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Satanismus-Drama "Regression": Der Teufel geht um

Foto: Tobis Film/ Jan Thijs

Teufels-Drama "Regression" Die Seele, ein einsamer Planet

Alejandro Amenábar erschafft in seinen Filmen meisterhaft ein schleichendes Grauen. In "Regression" erzählt er von der tiefen Furcht, die das Kleinstadt-Amerika im Würgegriff hält - und von einem blutrünstigen Satanskult.

Das Minnesota der Neunzigerjahre sieht verdammt grau aus, ein Ort im ständigen Zwielicht, eine öde Brache, die vielleicht die Trostlosigkeit in den Köpfen ihrer Einwohner spiegelt.

"Nach wahren Begebenheiten" erzählt Alejandro Amenábar - und genau diese farbentsättigte, traurige Bleiche des Kleinstadt-Amerikas, die für die Dreharbeiten freilich in der Umgebung von Toronto entstand, macht aus dieser Floskel eher eine Drohung als eine Beruhigung.

Was also wahr ist und was unwahr und wie schlecht wir Menschen geeignet sind, die Grenze dazwischen zu ziehen - diese Frage ist stets präsent in den Filmen des chilenisch-spanischen Regisseurs. In "Abre los ojos" von 1997 träumt sich ein Entstellter in ein lang ersehntes besseres Leben. Im Geisterfilm "The Others" aus dem Jahr 2001 lebt eine Familie auf einer der beiden Seiten unserer Wirklichkeit, nur um am Ende festzustellen, dass die andere Seite ebenfalls existiert, getrennt von der eigenen Realität durch eine Membran, so dünn wie kaum durchdringlich.

Steht unser überfordertes Hirn also der wahren Erkenntnis nur im Wege, oder ist es nicht vielmehr so, dass die Tiefen und Untiefen der menschlichen Psyche noch immer das geheimnisvollste aller Terrains bilden? Was sind Menschen bereit, anderen anzutun, und mag das manche der Täter so entsetzen, dass sie diese Schuld vor sich selbst verstecken?

Vom Vertrauen ins Unfassbare

Die 17-jährige Angela Gray, von Emma Watson als verheultes, zerstörtes Bündelchen von einer jungen Frau gespielt, hat sich in die Obhut der Kirche zurückgezogen. Sie beschuldigt ihren Vater John, sie missbraucht zu haben, doch der kann oder will sich an nichts erinnern.

Der ermittelnde Detective Bruce Kenner (Ethan Hawke) wendet sich an den Psychologen Kenneth Raines (David Thewlis), der die sogenannte regressive Therapie anwendet, um bei seinen Patienten verschüttete Erinnerungen freizulegen. Bei diesem begleiteten, tranceartigen Rückschreiten in die eigene Vergangenheit tauchen bestialische Bilder im Kopf des ohnehin schon reichlich verzweifelten John Gray auf, und nach hartnäckiger Befragung formt sich auch ein Name in seinen Erinnerungen: der von Kenners Kollege George Nesbitt.

Kenner zögert bemerkenswert kurz, bis er diese Anschuldigung verdaut hat. Die ganze Erzählung handelt im Grunde davon, dass das eigentlich Unfassbare möglich ist, sich unter uns befindet tief im Herzen Amerikas, in Gestalt unserer Großmütter, Söhne, Väter: Seltsame Berichte geistern durchs Land über Satanskulte, über Riten voller Unzucht, über Schlachtungen von Tieren und auch von Menschen.

Im Video: Der Trailer von "Regression"

Tobis Film

Es ist die Zeit der sogenannten "West Memphis Three", dreier junger Männer, Satanisten angeblich, die 1994 wegen der Morde an drei Kindern verurteilt wurden. In Filmen ist dieser Fall, der höchstwahrscheinlich mit einem Justizirrtum endete, schon mehrfach neu aufgerollt worden, von Joe Berlinger in der Dokumentarfilmreihe "Paradise Lost" etwa oder von Atom Egoyan im Spielfilm "Devil's Knot".

Die Folterkeller der Seele

Aus deren letztlich journalistisch aufbereiteter Recherche entsteht in der Geschichte, die Amenábar erzählt, eine Konfrontation von zwei maximal unterschiedlichen Welten. Kenner wird zugeraunt, die Finger von der Sache zu lassen, mit den Satansjüngern sei nicht zu spaßen. Sein Telefon klingelt, und vom anderen Ende der Leitung kommt nur ein bedrohliches Schnaufen. Und dann sind da noch die Bücher und Talkshows, die von einer Gesellschaft erzählen, in der mancher längst vom Teufel geholt worden ist.

Aus der Welt der mühsamen Polizeiarbeit, aus dem bürokratischen Blaugrau von Verhören, Berichten und Protokollen albträumt sich Kenner immer wieder fort in Kultfantasien, in Folterkeller voll mit Ketten und Haken und ins Blutrote der geöffneten Opferleiber. Wollen sie ihn? Haben sie ihn längst? Erinnert sich John Gray, dieser Ex-Alkoholiker und wiedergeborene Christ, tatsächlich an furchtbare Dinge, oder ist in seinem Kopf eine ganz eigene Wirklichkeit entstanden, geformt aus Schnaps, Frömmelei, hysterischer Berichterstattung und einer neuen, wissenschaftlich durchaus umstrittenen psychologischen Behandlung?

Das Schicksal der Familie Gray, so empathisch es in seinem Drehbuch auch angelegt sein mag, lässt den Betrachter in Amenábars Umsetzung dennoch reichlich kalt. Dafür forciert er ästhetisch den Zusammenprall vom Alltag und seiner möglichen, karnevalistisch brutalen Kehrseite so, als existierten unsere Seelen auf zwei unterschiedlichen Planeten.

Der Planet Seele ist im Orbit von Amenábars Kinoschaffen jedoch schon immer ein ziemlich einsamer gewesen.

Regression

Spanien, Kanada 2015

Drehbuch und Regie: Alejandro Amenábar

Darsteller: Emma Watson, Ethan Hawke, David Thewlis, Devon Bostick, Dale Dickey, Aaron Ashmore

Produktion: First Generation Films, Mod Producciones, Himenoptero

Verleih: Tobis Film

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 16 Jahren

Start: 1. Oktober 2015

Regression - Offizielle Website 
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