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Revoluzzer-Utopie "In Time": Justin Forever

Foto: Twentieth Century Fox

Revoluzzer-Utopie "In Time" Justin für alle Ewigkeit

Justin Timberlake mischt den Kapitalismus auf! In der Science-Fiction-Räuberpistole "In Time - Deine Zeit läuft ab" verteilt er an Bedürftige das Zahlungsmittel der Zukunft: Lebenszeit.
Von Andreas Banaski

In einer ressourcenarmen Zukunft wird die Lebenszeit knapp gehalten. Mit 25 Jahren stoppt beim genmanipulierten Menschen der Alterungsprozess, danach bekommt er noch ein Jahr Gnadenfrist. Arbeitslohn wird als Bonus draufgeschlagen, inflationär steigende Kosten für Lebenshaltung und Vergnügungen fressen das Angesparte aber schnell wieder auf. Der aktuelle Kontostand wird per leuchtendem Timecode auf dem Unterarm angezeigt.

Die Kapitalisten haben in Andrew Niccols Blockbuster "In Time - Deine Zeit läuft ab" so Jahrhunderte angehäuft, die Armen müssen sich tagsüber für das Überleben abstrampeln. Wie der Fabrikarbeiter Will Salas (Justin Timberlake), der morgens seiner Mutter zum 50. Geburtstag gratuliert. Der Gag: Mutter (Olivia Wilde), ewig 25 geblieben, sieht jünger aus als der Sohn. Nutzt ihr aber nichts, am nächsten Tag ist ihre Uhr abgelaufen.

In der Zwischenzeit rettet Will einen Lebensüberdrüssigen mit prallem Guthaben vor einer Ghetto-Gang, die die Bezeichnung Tagediebe wörtlich nimmt. Der reiche Aussteiger überträgt, nachdem er kurz über die Ökonomie der Ausbeutung doziert hat, seine Restzeit, über ein Jahrhundert, in einer Mischung aus Blutsbrüdergriff und Handauflegen auf den Proleten Will, dazu schwelgt pastorale Musik. Als die Uhr seines Gönners daraufhin für immer zu schlagen aufhört, wird Will des Mordes verdächtigt und fortan von dem Zeitwächter Raymond Leon (Cillian Murphy), einem lederbemantelten, zynischen Ordnungshüter, gejagt. Denn so ein armer Schlucker kann ja unmöglich auf legale Weise an ein Vermögen gekommen sein.

Von Jesus über Robin Hood zu Bonnie und Clyde

Das alles passiert in den ersten gut 20 Minuten des Films. Danach folgt "In Time" überwiegend der simplen Logik des Actionkinos. Will schnappt sich die erst bockige, dann geläuterte Tochter eines Raffzahns (Amanda Seyfried) und wird zum mildtätigen Outlaw. Nicht nur soziologisch geben die beiden Rächer der Enterbten ein bizarres Paar ab: Wenn Seyfried in grotesken Highheels und mit Barbie-Puppen-Beinchen herumstakst, wirkt sie neben Timberlake eher wie dessen kleine Tochter. Der Ex-Boygroup-Star schlägt sich als Actionheld sehr wacker, auch wenn er immer noch nach Milchbubi aussieht, da hilft auch das Fitnessstudio nicht.

Hört sich eigentlich nach ziemlich haarsträubendem Schund an, der geschmäcklerische Regisseur und Autor Andrew Niccol hat sich aber für eine gelackte Oberfläche, den Retro-Chic, entschieden. Die schnittigen Autos, veredelte Modelle der Sechziger und Siebziger, machen schon was her. Retro sind auch die inhaltlichen, halbverdauten Inspirationsquellen, von ganz alt (Jesus und die Apostel) über mittelalt (Robin Hood) bis zur Rebellen-Patina von "Bonnie und Clyde", Godards "Alphaville" und den amerikanischen Post-68er-Endzeitdramen wie "Logan's Run" und "Soylent Green".

Seit seinem Drehbuch zu Peter Weirs "Truman Show" gilt Niccol in Hollywood als Autorität für ambitionierte Zukunftsszenarien und Gesellschaftskritik, seine Filme vom geschniegelten Genthriller "Gattaca" bis zur Waffenschiebersatire "Lord of War" sind aber eher gut gemeint als gemacht. So auch hier: Der Feldzug des Sozialrevolutionärpärchens rumpelt über Logik-Schlaglöcher. Charaktere sind nicht zu Ende gedacht, sondern bleiben oberflächlich. Die Kapitalismuskritik wird dem Begriffsstutzigen mit dem Dreschflegel eingebläut. Das rechte Lager der US-Kritik schäumte denn auch erwartungsgemäß über den "Kindergarten Karl Marx", was aus dieser Ecke ruhig als Lob verbucht werden kann. Man kann sich hier also, je nach Gemütslage, über die Provo-Pose ärgern oder freuen und sich bei selbstverliebtem Pop-Trash amüsieren. Konjunktur hat die Kapitalismuskritik jedenfalls: Weltweit hat "In Time" bisher über hundert Millionen Dollar eingespielt, da hat sich für die Investoren ihr Kapitaleinsatz schon rentiert.


"In Time - Deine Zeit läuft ab." Start 01.12. Regie: Andrew Niccol. Mit Justin Timberlake, Amanda Seyfried, Cillian Murphy.

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