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16. September 2010, 08:43 Uhr

Roadmovie "Mammuth"

Trauerkloß dreht auf

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Roadmovie mit Metzger: In der französischen Komödie "Mammuth" fährt ein Neurentner in Gestalt von Gérard Depardieu auf einem alten Motorrad seinem neuen Ich entgegen. Das Regie-Duo Benoît Delépine und Gustave Kervern macht daraus einen surrealen, melancholischen Kinoschatz.

Schweinehälften sind sein Leben, damit kennt sich Serge aus. Doch nach zehn Jahren in der Großmetzgerei ist nun Zeit für die Rente. Es ist sein letzter Tag, mit traurigen Augen und hellblauem Haarnetz sitzt er noch einmal vor seinem Spind und bereitet sich auf die Abschiedsfeier mit seinen desinteressierten Kollegen vor. Sein Chef hält eine kleine Rede. Er kenne Serge eigentlich kaum, doch gelte es, einen unbestritten vorbildlichen Mitarbeiter zu verabschieden. Nie krank, hat sich nie beschwert. Zum Dank schenkt man ihm ein Puzzle, 2000 Teile.

Serge, genannt Mammuth ( Gérard Depardieu), sieht aus wie eine Mischung aus Sumo-Ringer und Engel - groß und dick und grob, aber mit langen, goldenen Rapunzellocken und einem immer leicht entrückten, unschuldigen Blick. Ein sanfter, ungeschickter Riese, der niemandem etwas Böses will, nicht viel sagt und nie viel darüber nachgedacht hat, was er eigentlich vom Leben will. Dazu hat er jetzt viel Zeit, aber es fällt ihm einfach nichts ein. Nur dass Puzzeln nicht seine Bestimmung ist, das weiß er. Seine Ehefrau Catherine (Yolande Moreau) weiß nur, dass es sehr anstrengend wird, so viel gemeinsame Zeit zu verbringen.

Surreale Situationen

Doch eine glückliche Fügung treibt Serge doch noch aus dem Haus: Um an seine Rente zu kommen, muss er ein paar Bescheinigungen von früheren Arbeitgebern besorgen. So schwingt er sich auf sein altes Motorrad, eine ehrwürdige Münch Mammut, die ihren Beitrag zu seinem Spitznamen geleistet hat, und macht sich auf den Weg durch Frankreich zu den Geistern der Vergangenheit. Unter anderem hat er mal auf dem Friedhof, in einem Nachtclub und auf dem Jahrmarkt gearbeitet. Könnte also lustig werden.

Wird es auch. Denn das französische Regie- und Autorenduo Benoît Delépine und Gustave Kervern ("Louise Hires a Contract Killer") hat wenig Sinn für konventionelles Erzählkino, aber eine große Schwäche für surreale Situationen und absurden Witz. Ein harter Security-Mann küsst zärtlich eine Schaufensterpuppe. Eine wütende Ehefrau macht sich mit Säure, Schaufel und bester Freundin auf die Jagd nach der Schlampe, die ihrem Mann das Handy geklaut hat. Zwei Cousins, die sich seit 45 Jahren nicht gesehen haben, holen sich erst mal gegenseitig einen runter, so wie früher.

Keiner von Serges Besuchen läuft erwartungsgemäß ab, aber jedes Mal lernt er etwas über sein früheres Selbst, als setze er nun doch ein Puzzle zusammen, das am Ende den Menschen ergibt, der er heute ist. Vor allem das Zusammentreffen mit seiner Nichte (Miss Ming), die im Garten seines verschwundenen Bruders seltsame Kunstwerke aus Plastikbabys oder Kuscheltieren bastelt (bald auch eine Skulptur von Serge), prägt ihn nachhaltig. Er, der Zeit seines Lebens für dumm gehalten wurde, entdeckt seinen Sinn für Kunst, Lyrik und Philosophie, schließt ab mit dem Geist der lang verstorbenen Liebe seines Lebens (in einem entzückenden Gastauftritt: Isabelle Adjani) und erkennt letztlich, wer und was ihm im Leben wirklich etwas bedeutet.

Rätselhafter, unsicherer Gigant

"Mammuth" ist ein kleiner Film, in körnigen Bildern gedreht und so unaufgeregt erzählt, dass sich Witz und Charme immer eher leise anpirschen, statt einem ständig und laut ins Gesicht zu springen. Zurückhaltend wäre vielleicht das richtige Wort, wenn es zwischendurch nicht so schreiend komisch würde und dann wieder so unendlich melancholisch.

Und Depardieu, mit 61 Jahren nun auch schon über das französische Renteneintrittsalter hinaus, beweist sich als das nationale Heiligtum, das er sein kann. Ruhig und stoisch spielt er diesen Serge, als rätselhaften, unsicheren Giganten, bei dem man sich nie sicher sein kann, ob er ein bisschen langsam oder sehr tiefsinnig ist - nur dass er ein großes, gutes Herz hat, das weiß man ab der ersten Minute genau. "Mammuth" ist ein Film wie das Ende eines Sommers: traurig und schön, mit einer Wärme, die den kommenden kalten Tagen noch zu trotzen weiß.


"Mammuth". Start: 16.9. Von Benoît Delépine, Gustave Kervern. Mit Gérard Depardieu, Yolande Moreau, Isabelle Adjani.

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