Regisseurin Marjane Satrapi "Iran ist meine DNS"

Schreckliches Iran, schönes Iran: Im Interview spricht die gefeierte Autorin und Regisseurin Marjane Satrapi über ihre nostalgisch anmutende Liebesgeschichte "Huhn mit Pflaumen", die Widersprüche ihrer Heimat - und weshalb ihre Pariser Freunde keine Partys feiern können.

AP

SPIEGEL ONLINE: Madame Satrapi, seit der Veröffentlichung Ihrer Graphic Novel "Persepolis", in der Sie das Regime der Mullahs angriffen, können Sie nicht mehr nach Iran zurück. Warum feiern Sie Ihr Land in "Huhn mit Pflaumen" in so leuchtenden Farben?

Satrapi: Der Film spielt in einer Zeit, in der die Idee von Demokratie außer Landes floh, Ende der fünfziger Jahre. Doch das letzte Wort, das im Film gesagt wird, lautet: Iran. Ja, ich will den Leuten zeigen: Das Land, das ihr alle so verurteilt, vor dem ihr euch vielleicht sogar fürchtet, ist ein Land, in dem ein Mann eine Frau so sehr liebt, dass er ihretwegen sterben möchte. Ich zeige, was ich schön finde an meinem Land.

SPIEGEL ONLINE: "Huhn mit Pflaumen" erzählt die Geschichte Ihres Großonkels. Wie kamen Sie darauf? Er starb lange vor Ihrer Geburt.

Satrapi: Ich steckte gerade in einer existentiellen Krise, als ich eines Tages unser Familienalbum durchblätterte und mein Blick auf das Foto meines Großonkels fiel. Irgendetwas in seinen Augen war es, eine Sehnsucht, die ich spürte und die mich nicht mehr losließ, bis ich mich entschloss, seine Geschichte als Graphic Novel zu erzählen. Daraus ist dann der Film entstanden.

SPIEGEL ONLINE: Wirft "Huhn mit Pflaumen" einen nostalgischen Blick auf Iran?

Satrapi: Ja, vielleicht, ich vermisse meine Heimat sehr. Ich kann nicht zurück, und das macht mich traurig. Viele Leute glauben, es ist cool, eine Revolution mitzuerleben und einen Krieg. Ich kann Ihnen versichern, dass ich gerne ein total langweiliges Leben geführt hätte - wenn ich dafür meine Familie und meine Heimat hätte behalten können. Das Blau des Himmels hier über Paris ist nicht das Blau des Himmels über Teheran.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich in Paris nicht heimisch?

Satrapi: Ich werde mich wohl nirgendwo heimisch fühlen, das habe ich inzwischen akzeptiert. Meine Heimat ist Iran. Selbst eine Pflanze, die auf einem kargen Boden wächst, braucht genau diesen Boden, weil sie die Nährstoffe gewohnt ist, die in ihm stecken. Das Ganze ist organisch. Iran ist meine DNS. Deswegen feiere ich mein Land in meinem Film. Was ich aber nicht will, ist Folklore.

SPIEGEL ONLINE: Was genau meinen Sie mit Folklore?

Satrapi: Dass man hundert Dinge mit Menschen aus anderen Kulturen gemein hat, sich aber auf die zwei, drei Dinge beschränkt, die einen von den anderen unterscheiden. Und am Ende lautet das Fazit: Seht, wie verschieden wir sind.

SPIEGEL ONLINE: All Ihre Graphic Novels und Filme drehen sich um Ihre Familie. Halten Sie Ihre Familie, die über die halbe Welt zerstreut ist, auf diese Weise zusammen?

Satrapi: Kann gut sein, der Zusammenhalt fehlt mir sehr.

SPIEGEL ONLINE: Kommen Ihre Eltern nach Paris, um Sie zu besuchen?

Satrapi: Ja, regelmäßig, zum Glück.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie, wenn Ihre Eltern krank werden?

Satrapi: Wenn ich das wüsste! Vielleicht treffen wir uns in einem dritten Land, vielleicht kommen sie nach Frankreich. Aber der Gedanke ist sehr, sehr beunruhigend. Wenn ich heute einen Anruf bekomme, dass mein Vater im Sterben liegt, kann ich nicht hin, um ihn noch einmal zu sehen. Du triffst Entscheidungen in deinem Leben, und dafür musst du einen Preis zahlen. Das ist der Preis, den ich zahlen muss. Er ist hoch.

SPIEGEL ONLINE: Was würde passieren, wenn Sie nach Iran zurückkehrten?

Satrapi: Keine Ahnung, das ist ja das Schlimme. Als "Persepolis" in Cannes lief, kam eine offizielle Protestnote aus Teheran. Wenn ich zurückkehre, werden sie mich nicht mit offenen Armen empfangen und sagen: "Schön, Sie wieder bei uns zu haben." Das ist sicher. Ansonsten ist nichts sicher.

SPIEGEL ONLINE: Die Widersprüche machen das Land interessant.

Satrapi: Absolut. Zum Beispiel ist das iranische Regime massiv gegen den Analphabetismus vorgegangen und hat Schulen und Universitäten gegründet. Nun können mehr Menschen lesen und schreiben - verlieren aber die Bindung an die Religion. Oder: Die Trennung der Geschlechter an den Universitäten hat dazu geführt, dass auch viele sehr konservative Eltern ihre Töchter nun auf die Uni schickten. Doch wenn diese Töchter von der Uni zurückkommen, wollen sie nicht mehr die Kerle heiraten, die ihre Eltern für sie ausgewählt haben.

SPIEGEL ONLINE: Die Filmregisseure Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof wurden zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt, legten Berufung ein und konnten in der Zeit bis zur Revision dennoch neue Filme drehen.

Satrapi: In Iran können Sie alles sagen und alles machen, und Sie können nichts machen und nichts sagen. Ich bin ziemlich viel herumgekommen in der Welt, doch ich kenne kein anderes Land, in dem die Widersprüche so extrem sind wie in Iran. In einem einzigen Satz können wir etwas sagen - und genau das Gegenteil davon. Deswegen sind wir so gut in Poesie.

SPIEGEL ONLINE: Sie klingen sehr stolz...

Satrapi: Und ob! Die Iraner sind sehr individualistisch. In Iran hat es immer schon eine Opposition gegeben, schon vor über 2000 Jahren. Iran ist nicht Afghanistan, nicht Saudi-Arabien. Bei uns fahren Frauen Bus und arbeiten als Ärztinnen - unter diesem Regime! Das heißt nicht, dass dieses Regime gut ist. Aber es heißt, dass die Frauen bei uns nicht rumsitzen und warten, dass ihr Mann nach Hause kommt.



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