Romy Schneider Die Berührbare

3. Teil: Die Kunst der Entblößung


Tatsächlich hat sich Romy Schneider in ihren Filmen oft aus eigenem Antrieb und freien Stücken zur öffentlichen Frau gemacht, sich seelisch und körperlich entblößt. So bedrängte sie den Regisseur Claude Sautet, ihr 1976 in dem Film "Mado" die kleine Nebenrolle einer depressiven Alkoholikerin zu geben. Sautet ahnte nicht, dass sie tatsächlich vor allem sich selbst spielen wollte. Wie ihre Figur lag auch Romy Schneider damals oft tagelang im Bett, betäubt von Rotwein und Tabletten.

Romy Schneiders Erwachen in ihrer Figur wurde dann zu einem der ganz großen Kino-Momente der siebziger Jahre. Wie sie mitten am Nachmittag wieder zu sich kommt, nicht weiß, wo sie ist, dann erfährt, dass ihr Mann (Michel Piccoli) sie besuchen gekommen ist, wie sie sich flüchtig für ihn schön macht, ihn dann begrüßt, voller tiefer, oft enttäuschter Liebe, dann schüchtern wie ein Mädchen nach unten schaut und überraschend kokett sagt: "Meine Verfassung ist nicht die beste", das ist einfach herzzerreißend.

Sautets Kamera kann sich nicht lösen von ihrem betörenden Anblick und degradiert Piccoli, den Protagonisten des Films, zur Randfigur. Wunderbar, dieses Lächeln, wenn sie zu seiner hohen Stirn blickt und leicht belustigt sagt: "Du verlierst deine Haare." Wenn sie den Kopf ganz tief senkt, um Piccoli von unten in die Augen zu blicken und sanft fragt: "Hast du großen Kummer?" Allein Romy Schneider konnte Kraft und Verzweifelung, Ironie und Zärtlichkeit zu einem Ausdruck verbinden. Sie war eine Virtuosin der Gefühlsakkorde.

So wurde "Mado" zu einem Romy-Schneider-Film, obwohl sie darin kaum zehn Minuten zu sehen ist. So besitzergreifend, wie sie im Leben gewesen sein muss, war sie auch auf der Leinwand. Romy Schneider füllte ihre Figuren so sehr mit eigenem Leben, dass sie sich immer weiter ausdehnten, um idealerweise den ganzen Film einzunehmen. Es gilt als Zeichen von Beschränkung, wenn ein Schauspieler nur das darstellen kann, was er selbst erlebt hat. Doch das ist es nicht, wenn man so viel erlebt hat wie Romy Schneider.

Als sie 1981 wenige Monate nach dem tragischen Unfalltod ihres Sohnes David ihren letzten Film "Die Spaziergängerin von Sans-Souci" drehte, stand sie in vielen Szenen mit einem Jungen vor der Kamera. Der spielte ihren Adoptivsohn, dessen Vater von Nazis ermordet worden war. Bei den Dreharbeiten fing sie so heftig an zu weinen, dass der Maskenbildner sie dauernd von neuem schminken musste. Bis zu 30 Mal wiederholte sie einzelne Einstellungen, durchlitt den Schmerz des Verlustes immer und immer wieder.

Wenn sie im fertigen Film von dem Jungen aus ihrer Depression gerissen und zum Essen geführt wird, wenn man sieht, wie er für sie zum Beschützer wird, wie sie bei seinem Anblick langsam ins Leben zurückzukehren scheint und gleichzeitig in ihm seinen verstorbenen Vater zu sehen glaubt, dann gewährt uns Romy Schneider den intimsten Einblick, den sie je in ihr Leben gab. Sie lässt uns beim Trauern zusehen.

Leben, um davon erzählen zu können. Vielleicht spürte Romy Schneider, dass sie im Leben alle Höhen und Tiefen durchmessen musste, um große Gefühle wahrhaftig darstellen zu können, vielleicht hat sie sich deshalb in jeden Abgrund geworfen, der sich vor ihr auftat. Voller "richtiger Tragödien" seien vor allem ihre späten Jahre gewesen, schreibt ihr Biograf Michael Jürgs, "besser als Kino". Doch am Drehbuch zum Melodram ihres Lebens schrieb Romy Schneider kräftig mit.



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IsArenas, 22.05.2007
1.
Zitat von sysopIhr Todestag, der 29. Mai 1982, ist nur ein Datum. Denn eigentlich ist Romy Schneider unsterblich. Ihr Lebensdrama und ihre Leinwandkunst verschmolzen zu einer Legende. War Schneider der letzte wahre Star?
Nein. Bei aller Liebe, es gab/gibt eine Menge weiterer großer deutscher Schauspieler nach Romy. Ich werfe einfach mal Hannes Jaennecke, Goetz George oder z.B. Gudrun Landgrebe in den Raum. Und: Mir ist eigentlich neu, dass Romy Schneider ein Star des [b]deutschen[/i]Films war. Selbst die Sissi-Filme sind doch aus Österreich, und ansonsten würde ich sie dem französischen und italienischen Kino zuordnen.
Pnin, 23.05.2007
2.
Zitat von sysopIhr Todestag, der 29. Mai 1982, ist nur ein Datum. Denn eigentlich ist Romy Schneider unsterblich. Ihr Lebensdrama und ihre Leinwandkunst verschmolzen zu einer Legende. War Schneider der letzte wahre Star?
Weil die ARD die Sissi-Schmalz-Schinken in den letzten 40 Jahren gefühlte 5x pro Jahr wiederholt hat?
Hagbard 23.05.2007
3.
Zitat von IsArenasNein. Bei aller Liebe, es gab/gibt eine Menge weiterer großer deutscher Schauspieler nach Romy. Ich werfe einfach mal Hannes Jaennecke, Goetz George oder z.B. Gudrun Landgrebe in den Raum. Und: Mir ist eigentlich neu, dass Romy Schneider ein Star des [b]deutschen[/i]Films war. Selbst die Sissi-Filme sind doch aus Österreich, und ansonsten würde ich sie dem französischen und italienischen Kino zuordnen.
Gefragt war ja nicht nach "großen Schauspielern" sondern nach "Star". Also nach eben jener Aura, die auch die Monroe, Garbo oder Kelly umgeben hat. Und da ist die Gute schon recht weit vorn.
Dr h.c. Ceasar, 23.05.2007
4.
Zitat von IsArenasNein. Bei aller Liebe, es gab/gibt eine Menge weiterer großer deutscher Schauspieler nach Romy. Ich werfe einfach mal Hannes Jaennecke, Goetz George oder z.B. Gudrun Landgrebe in den Raum. Und: Mir ist eigentlich neu, dass Romy Schneider ein Star des [b]deutschen[/i]Films war. Selbst die Sissi-Filme sind doch aus Österreich, und ansonsten würde ich sie dem französischen und italienischen Kino zuordnen.
Kennen Sie den Film "Mädchen in Uniform"? Der ist so deutsch, deutscher gehts nicht (inhaltlich) :-)
sysop 23.05.2007
5. Stimmt...
...Romy Schneider war natürlich zumindest ein europäischer Star.
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