"Requiem for a Dream" Achterbahnfahrt in die Hölle

Darren Aronofskys Horrortrip "Requiem For A Dream" ist jetzt schon ein Klassiker. Doch das deutsche Publikum muss sich anstrengen, wenn es ihn entdecken will.

Von Rüdiger Sturm


Filmszene aus "Requiem For A Dream" mit Jennifer Connelly und Jared Leto
Artisan

Filmszene aus "Requiem For A Dream" mit Jennifer Connelly und Jared Leto

Warum sehen wir Filme? Vielleicht weil wir Erfahrungen suchen, die unser Alltag nicht bietet. Im Cyberspace des Zelluloids bekommen wir Adrenalinstöße, Weinkrämpfe oder sogar neue Erkenntnisse. Aber was ist, wenn wir diese Dosis nicht verkraften? Sind wir bereit, die Hölle zu erleben?

Darren Aronofskys "Requiem for a Dream" bringt uns genau dorthin. Wie das klassische Hollywood-Kino nimmt er den Zuschauer auf eine Achterbahnfahrt. Aber auf eine, deren Absturz programmiert ist. Die Geschichte liefert ihm der gleichnamige Roman von Hubert Selby Jr. ("Letzte Ausfahrt Brooklyn"), der die Sucht-Dramen von vier Personen schildert. Doch Aronofsky wollte keinen Film über Junkies machen: "Die sind absolut langweilig und uninteressant." Bei ihm geht es um die verschiedensten Arten von Abhängigkeit: "Wir sollten fragen: Mein Gott, was ist eine Droge?" Das kann Heroin sein wie bei drei jungen Leuten (Jared Leto, Marlon Wayans und Jennifer Connelly), das kann die Sucht nach Anerkennung sein, die die Mutter eines Dealer (oscarnominiert: Ellen Burstyn) in den Diätwahn treibt.

"Requiem for a Dream" ist kein Sozialdrama, sondern ein "Monsterfilm". Die Sucht wird zu einem Wesen, das es sich zum Ziel gesetzt hat, seine Opfer leiden zu lassen. Und wie sie leiden: sexuelle Erniedrigung, Verstümmelung, Wahnvorstellungen, Gefangenschaft. Aronofsky erspart uns und den Protagonisten nichts.

Filmszene mit Ellen Burstyn: Geister aus dem Fernseher
Artisan

Filmszene mit Ellen Burstyn: Geister aus dem Fernseher

Bei den Dreharbeiten überlegte er ständig mit seinem Kameramann Matthew Libatique: "Was macht das Monster in dieser Szene?" Auf diese Weise schufen sie ständig neue Horrorszenarien. Vor allem das Diät-Drama der Mutter wird zu einer Folge halluzinatorischer Bilder: Auf die hungernde Frau stürzen aus einem Lüftungsschacht Massen von Gebäck, überall erscheinen ihr brutzelnde Hamburger; als durch ihre Schlankheitspillen den Verstand verliert, spazieren die Gestalten ihrer Lieblingsshow wie Geister aus dem Fernseher und lachen sie aus; schließlich irrt sie verstört durch die Straßen, auf denen sich alle anderen Menschen im Zeitraffer-Tempo bewegen.

Parallel dazu entwickelt sich die Geschichte der drei Junkies zu einem regelrechten Inferno. Anfänglich umschmeichelt der Film mit harmlosen Szenen im Sommer; erst wenn das Kapitel "Herbst" beginnt (der amerikanische Begriff "Fall" bietet den richtigen Doppelsinn), merkt der Zuschauer, auf welchen Trip er sich eingelassen hat. Doch dann ist es schon zu spät. Denn dieser Film startet eine Attacke auf das zentrale Nervensystem.

Lieferte die Vorlage: Hubert Selby Jr.
Artisan

Lieferte die Vorlage: Hubert Selby Jr.

Aronofsky setzt dafür ein ganzes Arsenal an Stilmitteln ein, das sonst mit dem Schlagwort "MTV-Ästhetik" abgetan wird: angefangen von atemlosen Schnitten hin zur Computermanipulationen der Bilder. Aber anders als Ballermänner wie Michael Bay schießt er kein sinnloses optisches Feuerwerk ab; jedes seiner Instrumente ist in der Wirkung strategisch kalkuliert. Etwa so, als hätte ein hoch intelligenter Terrorist eine gefüllte Waffenkammer für sich entdeckt, in der sich vorher nur stümperhafte Kleingauner herumgetrieben haben. Und als ob dieser visuelle Alptraum nicht genug wäre, forciert ihn Aronofsky auch noch akustisch durch Sound Design und die kongeniale Musik von Clint Mansell (interpretiert vom Kronos-Quartett). Das "Winter"-Kapitel wird schließlich zur wahren Apocalypse Now.

Wer sich in Deutschland davon überzeugen will, muss auf die Suche gehen. Der Verleih veröffentlichte "Requiem" zuerst nur auf Video, startet ihn ab 3. Januar 2002 nun doch im Kino - allerdings nur mit einer Kopie. Doch um diesen Trip zu erleben, braucht der Zuschauer nicht nur Findigkeit, sondern vor allem eins: Mut.

"Requiem for a Dream". USA 2000. Regie: Darren Aronofsky; Drehuch: Hubert Selby Jr., Darren Aronofsky; Darsteller: Ellen Burstyn, Jared Leto, Jennifer Connelly, Marlon Wayans. Verleih: Highlight Film. Länge: 102 Minuten. Start: 3. Januar 2002.



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