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Résistance-Drama "Das Meer am Morgen": Ernst Jünger und die Grande Nation

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Widerstandsfilm "Das Meer am Morgen" Land der Dichter und Henker

Der Salonlöwe schmückt sich mit Eisernem Kreuz und schönen Worten: Volker Schlöndorffs Film "Das Meer am Morgen" über Ernst Jünger zeigt, wie sich der NS-Apparat über die Strategie gegen die Résistance zerstritt - und der französische Widerstand unter sich. Ein TV-Ereignis ohne Event! Großartig.
Von Jörg Schöning

Am Nachmittag des 22. Oktober 1941 werden in der Bretagne, als Vergeltungsmaßnahme für das Attentat auf einen deutschen Offizier, 27 französische Geiseln aus einem Internierungslager bei Choisel durch ein Erschießungskommando hingerichtet. Der Jüngste der Erschossenen ist gerade mal siebzehneinhalb. Im Abschiedsbrief von Guy Môquet heißt es: "Gewiss würde ich gerne leben, aber was ich von ganzem Herzen wünsche, ist, dass mein Tod zu etwas gut sein möge."

Zum Zeitpunkt von Môquets Tod bummelt der deutsche Schriftsteller Ernst Jünger, seit dem Frühjahr als Hauptmann der Hitler-Armee in Frankreich stationiert, in Begleitung einer "südlichen Modistin" durch Paris. In seinem Tagebuch hat er notiert: "Ich machte mir das Vergnügen, ihr in einem Salon unweit der Opéra einen Hut zu kaufen, ein Modelchen von der Größe eines Kolibrinestes, mit einer grünen Feder darauf."

Ernst Jünger war mit den Erschießungen in der Bretagne persönlich "befasst", wie man das damals so nannte. Im Auftrag des militärischen Befehlshabers, des Generals Otto von Stülpnagel, hat er die Vorgänge um die Exekutionen und weitere Vergeltungsmaßnahmen gegen den französischen Widerstand in einem Geheimbericht "Zur Geiselfrage" zu Papier gebracht. Sein Text, ergänzt um Abschiedsbriefe der Exekutierten, tauchte erst nach Jüngers Tod in dessen Nachlass auf. Veröffentlicht wurde er 2003, die Buchausgabe erschien im vergangenen Herbst.

Der Denker mit dem Eisernen Kreuz

Klug hat Volker Schlöndorff Passagen aus Jüngers Denkschrift in seinen Fernsehfilm integriert. In ihm bleibt der Autor gleichwohl eine Randfigur. Aus Jüngers distanzierter Perspektive wird der Zuschauer mit dem zentralen Konflikt zwischen der politischen Führung und ihren Statthaltern in Frankreich vertraut gemacht: Während Berlin die sich formierende Résistance durch drakonische Maßnahmen unterdrücken will, befürchtet man in Paris zu Recht, dass der Widerstand dadurch eskaliert.

Der Schauspieler Ulrich Matthes (der 2003 schon in Schlöndorffs Widerstandsdrama "Der neunte Tag" mitwirkte) zeichnet den Dichter in Dienstuniform als blasierten Vertreter eines geistigen Höhenmenschentums, der eher als Salonlöwe denn als homme de lettre brilliert. Jüngers fahrlässige Formulierung "In Nantes sind die ersten Geiseln hingerichtet worden. Ohne Zwischenfälle, ohne Gewaltanwendung" greift der Film jedenfalls dankbar auf, ehe der Denker mit dem Eisernen Kreuz Allgemeinplätze raunt: "Der Mensch scheint erst im Angesicht des Todes zu seiner wahren Größe zu finden."

An den jüngerschen Menschheitsfragen nicht sonderlich interessiert, konzentriert sich Schlöndorffs Film dankenswerterweise aufs Konkrete. "Das Meer am Morgen" ist der Glücksfall eines Dokumentarspiels: Die Personen, ihre Handlungen und Worte, sind historisch belegt, die Konsequenzen ihres Handelns hochdramatisch - und noch heute Auslöser für beträchtliche Emotionen. Die Einfühlung in die Geschichte erleichtert Schlöndorff, indem er in sein ansonsten strikt dokumentarisches Drehbuch ein Gedankenspiel einfließen lässt.

Ein Akt der deutsch-französischen Verständigung

Gestalt gewinnt es in der fiktiven Figur eines jungen Wehrmachtssoldaten (Jacob Matschenz), der im Rahmen einer Strafaktion in die Reihen des Erschießungskommandos versetzt wird. Er ist dem Protagonisten einer Kriegserzählung von Heinrich Böll nachempfunden, und mit ihm hält Schlöndorff eine Identifikationsmöglichkeit auch für deutsche Fernsehzuschauer bereit. Was ganz nützlich ist, denn sein Film rührt vor allem ans Selbstverständnis der Grande Nation.

Denn Zwist wie auf deutscher Seite gab es auch auf der französischen. Den tiefen Graben zwischen denen, die mit den Deutschen zusammenarbeiten, und jenen, die den Widerstand organisieren, macht der Film deutlich. Wie auch die fatale Strategie, den Tod eines 17-jährigen Jungkommunisten - oder den der internierten Juden - hinzunehmen, solange den "guten" Franzosen nichts Böses geschieht.

Den Abschiedsbrief von Guy Môquet ließ Nicolas Sarkozy am Tag seines Amtsantritts als Staatspräsident im Mai 2007 erstmals öffentlich verlesen. Seither wird sein Text am Todestag, dem 22. Oktober, an allen Schulen Frankreichs von Schülern vorgetragen. Als französisch-deutsche Co-Produktion ist "Das Meer am Morgen" also auch eine Reaktion auf dieses Bekenntnis zu den Opfern des Nazi-Regimes, das in Frankreich den kommunistischen Widerstand ganz selbstverständlich einschließt.

Insofern ist es nur ein Akt der deutsch-französischen Verständigung, wenn Schlöndorffs ebenso spannender wie menschlich berührender Film sogar den Ausruf "Es lebe die Kommunistische Partei Deutschlands" Primetime-fähig macht. Eventfernsehen ist das nicht. Aber ein Ereignis.


"Das Meer am Morgen", Freitag, 23. März, 20:15 Uhr, Arte

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