Regisseurin Samira Makhmalbaf "Ist da jemand unter den Burkas?"

Eine Frau als Präsidentin von Afghanistan? Verrückte Idee - und der perfekte Stoff für einen Film. Samira Makhmalbaf hat ihn gedreht: "Fünf Uhr am Nachmittag" ist ein Glanzstück politisch engagierter Kunst. Mit SPIEGEL ONLINE sprach die 24-jährige Regisseurin über mutige Töchter, die Macht der Taliban und die Funktion von Massenmedien.


 Regisseurin Makhmalbaf: "Die Stimme der Menschen, nicht die der Politiker"
AP

Regisseurin Makhmalbaf: "Die Stimme der Menschen, nicht die der Politiker"

SPIEGEL ONLINE:

Frau Makhmalbaf, Sie waren die erste Regisseurin, die nach dem Sturz des Taliban-Regimes nach Kabul kam, um einen Film zu machen. Wie haben die Menschen reagiert?

Makhmalbaf: Fast alle Frauen trugen noch ihre Burkas, obwohl seit dem Umsturz ein Jahr vergangen war. Die meisten hatten Angst, die Taliban kämen zurück. Aber ich merkte, die Frauen waren auch voller Hoffnung.

SPIEGEL ONLINE: Auch Noqreh, ihre Hauptdarstellerin, ist zu Beginn des Films voller Hoffnung. Sie will sogar die erste Präsidentin von Afghanistan werden. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Makhmalbaf: Ich habe die Mädchen in der wieder eröffneten Schule von Kabul besucht. Ich war neugierig, wie weit sie gehen würden, und fragte sie, ob sie gerne Präsidentin von Afghanistan werden wollen. Zuerst sagten alle, dass das nicht geht, doch nach einer Stunde Diskussion waren alle begeistert. Und jede hatte gute Gründe dafür. Diese Idee möchte ich in meinem Film erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht ein bisschen naiv?

Makhmalbaf: Vielleicht. Aber wenn man Noqreh im Film erlebt, dann sieht man, dass sie eine Präsidentin ist, sie verhält sich dementsprechend und sie fühlt sich für die Menschen verantwortlich. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass sie keine Schauspielerin ist, sondern eine Lehrerin aus Kabul.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiteten in "Fünf Uhr am Nachmittag" ausschließlich mit Laiendarstellern. Wie konnten Sie die Frauen, denen es jahrelang verboten war, ihr Gesicht zu zeigen, für ihr Projekt gewinnen?

Makhmalbaf: Es war sehr schwer. Aber wir hatten eine gemeinsame Sprache, und ich habe mitten unter ihnen gelebt. Zuerst hatten alle Angst vor der Kamera, was Kino bedeutet, wussten sie nicht. Am ersten Tag in Kabul wollte deshalb niemand in unserem Film mitspielen, am Tag unserer Abreise meldeten sich tausende Freiwillige für die Zusatzaufnahmen, auch Frauen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sie zu Beginn bewegt, nach Afghanistan zu gehen und diesen Film zu machen?

 Szene aus "Fünf Uhr am Nachmittag": "Die wirtschaftlichen und kulturellen Probleme bestehen weiterhin"
Alamode

Szene aus "Fünf Uhr am Nachmittag": "Die wirtschaftlichen und kulturellen Probleme bestehen weiterhin"

Makhmalbaf: Nach den Flugzeugattentaten in Amerika haben sämtliche Medien ununterbrochen über Afghanistan berichtet. Dennoch wusste ich nicht, was wirklich dort passiert ist, ich konnte die Realität nicht spüren. Also bin ich hingegangen. Ich wollte keinen "Rambo in Afghanistan" drehen, wie es die Amerikaner vor einigen Jahren gemacht haben. Ich wollte wissen: Ist da jemand unter den Burkas, ist da jemand lebendig? Ich wollte die Stimme der Menschen hören, und nicht die der Politiker.

SPIEGEL ONLINE: Sie fühlten sich durch die Medien nicht ausreichend informiert?

Makhmalbaf: Die Funktion der Massenmedien besteht doch nur aus der Verbreitung von Unwissenheit. Zuerst hört man alles über ein Land, dann plötzlich nichts mehr. Ab diesem Moment soll man wohl glauben, dass in der Region alle Probleme gelöst sind. Das ist alles einseitig. Also bin ich nach dem ganzen Rummel nach Afghanistan gegangen, um mit dem Medium Film die Situation dort besser begreiflich zu machen.

SPIEGEL ONLINE: In einigen Szenen zeigen sie Männer, die sich zur Wand drehen, wenn unverhüllte Frauen vorbeigehen. War das immer noch die Situation in Kabul?

Makhmalbaf: An meinem ersten Tag ging ich in ein Hotel, ein Tuch bedeckte mein Haar. Ein alter Mann sah mich, drehte sich sofort zur Wand und schloss seine Augen. Das war jemand der alten Generation. Er zeigte mir, dass die Taliban nicht mehr an der Regierung sind, aber in den Köpfen vieler Menschen weiter leben. Dieser Mann handelte aus der Sicht von Tradition und Kultur. Mir war klar: Auch das gibt es in Afghanistan, auch das musst du in deinem Film zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch ist "Fünf Uhr am Nachmittag" weniger kritisch als beschreibend.

Filmszene: "Ist da jemand lebendig?"
Alamode

Filmszene: "Ist da jemand lebendig?"

Makhmalbaf: Ich habe versucht, tiefer zu gehen. Was ich gelernt habe, ist, nicht zu kritisieren, bevor man etwas wirklich kennt und versteht. Wenn du den Menschen zuhörst, sie kennen lernst, verstehst du sie auf eine andere Weise. Ich habe versucht, einen Vater, der das Regime der Taliban und deren Kultur unterstützt, zu verstehen, und genauso seine Tochter, die gegen diese Kultur ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum endet der Film so tragisch?

Makhmalbaf: Ich wollte nicht lügen. Manches in Afghanistan ist vielleicht besser als früher: Frauen besuchen wieder die Schule, sie können unverhüllt über die Straße gehen. Aber die wirtschaftlichen und kulturellen Probleme bestehen weiterhin. Wenn sich die Realität in Afghanistan entsprechend ändert, dann mache ich auch einen Film mit Happy-End.

Interview: Nicola Kuhrt



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