Bestsellerverfilmung "Russendisko" Die Drei von der Trinkstelle

Matthias Schweighöfer und kein Ende. Der Mann spielt momentan überall mit, so auch in der Verfilmung von Wladimir Kaminers Bestseller "Russendisko". Dort gibt er den Autor selbst und macht seine Sache gut. Der Film dagegen zeigt vor allem drei Typen und ihr Dosenbier.

Paramount Pictures

Von


Er schon wieder. Kein Schauspieler bestimmt das deutsche Kino derzeit so wie Matthias Schweighöfer. Das zumindest ist die Wahrnehmung vieler, denn eigentlich war er im vergangenen Jahr gerade mal in zwei Filmen zu sehen. Nur dass die relativ zeitnah starteten, beide ziemlich erfolgreich waren und er bei einem der beiden, "What a Man", auch noch Regie geführt hatte. Dass er im Jahr zuvor mit "Friendship!" die Hauptrolle im meistgesehenen deutschen Film des Jahres spielte, tat sein Übriges.

Tatsächlich wurde wohl nur über keinen anderen deutschen Schauspieler so viel berichtet wie über Schweighöfer. Das kann man ihm nicht vorwerfen. Auch nicht, dass es womöglich gelungenere deutsche Filme gab als "What a Man" und "Rubbeldiekatz". Es gab schließlich auch deutlich schlechtere. Niemand bestreitet ernsthaft sein Talent. Wenige kommen auf der Leinwand so entspannt und sympathisch rüber wie er, ideal für Komödien mit romantischem Einschlag. Soll das etwa immer noch alles Til Schweiger spielen?

Von Moskau nach Mahrzahn

In "Russendisko", Oliver Ziegenbalgs Verfilmung von Wladimir Kaminers berühmtem autobiografischen Erzählband, spielt Schweighöfer nun Kaminer. Und man kann sich sicher fragen, ob es idealere Besetzungen gibt für einen dunkelhaarigen jüdischen Russen als den blonden Teutonen Schweighöfer. Aber wenn er eben gut ist und wieder so sympathisch und entspannt wie immer, ach, warum sollte man nicht?

Fotostrecke

6  Bilder
Bestsellerverfilmung "Russendisko": Schön hier
Schade nur, dass es wieder kein besserer Film geworden ist. "Russendisko" unternimmt den Versuch, aus den lakonischen kurzen Geschichten Kaminers eine einzige lange zu machen, die ein etwas breiteres Humorverständnis abdeckt: Die drei Freunde Wladimir (Schweighöfer), Mischa (Friedrich Mücke) und Andrej (Christian Friedel) wandern im Sommer 1990 unmittelbar vor der Wiedervereinigung von Moskau nach Ost-Berlin aus, um ihr Glück zu versuchen. Einer will Musiker werden, der andere einfach nur reich, und Wladimir weiß es nicht recht, aber er macht sich auch keine Sorgen. Die drei landen in einem Wohnheim in Marzahn und verbringen erst mal die meiste Zeit damit, sich des Lebens zu freuen und Dosenbier zu trinken. Der erste große Karriereschritt besteht darin, letzteres zu verkaufen. Dann suchen alle nach der großen Liebe.

Harmlose Kabbelei

Nebenbei passiert so dies und das. Konflikte mit den zigarettenverkaufenden Vietnamesen im Wohnheim. Mischas erstes Konzert in einer kleinen Kneipe. Wladimirs erster Kontakt mit der schönen Tänzerin Olga (Peri Baumeister). Ein Ausflug an den Badesee. Besuch der Eltern aus Moskau. Streit mit Olga. Streit unter den Freunden. Versöhnung und so weiter. Vieles aus Kaminers Buch taucht auf, manches wurde dazu erfunden, damit eine flüssigere Handlung entsteht - die dann aber nie so richtig flüssig wird.

Am Ende ist "Russendisko" eine Anekdotensammlung, wie es die Vorlage schon war, nur weniger pointiert, weniger charmant, weniger geistreich. Hin und wieder wird es richtig lustig, wie Mischas überstürzter Konvertierungsversuch zum Judentum; oder originell, wie die Idee, Olgas Vergangenheit im tiefsten Nirgendwo in einer kleinen Bildergeschichte auf die Leinwand zu tuschen. Das meiste aber ist die harmlose, ermüdende Kabbelei dreier Freunde, die so sehr auf den mutmaßlichen Geschmack der Masse gebürstet wurde, dass es nach fast gar nichts mehr schmeckt.

Schlecht wird einem davon aber auch nicht.


Russendisko. Start: 29.3. Regie: Oliver Ziegenbalg. Mit Matthias Schweighöfer, Friedrich Mücke, Christian Friedel.



insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
autocrator 29.03.2012
1. hochgejubelt
Artikelzitat: "Kein Schauspieler bestimmt das deutsche Kino derzeit so wie Matthias Schweighöfer. Das zumindest ist die Wahrnehmung vieler [...]." – i.m.h.o. wird Schweighöfer ein wenig zu sehr von der Medienwelt "hochgejubelt", der Fokus liegt zu sehr auf seiner Person. Er liefert ordentliche Arbeit ab ... andere "Jungstars" tun dies aber auch, schauspielerisch vielleicht sogar 'interessanteres', facettenreicheres, "besseres". Erinnert sei bloß an Daniel Brühl oder Robert Stadlober. Alle drei "leiden" aber daran, dass (Artikelzitat): "Das meiste aber ist [...] so sehr auf den mutmaßlichen Geschmack der Masse gebürstet wurde, dass es nach fast gar nichts mehr schmeckt. Schlecht wird einem davon aber auch nicht." Ich hoffe nur, das ändert sich bald mal wieder.
ausgetretenes_mitglied 29.03.2012
2. Nein, Herr Sander
Zitat von sysopParamount PicturesMatthias Schweighöfer und kein Ende. Der Mann spielt momentan überall mit, so auch in der Verfilmung von Wladimir Kaminers Bestseller "Russendisko". Dort gibt er den Autor selbst und macht seine Sache gut. Der Film dagegen zeigt vor allem drei Typen und ihr Dosenbier. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,824318,00.html
Nein, Herr Sander, Matthias Schweighöfer ist kein guter Schauspieler und auch der Grund, weshalb ich diese eigentlich interessante Buchverfilmung nicht anschauen werde. Schweighöfer spielt vor allem sich selbst - Schweighöfer - und das nicht mal sonderlich gut. Und es ist von den Produzenten allzu durchsichtig, weshalb Schweighöfer ausgerechnet für diese Rolle besetzt wurde - die schon rein äußerlich und vor allem sprachlich nicht zu ihm passt. Schade um das schöne Buch.
Spiegelleser2.0 29.03.2012
3. W&w
Das deutsche Kino besteht aus zwei Schweig... Schweiger & Schweighöfer! Leider! PS: Und wann kommt Dreiohrdackel von um mit W&W? ;-)
postmaterialist2011 29.03.2012
4. Schweighöfer
Schweighöfer ein guter Schauspieler ? Wenn man auch die Ferres und Christine Neubauer als gute Schauspielerinnen bezeichnet, dann mag dies stimmen. Keine Ahnung wie dieser blonde Astmathiker an diese Rolle kam, in den Ausschnitten die ich gesehen habe berlinert er durchweg, Kaminer hingegegen hat selbst nach 20 Jahren noch den harten russischen Zungenschlag. Als gewitzter Russe geht er auch nicht unbedingt durch, daher definitiv ein Film zum Verpassen.
hartholz365 29.03.2012
5. Schweighöfer ist für mich ein Clown
In Deutschland herrscht die Unsitte einen Schauspieler der in einem Film mitspielt der mit der deutschen Nazi- oder neuerdings Ostgeschichte zu tun hat, sofort als top Schauspieler zu werten. Egal wie schlecht er gespielt hat, ob er nur im Bild rumstand, drei Sätze sagte. Naziuniform an und vor die Kamera, das reicht schon, das ganze noch durch Hollywood und dessen Stars geadelt, fertig ist der neue hoffnungsvolle deutsche Nachwuchsschauspieler, an dem die nächsten Jahre jede Kritik abprallt. Schweighöfer ist auch so einer. Hochgejubelt ohne Ende, bei seinem letzen Klamaukfilm auf Mario Barth-Niveau hat man leicht irritiert in den Kritiken reagiert aber so richtig draufgehauen hat man nicht, aus oben genannten Gründen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.