Rumänisches Abtreibungsdrama Sex gegen Operation

Der Mensch als ökonomischer Faktor: Grausam genau beschreibt der rumänische Regisseur Cristian Mungiu in "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage", wie eine junge Frau in den letzten Tagen der kommunistischen Diktatur eine Abtreibung organisiert.

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In den Ruinen des Sozialismus gedeiht der Kapitalismus in Reinkultur. Alles ist machbar, es hat nur seinen Preis. In den letzten Tagen des Ceausescu-Regimes kostet eine illegale Abtreibung bei einem Engelmacher rund 3000 Lei (heute rund 300 Euro) - wenn die Schwangerschaft nicht über den dritten Monat hinaus fortgeschritten ist. Danach wird individuell über weitere Leistungen verhandelt. Der Operateur würde bei einer Ergreifung durch die Behörden schließlich nicht wegen Schwangerschaftsabbruchs angeklagt, sondern wegen Mordes. Und das treibt nun mal den Preis in die Höhe.

Szene aus "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage": Ökonomisierung des Seins
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Szene aus "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage": Ökonomisierung des Seins

Gabita (Laura Vasiliu) ist im vierten Monat schwanger. Dass ihre Freundin Otilia (Anamaria Marinca) bei Bekannten im Studentenheim die 3000 Lei zusammengesammelt und nach kleinen Bestechungen mit West-Zigaretten ein Hotelzimmer für den Eingriff bekommen hat, bringt sie nicht weiter. Herr Bebe (Vlad Ivanov), der die Operation vornehmen soll, fordert energisch eine Aufstockung seines Lohns. Die Studentinnen sollen ihm sexuell zu Diensten sein, erst danach würde er die Sache fachmännisch erledigen.

Die Ökonomisierung des Seins: Der rumänische Regisseur Cristian Mungiu bringt sie denkbar konsequent auf die Leinwand. Auf den jüngsten Filmfestspielen von Cannes wurde er dafür zu Recht mit der Goldenen Palme ausgezeichnet.

Größtmögliche klaustrophobische Stimmung

Er perfektioniert in seinem Abtreibungsdrama "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage" eine Inszenierungstechnik, die man als materiellen Realismus beschreiben könnte. Der Körper der Heldin oder eine schlichte Zigarettenschachtel – beide werden zu Objekten einer entmenschlichten Tauschwirtschaft.

Mungiu dokumentiert diesen Handel in aller Nüchternheit und Ausführlichkeit, ohne die darin mitschwingende Grausamkeit zu relativieren. Ein Balance-Akt, den der Regisseur vor allem deshalb bewältigt, weil er die ökonomische Strenge, mit der seine Heldin die Abtreibung für ihre Freundin organisiert, rigoros auf seine filmischen Mittel überträgt.

Einen Tag nur hat die junge Frau, um die illegale Abtreibung der Freundin in die Wege zu leiten. Am Anfang sieht man Otilia durchs Studentenheim eilen, um bei ihren Kommilitoninnen Seife, Zigaretten und Geld einzutreiben. Jeder Gegenstand ist eine fest eingeplante Größe im komplexen Tauschhandel, der dem Schwangerschaftsabbruch vorausgeht.

Der wichtigste Wert aber ist die Zeit, die Regisseur Mungiu geradezu perfide als Handlungselement integriert. Entfesselung und Starre, Bewegung und Ohnmacht: Zwischen diesen Polen schwankt das Drama.

In einer quälend langen Szene wird man Zeuge, wie die schwangere Gabita rauchend auf der Toilette wartet, während ihre Freundin im Nebenzimmer die sexuelle Vorleistung für die dringend erforderliche OP erbringt. Später, als der Abbruch eingeleitet ist und Gabita auf dem Hotelbett darauf wartet, den Fötus auszuscheiden, muss Otilia zur Geburtstagsfeier von der Mutter ihres Freundes. Und es zeigt sich gerade darin die Kunst des Sozialverdichters Mungiu, dass er aus der denkbar ausgelassenen Feier die größtmögliche klaustrophobische Stimmung gewinnt.

Sittengemälde aus den letzten Tagen des Regimes

Denn während Otilia in Ungewissheit darüber schwebt, ob die im Hotel zurückgelassene Freundin aus eigener Kraft die Blutung stoppen kann, sieht der Zuschauer sie in einer fast viertelstündigen Einstellung eingeklemmt zwischen fröhlich schwadronierenden älteren Herrschaften. Man debattiert Bildungsfragen, Generationskonflikte und die Unterschiede der Land- und der Stadtbevölkerung. Wie nebenbei liefert Regisseur Mungiu so ein Sittengemälde aus den letzten Tagen des kommunistischen Regimes in Rumänien. Eines Regimes, das den Menschen die Pille und andere Verhütungsmethoden vorenthielt, weil die Herrschenden der Idee verfallen waren, eine gesteigerte Geburtenrate kurbele automatisch die Volkswirtschaft an.

Dass der Film trotz seiner schmerzlich authentischen Darstellungen nicht die Entmenschlichung seiner Figuren betreibt wie eben jene Gesellschaft, die er beschreibt, ist auch seiner grandiosen Hauptdarstellerin zu verdanken. Anamaria Marinca muss als Otilia ihre Freundin mit gefährlichen Instrumenten traktieren und später den Fötus vom Toilettenboden aufsammeln, um ihn heimlich in einem Müllschlucker zu deponieren. Kein Aufschrei der Verzweiflung entfährt ihrem Gesicht, kein Heischen nach Mitleid.

Lediglich in einzelnen Blicken und kleinen Gesten offenbart sich die emotionale Anspannung der Heldin, aber eben auch ihr unerschütterlicher Wille zur Solidarität. So sehr der Einzelne in dem in "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage" beschriebenen System auf seine ökonomische Nutzbarkeit geschrumpft wird - die menschliche Restwürde strahlt hier umso heller.



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