Road-Movie "Nichts als Gespenster" Man nennt es Hirngespinst

In Martin Gypkens Episodenfilm "Nichts als Gespenster" reisen Dreißigjährige in ferne Länder und sind doch nur auf der Suche nach sich selbst. Sonst passiert fast nichts - zum Glück, denn selten wurde das Lebensgefühl einer Generation unaufdringlicher eingefangen.
Von Jenny Hoch

Es ist die Geschichte mit dem Schaf, die diesen Film auf den Punkt bringt. Magnus erzählt sie seinem Besuch aus Deutschland in einer klirrend kalten Nacht in einem tief verschneiten Sommerhaus auf Island. Er erzählt, wie er als Jugendlicher zusammen mit seinem Onkel und seinem Freund ein Schaf zum Decken brachte, wie sie Schnaps tranken, während das Tier von einem Bock bestiegen wurde, und wie sie danach durch die sternenklare Nacht zurückfuhren. Er sagt: "Es war sehr schön in diesem Jeep mit dem Schaf auf der Landstraße, ganz allein auf der Welt, mehr war nicht."

Wie, mehr war nicht? Die Geschichte ist zu Ende, bevor sie richtig angefangen hat. Pech, wer auf eine lustige Pointe oder gar einen abgedrehten Plot gewartet hat. Also lieber noch eine Zigarette anzünden und gucken, wie das Leben weitergeht. Das machen auch die Protagonisten in Martin Gypkens Roadmovie "Nichts als Gespenster", der Verfilmung von fünf Kurzgeschichten der Bestsellerautorin Judith Hermann, nicht anders.

Fünf Schauplätze, fünf unterschiedliche Konstellationen von Menschen um die dreißig, die aus unterschiedlichen Gründen um die Welt fahren. Fünf Mal Ankommen, fünf Mal Abreisen. Das sind die groben dramaturgischen Maschen, aus denen Gypkens sein leichtes, unaufdringliches Generationenporträt gestrickt hat. Alle Episoden beginnen völlig unvermittelt und hören ebenso plötzlich wieder auf.

Mit schnellen Schnitten aneinandermontiert und hochkarätig mit der Crème des deutschen Thirtysomething-Schauspielnachwuchses besetzt, ergeben diese Geschichten aber keine erwartbar schicksalsschwere Story mit einer klar definierten Message. Sie bilden eher ein zartes Gespinst, das sich wie eine diffuse Aura über die alltäglichen Lebens- und Liebesfragen junger Erwachsener legt.

Schweigen bis der Redneck kommt

Da ist das ungleiche Paar Ellen (Maria Simon) und Felix (August Diehl) das die USA im Auto von Ost nach West durchquert und sich dabei beharrlich anschweigt. Solange, bis eine wunderliche Gespensterjägerin und ein bodenständiger Redneck in der Wüste Nevadas ihren Blick auf das Wesentliche lenken. Oder die beiden besten Freunde Irene (Ins Weisse) und Jonas (Wotan Wilke Möhring), die zu Irenes Jugendfreund Magnus (Valur Freyr Einarsson) und seiner Frau Jonina (Sólveig Arnarsdóttir) nach Island fahren, weil sie beide Liebeskummer haben und dort ihre Leidenschaft füreinander entdecken.

Es wird erzählt von den Freundinnen Nora (Jessica Schwarz) und Christine (Brigitte Hobmeier), die Noras Exfreund Kaspar (Janel Rieke) auf Jamaika besuchen und dort aus Langeweile einen Hurrikan herbeisehnen, und von der Berlinerin Ruth (Chiara Schoras), die ihrer besten Freundin Caro (Karina Plachetka), die Schauspielerin an einem Provinztheater ist, heimlich ihren Schwarm Raoul (Stipe Erceg) ausspannt. Außerdem irrt in der einzigen Episode, die etwas aus dem Paarbeziehungs-Rahmen fällt, die einsame Marion (Fritzi Haberlandt) auf der Suche nach ihren urlaubenden Eltern durch das überfüllte Venedig und sehnt sich nach Anerkennung von ihren egozentrischen Altvorderen.

Es kommt weder zu Dramen, noch zu extremen Entwicklungen. Selbst die exotischen Reiseziele - und dazu gehört für Großstädter eben auch die ostdeutsche Provinz - dienen lediglich als Kulissen. Sie sind so etwas wie Fotolandschaften, die die Protagonisten betreten, ohne jedoch ihre Befindlichkeiten abzulegen. Es geht ihnen nicht darum, ein fremdes Land kennen zu lernen, sondern höchstens darum, den fremden Kontinent, den sie für sich selbst darstellen, ein Stückchen mehr zu entdecken.

Lebens-Dilemma der Generation Golf

Wie Abziehbilder ihrer selbst setzt die Kamerafrau Eeva Fleig Grand-Canyon-Panoramen, kochende Geysire, karibische Sandstrände oder die konventionelle Inszenierungs-Ästhetik eines deutschen Stadttheaters in Szene. Tausend Mal gesehen, tausend Mal zitiert. In ihrer Reiseprospekt-Gelacktheit spiegeln sie das Lebens-Dilemma der Generation Golf wider: Es gibt nichts Neues mehr zu entdecken, alles wurde bereits gefunden, gesagt, getan. Und dennoch gehört es zum Erwachsenwerden dazu, all diese Dinge noch einmal zu durchleben und dieselben Fragen noch einmal zu stellen.

Es könnte sein, dass all diese Frauen und Männer vor allem die Sehnsucht nach der Sehnsucht antreibt. Der Wunsch, den melancholischen Schwebezustand, in dem sich ihr Leben befindet, noch etwas länger hinzuziehen. "Ich will, dass er kommt", sagt Brigitte Hobmeier als Christine auf Jamaika, und es ist nicht sofort klar, ob sie den drohenden Wirbelsturm meint oder den muskelbepackten Einheimischen, der sie schon seit Tagen mit Blicken verfolgt.

Aus dem durchgängig hervorragend besetzten Ensemble der Unentschlossenen sticht sie besonders hervor: Brigitte Hobmeier legt ihre Figur nicht sympathisch verspult wie die meisten ihrer Kollegen an, sondern als biestigen Vamp mit Madonnengesicht. Wo die anderen zwar überzeugend, aber letzendlich harmlos spätpubertäre Nöte darstellen, deutet sie mit Blicken aus halbgeschlossenen Lidern und sparsamen Gesten virtuos dunkle Abgründe an.

Dennoch: Nachts am Strand spielt sie mit ihrer Freundin Nora das Spiel "Sich-so-ein-Leben-vorstellen": Was wäre, wenn sie tatsächlich auf Jamaika wohnen würde, mit einem Einheimischen verheiratet wäre, ein Kind hätte? Doch halt, das ist ja alles nichts, nichts als Gerede. Gedanken-Gespenster. Hirn-Gespinste.

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