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12. August 2014, 13:07 Uhr

Toter Oscar-Preisträger

Die zehn besten Filmszenen mit Robin Williams

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In "One Hour Photo" ist er ein Psychopath, als Mrs. Doubtfire steckt er den Kopf in eine Torte, als Peter Pan kann er fliegen: Hier sind die zehn besten Filmszenen von Robin Williams.

Er war komisch, tief traurig, verrückt und liebevoll. Er konnte mitreißen, er konnte verführen. Robin Williams spielte Kindermädchen, Englischlehrer, Radiomoderatoren, Psychopathen und Mörder - meist überzeugend, nie oberflächlich. Mit einer Auswahl von zehn seiner besten Szenen würdigen wir den verstorbenen Ausnahmeschauspieler.

"Good Morning, Vietnam" brüllt Robin Williams im gleichnamigen Film (1987) in das Mikrofon. Er spielt den Radiomoderator Adrian Cronauer, der die US-Soldaten in Saigon unterhalten soll. Es ist, als schreie Williams so laut und so schnell er kann. Seine Stimme überschlägt sich, er beschleunigt sie, Williams witzelt, er singt, er spricht mit verschiedenen Akzenten, geht vom Tempo, legt dann einen Rock'n'Roll Song ein. Robin Williams erhielt für seine Rolle in Barry Levinsons Film einen Golden Globe und eine Oscar-Nominierung.

Er steht hinter seinen Schülern und haucht ihnen etwas in den Nacken. Sie schauen sich gerade Fotos von jungen Männern an, die einst auch, so wie sie selbst, an der renommierten Welton Academy studiert haben. "Carpe diem", flüstert John Keating. Nutze den Tag. Die Stimme wirkt wie die eines Geistes. Sie soll ins Unterbewusstsein kriechen. Denn Lehrer Keating will nur eines: Seine Schüler sollen lernen, ihr Leben zu nutzen, eigenständig zu denken und zu handeln. Robin Williams spielt diesen charismatischen Erzieher in "Club der toten Dichter" (1989) mit so viel Gefühl und Pathos, dass man sich selbst gern die Nase an der Vitrine, in der die Fotos stehen, plattdrücken würde.

Wie öfter in seiner Karriere spielte Williams in "Zeit des Erwachens" ("Awakenings", 1990) einen Mediziner. Die Adaption eines Buches des britischen Neurologen Oliver Sacks, der in den Folgejahren mit populärwissenschaftlichen Geschichten aus den Untiefen des menschlichen Gehirns weltweit die Bestsellerlisten dominierte, erzählt vom Schicksal einer Gruppe Patienten, die im frühen 20. Jahrhundert an der damals grassierenden Europäischen Schlafkrankheit litten. Die Opfer fielen in eine Komastarre, aus der sie über Jahrzehnte nichts zu wecken vermochte. Ende der Sechziger wagt der Arzt Malcom Sayer (Williams) in einem New Yorker Hospital, ein neuartiges Medikament an ihnen zu testen - und, oh Wunder, es wirkt. Der Film zeigt uns, wie Leonard Lowe, verkörpert von Robert de Niro, langsam in sein Leben zurückfindet - nur um am Ende doch in den Dämmerzustand zurückzufallen. Bevor ihn die Katatonie erneut in seinem Körper einsperrt, gibt Lowe seinem Doc und den Zuschauern noch als Botschaft mit auf den Weg, dass die Menschen sich bitte am Leben erfreuen mögen, darauf käme es schließlich an. Ein hervorragend gespieltes und routiniert inszeniertes Hollywood-Rührstück, das drei Oscar-Nominierungen abholte und Dr. Robin Williams eine Golden-Globe-Nominierung einbrachte.

Als Kind wartet man ziemlich lange auf das erste richtige Schwertgefecht in der Peter-Pan-Verfilmung "Hook" (1991). Dann, irgendwann, Käpt'n Hook stolziert mit Pans entführten Kindern über das Deck seines Schiffes, schlitzt Peter-Robin-Williams-Pan das Segel auf, fliegt durch den Fetzen, eine Fanfare ertönt, und Peter dreht im Sturzflug noch einen Salto. Die Piraten sehen aus wie Disney-Land-Statisten, und auch Hook ist nicht wirklich angsteinflößend. Dann wird gefochten. Wie hat der erwachsene Peter wieder gelernt zu fliegen? Es war der wunderbare Gedanke an seine Kinder Jack und Maggie, der ihn hat abheben lassen. Kinder - der Wunsch nach ihnen war auch der Grund, warum Peter Pan als Junge das Nimmerland verließ. Klare Botschaft: Für seine Kinder muss man alles tun - und wer Peter Pan als Vater und Robin Williams als dessen Darsteller hat, der kann sicher sein, dass er humorvoll gerettet wird. "Hook" war ein Piratenmärchen, das zu Freudentränen rührte, das Männer Strumpfhosen mit Würde tragen ließ, und ein Film, in dem einem Robin Williams klarmachte, dass in Träumen alles möglich ist. Solange man eben nicht erwachsen wird.

Als obdachloser ehemaliger Literaturdozent Parry irrt Robin Williams in "König der Fischer" ("The Fisher King", 1991) durch die Straßen New Yorks, und er ist, man muss es so deutlich sagen, ein Mann mit einem gewaltigen Hau - denn er wähnt sich auf der Suche nach dem Heiligen Gral, der angeblich im Wohnzimmer eines Millionärs versteckt ist. Dieser Verdacht erweist sich, ebenso wie ein gewaltiger roter Ritter, der Parry auf den Straßen der Metropole regelmäßig nachstellt, selbstverständlich als Kopfgeburt einer traumatisierten Existenz: Parry hat bei einem Amoklauf seine Frau verloren. Wie es das gütige Schicksal aber so will, hilft ausgerechnet jener Mann, der eben diesen Amoklauf indirekt ausgelöst hatte, namentlich der Radiomoderator Jack Lucas (Jeff Bridges), dem irrlichternden Parry bei der Gesundung. 1991, als Regisseur Terry Gilliam (Monty Python) diesen phantasmagorischen Psychotrip ins Kino brachte, befand sich Williams auf dem Höhepunkt seiner Karriere - eine Oscar-Nominierung sowie der Golden Globe für diese Rolle zeugen davon.

Ein kurzer Blick zur Tür, eine Frau vom Jugendamt schaut vorbei. Sie will überprüfen, wie sich das Kindermädchen anstellt. Doch dieses ist in Wahrheit keine Frau, sondern der Vater der Kinder, auf die es aufpassen soll. In "Mrs. Doubtfire" (1993) spielt Robin Williams den Stimmenimitator und Synchronsprecher Daniel Hillard. Damit seine Verkleidung nicht auffällt, muss er mitunter zu harten Methoden greifen. So auch, als die Jugendamtsfrau hereinkommt. Williams steht am Kühlschrank, die Perücke sitzt, doch der Mann ist noch nicht geschminkt. Also taucht er beherzt seinen Kopf in die Sahnetorte, kommt hinter dem Kühlschrank hervor und ruft der Dame ein freudiges: "Helllllooo" zu. Für seine überzeugende Darbietung erhielt Williams einen Golden Globe.

In "Good Will Hunting" (1997) spielt Williams den einfühlsamen Psychotherapeuten Sean Maguire, der das junge Mathematikgenie Will Hunting (Matt Damon) auf den rechten Weg bringen soll. In einer Szene sitzen die beiden auf einer Parkband. Maguire redet über Michelangelo und die Sixtinische Kapelle und dann über Frauen. Williams spielt den Psychotherapeuten beruhigend, gelassen und einfühlsam. Die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen, schaut er ab und zu auf den jungen Hunting, ab und zu lässt er seinen Blick über den Park gleiten. Er erzählt, wie es ist, den besten Freund zu verlieren. Das macht er nicht, um Mitleid zu erregen, sondern um Hunting aufzufordern, sein Leben zu würdigen. Williams wirkt dabei sehr unaufgeregt, doch als er die Bank verlässt, weiß man, er hat etwas in dem jungen Hunting - und vielleicht auch in Damon - angestoßen. Williams erhielt 1998 eine Oscar als Bester Nebendarsteller.

Die kleinen Patienten schlummern in ihren Bettchen, blass und kahl. In ihr stilles Klinikzimmer tritt Patch Adams, Robin Williams als Medizinstudent. Er zaubert eine rote Nase hervor, dann dreht er durch: rutscht auf Bettpfannen durchs Krankenzimmer, rudert mit einem Infusionsbäumchen durch den Flur, surrt als Biene um die mittlerweile lachenden Kinder, gockelt als Hahn mit Aids-Handschuh auf dem Kopf herum. Bis eine Stationsärztin hereintritt und die Freude wieder abstellt. "Patch Adams", die Verfilmung einer realen Lebensgeschichte, ist zwar ein tränenproduzierendes Rührstück, doch der Hintergrund von Williams' Darstellung aus dem Jahr 1998 war ernst: Zu Beginn des Films landet der instabile Patch suizidal in der Psychiatrie. Dort lernt er, dass gegen die Tiefen des Lebens nur Humor hilft - und dass auch derjenige ihn beweisen kann, der am meisten leidet.

Dass Robin Williams auch extrem böse sein kann, beweist er in "One Hour Photo" (2002). In dem Thriller von Mark Romanek spielt er den Foto-Entwickler Seymour Parrish, der immer mehr in das Leben derjenigen eintaucht, deren Fotos er entwickelt. Williams begeistert durch die Darstellung eines perfekten Gegensatzes: der unauffällige Supermarktangestellte und der grausame Psychopath. In einem verrückten Traum schreit er aus Leibeskräften, bis ihm das Blut aus den Augen spritzt.

Das vielleicht wichtigste Talent großer Filmkomiker, das perfekte Timing, bewies Robin Williams in der Komödie "Nachts im Museum" (2006): Als Wachsfigur von US-Präsident Teddy Roosevelt, hoch zu Ross im Naturkundemuseum, muss er zunächst vor allem stillhalten. Doch als alle Exponate nach dem Ende der Öffnungszeit zum Leben erwachen, erschreckt auch er den armen Museumswärter (Ben Stiller). Mit bewundernswert ungerührtem Gesichtsausdruck erklärt Williams' Roosevelt der Nachtwache dann allerdings, wie es so zugeht nachts im Museum. Mit großem Erfolg: Auch bei der Fortsetzung von 2009 ist Williams dabei, und auch im dritten Teil, dessen Kinostart für Dezember 2014 angekündigt ist.


Wegen des Todes von Robin Williams haben einige Fernsehsender ihr Programm geändert. Tele 5 zeigt am Mittwoch um 20.15 Uhr die Komödie "Birdcage - ein Paradies für schrille Vögel" (1996). Das ZDF nimmt am Mittwoch um 22.45 Uhr den Thriller "Insomnia - Schlaflos" (2002) ins Programm. Die ARD strahlt in der Nacht von Donnerstag auf Freitag um 0.35 Uhr das Drama "Zeit des Erwachens" (1990) aus.

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