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Renée Zellweger als Judy Garland Eine Frau, die nicht zu fassen ist

Die Filmbiografie "Judy" erzählt von der letzten Konzerttour des Hollywoodstars Judy Garland - und wird zum Triumph für ihre Hauptdarstellerin Renée Zellweger.

Wenn Hollywoodstars ihre besten Jahre hinter sich und mit allerlei Problemen zu kämpfen haben, bleibt ihnen als letzte Chance noch eine Reise ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten: nach Großbritannien. Es scheint, zumindest im Kino, eine Art Jungbrunnen für alternde Schauspieler zu sein. Vor einigen Monaten erzählte die Filmbiografie "Stan & Ollie" von einer Comeback-Tour des früheren Stummfilm-Duos Stan Laurel und Oliver Hardy durch britische Varietés, nun folgt "Judy".

Das Biopic des Regisseurs Rupert Goold handelt von den letzten Lebensmonaten der Schauspielerin und Sängerin Judy Garland, die 1939 als Teenager durch das Kinomusical "The Wizard of Oz" ein Star wurde. Garland, Mutter von Liza Minnelli, starb 1969 in London mit 47 Jahren an einer Überdosis Schlaftabletten. Die 50-jährige Texanerin Renée Zellweger ("Bridget Jones") macht aus ihr eine fragile, schlaue, witzige, mit sich selbst hadernde und doch über alle Zweifel triumphierende Grande Dame.

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Biopic "Judy": Eine Frau, die nicht zu fassen ist

Foto: eOne

Garland reißt das Londoner Publikum in dem Film zu Jubelstürmen hin, wenn sie mit brüchiger und dennoch kraftvoller Stimme Songs wie "Over the Rainbow" oder "By Myself" singt. Zwischendurch zeigt "Judy" immer wieder kurze, schlaglichtartige Szenen aus der Jugend des Stars. Garland fing in einer Zeit in Hollywood an, als es üblich war, dass Studiobosse, Produzenten und Regisseure Stars nach ihren Vorstellungen modellierten, ihnen neue Namen gaben, ihre Biografien umschrieben, ihre Zähne richten und ihre Nasen begradigen ließen. Junge Schauspielerinnen galten als Rohstoff.

"Judy" macht aus seiner Titelheldin ein Opfer des systematischen Missbrauchs, den Hollywood damals betrieb. Um sie für die langen Drehtage fit zu halten, wurden ihr Aufputschmittel gegeben, zum Schlafen verabreichte man ihr Barbiturate. In einer kurzen Szene ist zu sehen, wie der Studioboss Louis B. Mayer die noch minderjährige Garland streichelt. Der Zuschauer hat den Eindruck, dass es dabei nicht blieb. Der Film will den Bogen schlagen vom Hollywood der Dreißigerjahre bis hin zu Harvey Weinstein.

Seiner Heldin tut er damit keinen Gefallen. Die Tablettenabhängigkeit und Alkoholsucht der erwachsenen Garland, ihre Stimmungsschwankungen und Depressionen wirken wie zwangsläufige Folgen traumatischer Kindheitserfahrungen. Ein Zug, der 30 Jahre zuvor auf die Schiene geschoben wurde, fährt auf seine Endstation zu: Ist es denn ein Wunder, dass Garland so dürr ist, wenn man ihr als Teenager verboten hat, von der eigenen Geburtstagstorte zu naschen?

Der Film ist ein Beispiel dafür, wie sehr das Gegenwartskino in einem Biografismus gefangen ist, der die Hauptfiguren vor allem zu Produkten ihrer Kindheit erklärt. Selbst Marvels Superhelden oder James Bond schleppen heute Traumata mit in die Schlacht. "Judy" zwängt seine Heldin in ein Erklärungsmuster, das kaum weniger simpel ist als das Image, das Louis B. Mayer ihr gab. Doch zum Glück hat Regisseur und Co-Drehbuchautor Goold seine Rechnung ohne Renée Zellweger gemacht.

Bei ihr ist Garland eine Frau, die der Zuschauer nie zu fassen bekommt. Zellweger greift die Klischees auf, die man von einer kapriziösen Diva haben könnte, und fängt an, mit ihnen zu jonglieren. Ja, sie sucht sich einen jüngeren Liebhaber und heiratet ihn sogar. Doch aus jeder Begegnung mit ihm macht sie eine pulsierende Mischung aus Duell und Duett. Ja, oft wirkt sie leer und ausgezehrt, doch dann bricht sich plötzlich wieder eine ungeahnte Energie Bahn.

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Betrunken und hellsichtig, schwermütig und selbstironisch - Zellweger bringt in ihrer Darstellung schwer Vereinbares mit bewundernswerter Leichtigkeit zusammen. Sie braucht keine einzige Rückblende, um ihre Figur mit Leben zu füllen. Sie spielt die ganzen Verletzungen und Versehrungen, die Garland in ihrem Leben erlitten und hinter sich gelassen hat, ganz lässig mit.