Sektenfilm "Martha Marcy May Marlene" Wer bin ich - und wenn ja, weshalb?

Sie badet nackt, sie stört beim Sex, sie hat Angst. Aber wovor? Der Paranoia-Thriller "Martha Marcy May Marlene" erzählt von einer jungen Frau mit Sektenvergangenheit.  In der Hauptrolle brilliert eines der höchstgehandelten Talente Hollywoods - die Schwester der Olsen-Zwillinge.
Sektenfilm "Martha Marcy May Marlene": Wer bin ich - und wenn ja, weshalb?

Sektenfilm "Martha Marcy May Marlene": Wer bin ich - und wenn ja, weshalb?

Foto: 20th Century Fox

Beim Versuch der Selbstfindung kann man viel verlieren, Teile seiner alten Persönlichkeit, manchmal sogar den eigenen Namen. Die junge Frau (Elizabeth Olsen), die zum Auftakt von Sean Durkins bemerkenswertem Film "Martha Marcy May Marlene" überstürzt aus dem Farmhaus einer Sekte in den Catskill Mountains flieht, scheint jedenfalls keine Gewissheit mehr in ihrem erst angefangenen Leben zu kennen. Nur dass sie weg muss, dessen ist sie sich ganz sicher.

Nach ihrer Flucht ruft sie von einem nahegelegenen Münzfernsprecher aus eine Nummer an. Am anderen Ende der Leitung fragt eine Frauenstimme, ob sie Martha sei. Die Stimme gehört Lucy (Sarah Paulson), der älteren Schwester des offenkundig lange verschollenen Mädchens.

Lucy holt die sichtlich verstörte Martha mit dem Auto ab, und bringt sie in ihr Sommerhaus in Connecticut. In dem luxuriösen Anwesen am See wollten Lucy und ihr karrierebewusster Ehemann Ted (Hugh Dancy) eigentlich idyllische Ferien verbringen. Nun versucht das Paar stattdessen, eine Beziehung zu der verschlossenen Martha aufzubauen, deren Geschichte beiden ein Rätsel ist.

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Paranoia-Drama "Martha Marcy May Marlene": Sekte vorher, Sommerhaus später

Foto: 20th Century Fox

Aber Martha hat augenscheinlich selbst mit Lücken in ihrer Erinnerung zu kämpfen, und kann oder will die Traumata in ihrer Biografie nicht benennen. Umso mehr irritiert sie Lucy und Ted durch ihr Verhalten.

Wenn sich Martha etwa zum Baden im See vollständig entkleidet, ist dies noch ein vergleichsweise sanfter Schock für ihre Angehörigen. Doch als sie Lucy und Ted während des Geschlechtsakts überrascht, um sich wortlos zu den beiden zum Schlafen ins Ehebett zu legen, dann führt dieses entgrenzte Verständnis von Privat- und Intimsphäre zu profunder Verunsicherung. Vor allem aber hat Martha offensichtlich Angst, ohne dass die Ursachen dieser Furcht für ihre ratlosen Verwandten erkennbar wären.

Mit ihren erratischen Handlungen verursacht Martha, die von einem Moment zum nächsten buchstäblich ein anderer Mensch ist, so eine Eskalation der ohnehin fragilen Situation im Sommerhaus. Im Gegensatz zu Lucy und Ted bekommen die Zuschauer jedoch Einblick in Marthas verschüttete Vergangenheit: Nahtlos und subtil wechselt der Film in Rückblenden, die schlaglichtartig ihre Zeit in der Landkommune beleuchten.

Wir sehen Marthas Ankunft in der Sekte, auf den ersten Blick eine agrarische Lebensgemeinschaft vorwiegend junger Frauen und Männer. Feldarbeit und Folkmusik beschwören ein kollektives Ideal, welches jedoch schon bei den Geschlechterrollen endet. Marthas endgültige Initiation ist denn auch eine als Akt der sexuellen Befreiung verbrämte Vergewaltigung.

Fulminantes Debüt mit fast somnambul wirkendem Spiel

Es ist der charismatische Anführer Patrick - beängstigend und plausibel verkörpert von John Hawkes, der erst im letzten Jahr als vielschichtiger Hillbilly in Debra Graniks "Winter's Bone" beeindruckte - der Martha in Marcy May umtauft, und sie in sein komplexes Regiment aus Zuneigung und Zwang einführt. Klug verzichtet der Film dabei auf platte Parallelisierungen mit berüchtigten Sektenphänomenen wie der Manson-Familie.

Der Verzicht auf grelle Inszenierung macht Marthas Erfahrungen mit einer Gewalt, die sich sowohl nach Innen wie nach Außen richtet, dafür umso nachvollziehbarer und erschütternder. Und ohne übermäßig zu psychologisieren lässt der Film verstehen, warum sich Gegenwart, Vergangenheit, Furcht und Schuld in Marthas Wahrnehmung zusehends verschränken.

Beunruhigend ist dabei nicht nur die Persönlichkeitsstörung, welche Martha aus ihrer Zeit in der Sekte davongetragen hat. Sondern ebenso das allgegenwärtige Gefühl, dass ihr vermeintlicher Verfolgungswahn gar keiner ist, sondern vielmehr die intuitive Reaktion auf eine äußerst reale, näherkommende Bedrohung.

"Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind." Dieses vielzitierte Mantra für Verschwörungstheoretiker hat hier wieder eine ernstzunehmende Bedeutung. Dass Durkins Film nicht nur als intimes Drama über die Suche nach verlorener Identität überzeugt, sondern eben auch als beklemmender Thriller, wurde auf dem Sundance-Filmfestival zu Recht mit dem Regiepreis gewürdigt.

Gleichermaßen gefeiert wurde dort Hauptdarstellerin Elizabeth Olsen, die aufgrund dieses fulminanten Kinodebüts zu den höchstgehandelten Talenten Hollywoods aufschließt. Die jüngere Schwester der geschäftstüchtigen Celebrity-Zwillinge Mary-Kate und Ashley Olsen beherrscht die fordernde Rolle mit ihrem bisweilen fast somnambul wirkenden Spiel, das gerade in dramatischen Szenen eine ruhige Souveränität offenbart.

Darum nimmt man Olsen auch unbedingt den stillen Willen zur Selbstbehauptung ab, wenn das Mädchen zwischen den konkurrierenden Familienaufstellungen Sekte und Sommerhaus aufgerieben zu werden droht. So ist Martha Marcy May Marlene eine gleichsam faszinierende wie berührende Figur, die man im wahrsten Sinne kennenlernen will. Denn genau das will sie selbst schließlich auch.

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