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark helfen einem die Dogma-Regeln bei dieser Suche?

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Scherfig: Sehr. Denn du hältst automatisch nach der einfacheren und spontaneren Lösung Ausschau. Du benutzt Dinge, die du am Drehort zufällig findest, und baust sie in den Film mit ein. Statt alles zu kontrollieren, überlässt du dich deinen Instinkten. Dabei lernst du, dass Szenen, die nach nichts aussehen, völlig spektakulär sein können. Das Betreten einer Bäckerei kann dich mehr mitreißen als eine Autojagd. Deshalb habe ich "Wilbur", obwohl das kein Dogma-Film ist, auch relativ klein gehalten.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie die Handlung aus Ihrer Heimat Dänemark nach Schottland verlegt?

Scherfig: Sie war ursprünglich in Dänemark angesiedelt. Aber dann gab es dort finanzielle Probleme; gleichzeitig erhielt ich die Möglichkeit, in Schottland zu drehen. Ich habe gesehen, dass ich die dramatischen Elemente der Geschichte auf diese Weise noch verstärken kann. In Schottland gibt es viel schärfere soziale Gegensätze. Eine Figur wie Alice, die ohne Familie und Freunde lebt und außerdem noch den schlimmsten Job der Welt hat, die wäre in Dänemark undenkbar. Andererseits haben Dänen und Schotten eine ähnlich selbstironische Mentalität.

SPIEGEL ONLINE: Woraus speist sich Ihre eigene Selbstironie?

Scherfig: Aus dem Wissen, wie wenig ich eigentlich weiß. Je älter ich werde, desto mehr begreife ich das.

Das Interview führte Rüdiger Sturm



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