Romanverfilmung "Die Habenichtse" Lebensgefühl: grau

Wie war das noch mal damals, im Berlin Anfang 2000? Und dann in der Zeit nach 9/11? Die Verfilmung von Katharina Hackers Erfolgsroman "Die Habenichtse" spürt der Verunsicherung zur Jahrtausendwende nach.


Etwas stimmt nicht mit dieser Liebe, die man in Florian Hoffmeisters Film "Die Habenichtse" präsentiert bekommt. Angeblich ist es eine, wegen der man alles über den Haufen wirft. Einen Neuanfang riskiert. Gemeinsam in eine andere Stadt zieht. Heiratet. Vielleicht sogar mehr. An einer Stelle fällt der Satz: "Ich möchte ein Kind von dir." Wie aufgesagt klingt der.

Im ersten Moment möchte man das Drehbuch verfluchen, in welchem so etwas Blödes steht. Formuliert wird der Wunsch von Isabelle (Julia Jentsch), gerichtet ist er an Jakob (Sebastian Zimmler). Er: ein gutaussehender Rechtsanwalt, aufstrebend, kantenlos. Sie: eine mädchenhafte Gestalterin, von einem Liebeskummer zum nächsten jagend. Das ist jedenfalls, was Mitbewohner Andras (Aljoscha Stadelmann) behauptet, der außerdem Langzeitfreund von Szenefrau Ginka (Bibiana Beglau) ist.

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"Die Habenichtse": Du und ich nach 9/11

Sie alle befinden sich in ihren Dreißigern und in Berlin. Es sind die frühen Nullerjahre, auf den Kleidern blühen Blumen, und vielleicht läuft irgendwo Musik von PeterLicht. Das hätte man alles hübsch bunt zeigen können. Hoffmeister und Drehbuchautorin Mona Kino sparen sich das in ihrer Adaption von Katharina Hackers gleichnamigen Roman aus dem Jahr 2006 allerdings. Der Film verzichtet auf jegliche Euphorie, seine Berliner Protagonisten wirken gelangweilt, unreif und sogar etwas beschränkt. Selbst das aparte Schwarzweiß, das Hoffmeister, der öfter als Kameramann (u.a. "The Deep Blue Sea") denn als Regisseur Filme macht, gewählt hat, lässt sie nicht sonderlich gut aussehen.

"Die Habenichtse" verbreitet wenig bis keine gute Laune also - mit Ausnahme einer einzigen Szene, die sich gleichzeitig ihren Weg durch den Film bahnt und ein eigenes Geisterleben entwickelt. Oder besser gesagt: eine Person, die in ihr vorkommt. Die Person heißt Hans (Ole Lagerpusch). Hans, das ist der beste Freund sowie Arbeitskollege von Jakob. Hoffmeister zeigt die beiden Männer in besagter Szene auf einer Party. Unbekümmert feiern sie und küssen: Jakob eine Frau, Hans einen Mann. Keine große Sache.

Aber jetzt ist Hans tot, gestorben am 11. September 2001, denn er befand sich an jenem Tag im World Trade Center. Eigentlich wären das Jakobs Koordinaten gewesen, hätten beide nicht zuvor vereinbart, ihre Termine so zu verschieben, dass Jakob Isabelle wieder treffen kann, mit der er während der gemeinsamen Studienzeit in Freiburg eine Affäre unterhielt.

"Die Habenichtse"

    Deutschland, Großbritannien 2016

    Regie: Florian Hoffmeister

    Drehbuch: Mona Kino nach dem Roman von Katharina Hacker

    Darsteller: Julia Jentsch, Sebastian Zimmler, Guy Burnett, Bibiana Beglau, Aljoscha Stadelmann, Gina Bellman

    Produktion: UnaFilms

    Verleih: RealFiction

    Länge: 107 Minuten

    FSK: Freigegeben ab 12 Jahren

    Start: 1. Dezember 2016

Und Jakob begegnet ihr tatsächlich wie geplant während einer Ausstellungseröffnung von Ginka. Es ist der unselige Tag, und Ginka, die den Abend eröffnen soll, fehlen angesichts der Ereignisse die Worte, weswegen sie sich welche von Erich Fromm leiht: "Was weiß ich schon von mir, wenn ich nicht weiß, dass das Bild, das ich von mir habe, zum größten Teil ein künstliches Produkt ist. Und dass die meisten Menschen, ich schließe mich nicht aus, lügen ohne es zu wissen." Später geht es auch um Verteidigung, Krieg, Sünde, Pflicht - und um die Liebe: "Was weiß ich schon, wenn ich nicht weiß, dass die Liebe das Gegenteil ist von heftiger Sehnsucht und Gier."

Vor dieser Kulisse verlieben sich Jakob und Isabelle, machen Nägel mit Köpfen, heiraten und ziehen nach London, weil Jakob Hans' Stelle dort bekommt. Für alles Folgende ist Fromms Text programmatisch: In ihm verbindet sich bereits Unwissenheit ob der eigenen Identität mit einem unheimlichen Hintergrundrauschen angesichts des Gewalteinbruchs. Die Liebe erscheint als Ausweg, doch ist das womöglich auch eine Täuschung?

Etwas ist aus dem Lot geraten

In ihrem Londoner Stadthaus beginnen Isabelle und Jakob umgehend ein dysfunktionales Zusammenleben. Unausgesprochene Schuldgefühle hängen in der Luft, Hans geistert in Jakobs Kopf genauso wie das Gesicht George W. Bushs auf den Fernsehbildschirmen. Etwas ist aus dem Lot geraten. Aber erst jetzt?

In Wahrheit gibt es zahlreiche Anzeichen dafür, dass lang vorher nicht alles in Ordnung gewesen ist. Die Berliner Figürchen sind ein Indiz dafür. Ebenso die Bekanntschaften, die Isabelle in London macht, während Jakob sich für eine Kanzlei mit den Ansprüchen enteigneter Besitzer von Immobilien in der ehemaligen DDR befasst. Da ist das verwahrloste Mädchen Sara (Raffiella Chapman), das im Haus nebenan wohnt und seine Katze mit einem Stock blutig schlägt. Und Jim (Guy Burnett), ein charmanter, doch nicht unbedingt Vertrauen erweckender junger Mann, ebenfalls aus prekären Verhältnissen stammend.

Im Video: Der Trailer zu "Die Habenichtse"

Im Roman verteilen sich die Perspektiven auf alle vier. Im Film ist es vor allem die Isabelles. Sie durchwandert die fremde Stadt, wartet auf Jakob, möchte sich einrichten, streichen. Was sie an ihm findet? Das will nicht einleuchten. Beide wissen weder mit sich noch mit dem anderen etwas anzufangen. Da ist keine Vision, außer ein bisschen Bürgerlichkeit, ein lauer Kinderwunsch und die Idee gemeinsamer Abendessen.

"Die Habenichtse" möchte darauf aufmerksam machen, dass all dies subtil ineinandergreift: die Ratlosigkeit, die Paranoia, das angespannte Gesellschaftsklima, die Geister der Vergangenheit und die Hoffnung, Zuflucht in der Liebe zu finden. Nichts davon wird explizit benannt, höchstens ist es das etwas pathetische Fromm-Zitat, das eine Fährte legt.

Damit verlangt der Film eine ganze Menge von seinem Publikum. Er riskiert, dass es ins Schwimmen gerät, das Interesse verliert an den wenig sympathischen Figuren und die Lust an diesem Grau. Dem entgegen steht immerhin eine gewisse Körperlichkeit und Affektbereitschaft, die in der Figur der Isabelle angelegt ist und die Julia Jentsch glaubhaft vermittelt. Leider ist das nur ein mittelgroßer Trost bei einem Film, der noch nicht einmal schlechte Laune verbreiten will, weil das schon wieder zu eindeutig wäre.

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