Elton-John-Film "Rocketman" Der Junge muss ans Klavier

Schwuler Sex, schwule Liebe, Drogen - check, check, check: Das Elton-John-Filmporträt "Rocketman" feiert Weltpremiere in Cannes - und gibt sich deutlich entspannter als der Welthit "Bohemian Rhapsody" über Freddie Mercury.

David Appleby / Paramount

Aus Cannes berichtet


Entgegen des Filmtitels ist nicht "Rocketman" der sprechende Song von Elton John, der das Drama seines Lebens am besten einfängt. Es ist vielmehr "Don't Go Breaking My Heart". Denn Liebe in Aussicht zu stellen und dann nicht zu geben: Das ist, woran der Superstar selbst zur Zeit seiner größten Erfolge am meisten litt. Neben einer Alkoholsucht, einem Kokainproblem, Tablettenmissbrauch, Bulimie und zwanghaftem Shopping.

Letztere Probleme spricht Elton John (Taron Egerton) selber aus, als er sich einer Selbsthilfegruppe anschließt. "Rocketman" (Deutschlandstart: 30.5.) beginnt mit einer Therapiesitzung dieser Gruppe, die fortan sowohl als Rahmenhandlung fungieren als auch als Beweis dafür herhalten muss, dass dieses Filmporträt nichts beschönigen will und John mit allen Macken und Manierismen zeigen wird. Ob das gelingt, dazu später mehr. Aber erst einmal sind solche Nicht-Beschönigungs-Gesten durchaus angebracht, schließlich geht der Film auf eine Initiative von Elton Johns langjährigem Partner David Furnish zurück, John selbst ist als ausführender Produzent involviert.

Und dann gibt es ja auch noch diesen anderen Film.

Dieser andere Film ist "Bohemian Rhapsody", das Freddy-Mercury-Biopic, mit dem "Rocketman" fast schicksalhaft verbunden ist. Denn nicht nur teilen sich die Filme den Regisseur: Dexter Fletcher hatte "Rocketman" schon abgedreht, als er den gefeuerten Bryan Singer ersetzte und "Bohemian Rhapsody" bis hin zum vierfachen Oscargewinn brachte. Die Filme teilen sich auch das Sujet der flamboyanten schwulen Rockikone und die damit verbundene Frage: Werden sie dem kreativen und sexuellen Nonkonformismus ihrer Hauptfigur gerecht?

Euphorie beim ersten Kuss

"Bohemian Rhapsody" wurde von manchen Kritikern Homophobie vorgeworfen - konkret etwa eine Moral, nach der das Leben in einer homosexuellen Partywelt letztlich zu einem Aids-Tod führt. Was bei "Bohemian Rhapsody" für langwierige Diskussionen sorgte, lässt sich für "Rocketman" schnell beantworten: schwuler Sex, schwule Liebe, exzessiver Drogenkonsum - check, check, check.

Fletcher, Drehbuchautor Lee Hall und Hauptdarsteller Egerton ("Kingsman", "Robin Hood") haben ein so angenehm entspanntes Verhältnis zu Johns Sexualität, dass sie als Quelle von Drama wegfällt. Im Gegenteil, der erste Kuss von einem Mann, den John erhält, und das erste Mal, das er mit seiner großen Liebe, dem Manager John Reid ("Bodyguard"- und "Game of Thrones"-Star Richard Madden), im Bett landet, sind Momente des Glücks. Dieses langgezogene Elton-John-Grinsen: Hier macht es sich auch im Publikum breit.

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"Rocketman": Brich ihm bloß nicht das Herz!

Bei so viel Versöhnlichkeit fällt es "Rocketman" in der Folge schwer, einen Konflikt zu finden, an dem er sich abarbeiten könnte. Dass John nie die Liebe bekommt, die er braucht - von seinem hartherzigen Vater, vom kalkulierenden John Reid - wird mühsam aufgebauscht und spätestens in einer der biografischen Notizen, die den Film beschließen, als Luftnummer enttarnt. John und Furnish sind seit 25 Jahren glücklich liiert und mittlerweile auch Väter von zwei Söhnen.

Unterschwellig scheinen sich Fletcher und Hall ihres dramaturgischen Problems bewusst zu sein und legen den Film nicht als psychologisch grundiertes Biopic, sondern als schauwerteorientiertes Musical an. Dass Hall bereits für den Feel-Good-Tanzfilm "Billy Elliot" verantwortlich zeichnete, ist hier von Vorteil, ebenso der Auftritt von "Billy Elliot"-Star Jamie Bell, der als Johns bester Freund und Songtexter Bernie Taupin einige wunderbare Szenen bestreiten darf.

Im Video: Der Trailer zu "Rocketman"

Paramount

Ein revolutionärer Hingucker

Als Musical fängt sich "Rocketman" ein paar andere Probleme ein, alles ist sofort Song and Dance, selbst die freudlose Kindheit in Pinner, Middlesex. Das relativiert nicht zuletzt Johns Pionierleistung, queere Flamboyanz im Popbusiness verankert zu haben. Camp mag dank Met Gala und "Pose" gerade omnipräsent sein, vor vierzig Jahren war ein Mann im Pailletteneinteiler ein revolutionärer Hingucker.

Aber irgendwann hat sich die Erwartung, dass "Rocketman" noch etwas übers Popbusiness und seinen größten schwulen Star zu erzählen hat, auch erledigt. Die Tanzeinlagen sind solide inszeniert, die Kostüme großartig, und Hauptdarsteller Egerton macht seine Sache richtig gut. Dass er alle Songs selber eingesungen hat, ist hier sogar von Vorteil. Dem übersatten Timbre von John setzt er eine Brüchigkeit gegenüber, die das Best-Of von "Your Song" bis "Crocodile Rock" erstaunlich frisch klingen lassen.

Wenn am Ende Originalbilder aus dem Video zu Johns 83er-Hit "I'm Still Standing" eingeblendet werden - passenderweise am Strand von Cannes gedreht, wo "Rocketman" soeben Weltpremiere hatte -, stellt sich so ein ungewohnter Effekt für ein Filmporträt ein: Lieber möchte man noch ein wenig mehr von der Adaption sehen als vom Originalclip. So haaresträubend geschmacklos wie John inmitten von Achtzigerjahre-Hard-Bodies ist nichts in "Rocketman". Womit dann auch die Frage geklärt ist, ob der Film seinen Star verherrlicht.



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Edenjung 17.05.2019
1. Hab ich bock drauf
bzw. find ich ganz geil :D Da ich Elton john sowieso ganz gern mag, werde ich mir das ankucken, schön in Original vertonung hier in Holland ;D
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