Romy Schneider Die Berührbare

Ihr Todestag, der 29. Mai 1982, ist nur ein Datum. Denn eigentlich ist Romy Schneider unsterblich. Ihr Lebensdrama und ihre Leinwandkunst verschmolzen zu einer Legende. Lars-Olav Beier würdigt Deutschlands letzte große Diva.


Sie kam in Schwarz, trug einen hochgeschlossenen Hosenanzug und verbarg ihr Haar unter einer Kappe. Wie lang mag sich Romy Schneider überlegt haben, was sie anzieht für ihren ersten Auftritt im deutschen Fernsehen seit vielen Jahren, vor jenen Deutschen, von denen sie sich auf Schritt und Tritt verfolgt fühlte? Die Kaiserin der Herzen entschloss sich, in eine Rüstung zu steigen.

Nur ihr Gesicht wollte sie denen präsentieren, die in ihr immer noch die Sissi sehen wollten. Denn ihr Gesicht sei ihre stärkste Waffe, glaubte sie. Der Rest ihres Körpers sei gar nicht so schön. Für Dietmar Schönherrs Talkshow "Je später der Abend" stilisierte sich Romy Schneider Ende Oktober 1974 zum Vamp. Mit glimmender Zigarette in der Hand wirkte sie wie das Klischee des männermordenden Monsters. Nur war keine Beute in Sicht. Lediglich der Boxer Bubi Scholz. Und Gastgeber Dietmar Schönherr. Und der stellte Fragen.

So wirkte sie auf einmal selbst wie gehetzt. Es sei nicht die Aufgabe einer Schauspielerin, Fragen zu beantworten, sagte sie nach langem Schweigen. Könne sie sich nicht einfach vorstellen, der Auftritt heute Abend sei eine Rolle, schlug der zunehmend ratlose Schönherr vor, der nicht ahnen konnte, dass er selbst Teil einer Selbstinszenierung Romy Schneiders war. "Ja, das wäre leichter", rang sie sich gequält ab. Dabei wartete sie nur auf den Auftritt des männlichen Helden.

Dann kam er, mit offener Hemdbrust und Halskettchen, in Lederjacke und Jeans, so wie sich klein Erna Mitte der siebziger Jahre einen Bürgerschreck vorstellte. Burkhard Driest hatte wegen eines Banküberfalls im Knast gesessen, über diese Zeit das Buch "Die Verrohung des Franz Blum" geschrieben und in dessen Verfilmung die Hauptrolle gespielt. Romy Schneider, die sich von ganz Deutschland in Haft genommen fühlte, fand in Driest sofort einen Seelenverwandten.

Sie konnte die Augen von ihm nicht lassen, betrachtete ihn mit jenem Blick, mit dem sie in Filmen wie "Sommerliebe" (1974) oder "Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen" (1975) kommende Liebhaber taxiert, um herauszufinden, was die im Kopf und in der Hose haben. Mit wachsender Bewunderung schien sie jede von Driests derben Provokationen zu genießen, dann legte sie ihre Hand auf seinen Arm und sagte: "Sie gefallen mir."

Wie bitte? Die vor den Fernsehschirmen versammelte Nation glaubte, ihren Ohren nicht getraut zu haben. Deshalb wiederholte Romy noch einmal: "Sie gefallen mir sehr." Damit gab es keinen Zweifel mehr: Aus Sissi war ein Flittchen geworden, das sich nicht scheute, einen Ex-Knacki vor den Augen der Öffentlichkeit anzumachen. Drei Wörter beschäftigten in den nächsten Tagen die deutschen Medien: "Ich mag Sie."

Doch diese Wörter hatte ihr womöglich eine Souffleuse namens Sissi eingeflüstert. Denn im ersten Teil der Krinolinen-Trilogie hatte die junge Elisabeth über den schönen Kaiser Franz Joseph von Österreich im gleichen Tonfall gesagt: "Ich liebe ihn. Ich liebe ihn sogar sehr." Um ein für allemal klar zu machen, dass sie nicht mehr die süße Kaiserin war, variierte Romy bewusst oder unbewusst das Liebesbekenntnis ihrer Nemesis. Romy Schneiders Flucht vor Sissi führte sie immer wieder zu Sissi zurück.

Als sie 1972 in "Ludwig II." unter Lucchino Viscontis Regie abermals Kaiserin Elisabeth spielte, nutzte sie diese Gelegenheit, um in der Rolle fortwährend über sich selbst zu sprechen. "Triumphe sind schnell vergessen, oder sie rufen später die heftigste Kritik hervor", sagt sie in einer Szene zum blutjungen König von Bayern (Helmut Berger). Jedem Zuschauer war klar, dass sie hier über die junge Romy sprach, die bereits zwei Jahre nach ihrem letzten Sissi-Film auf Platz 20 der Beliebtheitsskala deutscher Kinostars zurückgefallen war.

So oft wie in Viscontis Film, dessen Dialoge voller Anspielungen auf ihr eigenes Leben stecken, sah und hörte man Romy Schneider selten lachen, doch oft wirkt ihre gute Laune angestrengt. Schaut her, scheint sie sagen zu wollen, ich bin eine ganz andere als die, die ihr in mir seht, und es geht mir blendend dabei. Romy Schneiders Darstellung der Elisabeth in diesem Film ist eine zwanghafte Unabhängigkeitserklärung.



insgesamt 79 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
IsArenas, 22.05.2007
1.
Zitat von sysopIhr Todestag, der 29. Mai 1982, ist nur ein Datum. Denn eigentlich ist Romy Schneider unsterblich. Ihr Lebensdrama und ihre Leinwandkunst verschmolzen zu einer Legende. War Schneider der letzte wahre Star?
Nein. Bei aller Liebe, es gab/gibt eine Menge weiterer großer deutscher Schauspieler nach Romy. Ich werfe einfach mal Hannes Jaennecke, Goetz George oder z.B. Gudrun Landgrebe in den Raum. Und: Mir ist eigentlich neu, dass Romy Schneider ein Star des [b]deutschen[/i]Films war. Selbst die Sissi-Filme sind doch aus Österreich, und ansonsten würde ich sie dem französischen und italienischen Kino zuordnen.
Pnin, 23.05.2007
2.
Zitat von sysopIhr Todestag, der 29. Mai 1982, ist nur ein Datum. Denn eigentlich ist Romy Schneider unsterblich. Ihr Lebensdrama und ihre Leinwandkunst verschmolzen zu einer Legende. War Schneider der letzte wahre Star?
Weil die ARD die Sissi-Schmalz-Schinken in den letzten 40 Jahren gefühlte 5x pro Jahr wiederholt hat?
Hagbard 23.05.2007
3.
Zitat von IsArenasNein. Bei aller Liebe, es gab/gibt eine Menge weiterer großer deutscher Schauspieler nach Romy. Ich werfe einfach mal Hannes Jaennecke, Goetz George oder z.B. Gudrun Landgrebe in den Raum. Und: Mir ist eigentlich neu, dass Romy Schneider ein Star des [b]deutschen[/i]Films war. Selbst die Sissi-Filme sind doch aus Österreich, und ansonsten würde ich sie dem französischen und italienischen Kino zuordnen.
Gefragt war ja nicht nach "großen Schauspielern" sondern nach "Star". Also nach eben jener Aura, die auch die Monroe, Garbo oder Kelly umgeben hat. Und da ist die Gute schon recht weit vorn.
Dr h.c. Ceasar, 23.05.2007
4.
Zitat von IsArenasNein. Bei aller Liebe, es gab/gibt eine Menge weiterer großer deutscher Schauspieler nach Romy. Ich werfe einfach mal Hannes Jaennecke, Goetz George oder z.B. Gudrun Landgrebe in den Raum. Und: Mir ist eigentlich neu, dass Romy Schneider ein Star des [b]deutschen[/i]Films war. Selbst die Sissi-Filme sind doch aus Österreich, und ansonsten würde ich sie dem französischen und italienischen Kino zuordnen.
Kennen Sie den Film "Mädchen in Uniform"? Der ist so deutsch, deutscher gehts nicht (inhaltlich) :-)
sysop 23.05.2007
5. Stimmt...
...Romy Schneider war natürlich zumindest ein europäischer Star.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.