Robert Redford zum 70. Der Frauenflüsterer

Auch wenn er eine Kino-Ikone ist: Richtig zu fassen bekam man Robert Redford nie. Dafür war er zu schön, zu edel, zu unnahbar. Birgit Glombitza versucht dennoch eine Annäherung - Hollywoods charismatischster Altstar wird schließlich 70.


Ob Mund- oder Achselhöhle, bei ihm duften bestimmt auch die verwahrlosten Ecken eines Männerkörpers noch frisch. So spekulierte noch in den neunziger Jahren das amerikanische "Newsweek"-Magazin über scheinbar zeitlose Attraktivität des Robert Redford. Da ging das vermeintliche Duftbäumchen bereits auf die 60 zu. Und selbst heute, an seinem 70. Geburtstag wird die Welt kaum wahrhaben wollen, dass auch die appetitlichsten Menschenkinder irgendwann welk und runzelig werden.



Das ist jedoch mit Abstand der uninteressanteste Aspekt an dem Mann, der der Klatschpresse in all den Jahrzehnten seiner Prominenz nichts Privates, nicht einmal den Namen seines Lieblingsdeos verriet. Zugleich aber ist der ganze Tratsch natürlich Teil eines Mythos von Schönheit und Erfolg und all den anderen Einflüsterungen des amerikanischen Traums, der sich in dem Schauspieler Robert Redford wie in keinem anderen Schauspieler seiner Generation zu erfüllen scheint. Eine Erfüllung, die Redford sein ganzes Arbeitsleben wie ein Fluch verfolgen sollte.

Bereits in einem seiner ersten Filme mit seinem Freund Sydney Pollack, in "So wie wir waren" (1971), hat Redford die eigene Bestimmung selbst auf den Punkt gebracht. Da schreibt er als aufstrebender Schriftsteller in einer Erzählung mit dem Namen "Das amerikanische Lächeln": "In gewisser Weise war er wie das Land, in dem er lebte. Alles flog ihm allzu leicht zu." Redford lächelt viel in diesem Film. Und das Leben überschüttet seinen Protagonisten verschwenderisch mit Erfolg, mit Beachtung und mit einer Leichtigkeit, die für andere unerträglich sein muss.

Entfernter Bekannter

Robert Redford ist der Held für die schöne und kompliziert schillernde Oberfläche des Kinos selbst. Die trotz des Seitenscheitels immer etwas zerzausten Haare, die ihm in die Stirn fallen, darunter die blitzblauen Augen, die im Verhältnis zu seinem flächigen Gesicht mit den weitausladenden Kieferknochen fast ein bisschen zu schmal wirken: ein Gesicht, das sich das Kino immer schon gut einprägen konnte, das es umschwärmte und umschmeichelte, dem es aber niemals wirklich nahe kam. Auf der Leinwand wirkt Redford schnell wie eine Ikone, die in ihrer Leere wie in "Der große Gatsby" (1974) oder "Havanna" (1991) auch erschrecken kann.

Am besten ist Redford, wenn er sich mit einem Buddy wie Paul Newman in Gefahr begibt. Wenn er Herausforderungen und Abenteuer sucht, die er mit einem Lächeln allein nicht bestehen kann, wie in "Butch Cassidy und Sundance Kid" (1969). In dieser ironisch gebrochenen Outlaw-Geschichte tritt der strohhalmkauende Redford wie ein ausgewachsener, aber noch restverspielter Tom Sawyer auf und steht wie kein anderer Darsteller seiner Generation für eine immer wieder neu zu verteidigende amerikanische Unschuld.

Für dieses Reinheitsgebot stritt er auch, gemeinsam mit Dustin Hoffman, in "Die Unbestechlichen"; als Journalisten-Duo deckten die beiden den Watergate-Skandal auf. Seitdem ist Redford der Unbeugsame, der in "Die drei Tage des Condors" (1975) den Amoklauf des CIA-Apparates zu überleben hat; der sich, ganz liberales Gewissen seines Landes, als "Brubaker" (1980) daran macht, den Knast von innen heraus zu reformieren.

Von Natur aus engagiert

Auch seine eigenen, stets sozialkritischen Filme wie "Aus der Mitte entspringt ein Fluss" (1992) oder "Der Pferdeflüsterer"(1998) lässt der Regisseur und Produzent von der Rückeroberung eines alten amerikanischen Selbstverständnisses handeln. Auf dem Spiel steht immer Grundsätzliches: Freiheitsliebe und Natur, als naiv romantizistische und kulturpessimistische Gegenentwürfe zum entfremdeten, profitorientierten, neurotischen Stadtleben.

Ein Umweltaktivist und Natürschützer ist Redford, der als Jugendlicher der kleinbürgerlichen Enge seiner Familie in Santa Monica mit kleinkriminellen Aktionen und später als malender Hippie nach Europa entfloh, auch im wirklichen Leben. Bereits in den Achtzigern veranstaltete er Symposien zur Erderwärmung, kaufte halbe Gebirgszüge in Utah, um sie zu schützen.

In dem von Redford "Sundance" getauften Areal befindet sich seitdem nicht nur ein ökologisch korrektes Luxus-Skigebiet. Hier gründete Redford sein eigenes Filminstitut und das bis dahin einzige, inzwischen weltberühmte Independent-Festival der USA. Quentin Tarantino, Steven Soderbergh und viele andere wurden hier entdeckt.

Aus dem "Sundance Kid" ist ein Förderer des unabhängigen, inzwischen auch des dokumentarischen Films geworden. Einer, der in Interviews kein Blatt vor dem Mund nimmt, wenn es um die Klima- und Kriegspolitik des amerikanischen Präsidenten geht; der lieber ein paar Leute aus einem von einer Lawine verschütteten Auto befreit, als zu einer Preisverleihung zu erscheinen.

Tom Sawyer aus Hollywood

Er, der immer noch blendend aussehende Tom Sawyer, der schöne, gute Amerikaner hat sich nie um einen Kino-Erben gekümmert. Und zur Fortsetzung seiner Ikonografie ist weit und breit kein Nachfolger in Sicht. Auch Matt Damon und Brad Pitt, die er wegen ihrer All-American-Boy-Ausstrahlung und womöglich auch wegen ihrer unübersehbaren Ähnlichkeiten mit Redford selbst in seinen Filmen besetzte (Damon im Golfer-Film "Die Legende von Bagger Vance", Pitt in "Aus der Mitte entspringt ein Fluss") werden den Redford-Mythos nicht fortschreiben. Dafür ist der eine zu streberhaft und brav, der andere zu physisch und prollig.

Redford bleibt allein. So war es immer, auch in der Liebe. Ein Tanz noch, ein tiefer Blick, eine Umarmung. Dann verschwindet er, lässt die Frau stehen, verzichtet auf eine Erfüllung, die seine ganze Erscheinung verspricht und doch niemals halten wird.

Auf dem Pferd geht es in die Wüste ("Der elektrische Reiter"), mit dem Flugzeug in die Wolken ("Jenseits von Afrika"). Irgendwie war Redford auf der Leinwand immer schon entrückt. Schön, edel und fern. Eines der umwerfendsten Trugbilder, die das Kino zu bieten hat.



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