Formel-1-Film "Rush" Testosteron im Tank

Den Formel-1-Reißer "Rush" über das Duell zwischen Niki Lauda und James Hunt durchweht der Muff vergangener Tage, als Männer noch Männer und Frauen noch Musen waren. Immerhin: Daniel Brühl spielt den Piloten aus Österreich so unterhaltsam, dass er bereits als Oscar-Kandidat gilt.
Formel-1-Film "Rush": Testosteron im Tank

Formel-1-Film "Rush": Testosteron im Tank

Foto: Universum

Wäre der Film "Rush" eine Band, wäre er die Kings of Leon. Frei von irgendwelcher zeitgenössischen Relevanz, verhaftet im ästhetischen und geschlechterpolitischen Gestern. Wo die Band zur Vintage Gibson greift, wendet sich der Film den Oldie-Boliden der Siebziger zu. Wie die Band auf Synthesizer verzichtet, so setzt der Film auf Action ohne CGI-Effekte. Und wo Sänger Caleb Followill seine Stimme aufheulen lässt, lässt "Rush" sein grobkörniges 35-mm-Material noch krisseliger erscheinen.

Doch wie es die Kings of Leon schaffen, mit drei simplen Akkorden weltweit Stadien zum Grölen zu bringen, kriegt es auch "Rush" hin, mit seiner simplen Duell-Story unter Sportlern sein Publikum zu begeistern: In Toronto feierte der Film seine umjubelte Premiere, die Kritiken im englischsprachigen Raum waren hervorragend, selbst Oscar-Chancen werden Ron Howards 22. Film ausgerechnet.

"Rush" erzählt die Geschichte der ungleichen Rennfahrer James Hunt (Chris Hemsworth) und Niki Lauda ( Daniel Brühl), die Anfang der Siebziger den Sprung in die Formel 1 schaffen. Kennengelernt haben sie sich in der Formel 3, wo der Brite Hunt mit seinem offensiven Fahrstil für Aufsehen gesorgt hat. Trotzdem erobert Lauda als erster die Königsklasse. Zunächst öffnet ihm nur sein per Kredit gesammeltes Geld die Türen zum Formel-1-Stall March-Ford. Doch als nach ein paar Rennen klar ist, was Laudas technisches Genie wert ist, wirbt Ferrari ihn ab, und er steigt zum Star des legendären Rennstalls auf.

Playboy gegen Ingenieur

Hunt zieht kurze Zeit später nach und feiert ebenfalls erste Erfolge in der Formel 1, doch ohne verlässliches Auto spielt er beim Kampf um den Weltmeistertitel zunächst keine Rolle. Erst 1976, mittlerweile als Fahrer bei McLaren, kann Hunt Lauda auf Augenhöhe begegnen. Fortan wird jedes Rennen zu einem Duell zwischen Weltmeister Lauda und Herausforderer Hunt, das am 1. August 1976 am Nürburgring nur seinen vorläufigen Höhepunkt findet.

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Formel-1-Film "Rush": Echter Kerl gegen echten Kerl

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Lauda verunglückt bei diesem Rennen so schwer, dass er im Krankenhaus schon die Salbung erhält. Nur 42 Tage nach dem Unfall sitzt er schon wieder im Cockpit. Und erst das letzte Rennen der Saison bringt die Entscheidung, wer Weltmeister wird.

Drehbuchautor Peter Morgan hat schon etliche historische Duelle in Filmstoff übersetzt - von Tony Blair gegen Gordon Brown ("Doppelspitze") über die Queen gegen Diana ("The Queen") bis zu Richard Nixon gegen David Frost ("Frost/Nixon"). Die Aufbereitung von Lauda gegen Hunt aber gehört zu seinen unsubtilsten Arbeiten, da er hier zwei archaische Männlichkeitsmodelle aufeinander prallen lässt, ohne dass sie in der Kollision Schaden nehmen würden.

Hier der aufschneiderische, forsche Hunt, der nicht nur auf der Rennpiste, sondern auch bei den Frauen punktet. Dort der kontrollierte Lauda, der seine Nächte am liebsten in der Werkstatt verbringt und seinen Spitznamen "Die Ratte" mit den Worten "Ein sehr schlaues Tier!" zur Kenntnis nimmt. Playboy gegen Ingenieur, Seventies-Swag gegen teutonisches Klemmitum: "Rush" treibt die Überzeichnung der zentralen Figuren auch visuell voran; Chris Hemsworth ("Thor", "Avengers") kommt noch schnittiger als der wahre Hunt daher und Daniel Brühl wird mit Zahnprothese und hochgerutschtem Haaransatz als - nach konventionellen Maßstäben - noch unattraktiver als der wahre Lauda hergerichtet.

Wie aus alten Männermagazinen

Das Problem dieser Dramatisierung besteht nun nicht darin, dass sie keine historische Grundlage hat. Nach Angaben von Lauda hat ihn mit Hunt, der 1993 an einem Herzinfarkt starb, eine robuste Freundschaft verbunden, zeitweise teilten sie sich sogar eine Wohnung. Viel schwieriger am ständigen Wechsel zwischen Hunts Glamourwelt und Laudas Bootcamp ist die inhaltliche Verzagtheit, die der paritätischen Inszenierung zugrunde liegt. Diesem Film, der so offensichtlich "Eier haben" zum Thema hat, fehlen ebendiese, um sich dem Hollywood-Kalkül zu verweigern und sich auf die kontroversere und damit interessantere Figur zu konzentrieren - auf Niki Lauda.

Ein Unsympath, dem trotzdem Respekt gebührt: In jeder Szene, in der sich "Rush" Lauda zuwendet, nimmt der Film Fahrt auf. Wie halten es Freunde, Kollegen und nicht zuletzt seine Ehefrau Marlene (Alexandra Maria Lara) mit dem Grobian aus? Was treibt den Sohn aus der Banker-Familie an, Geld und Leben in einer Sportart zu riskieren, die zum damaligen Zeitpunkt noch regelmäßig Tote forderte? Während "Rush" das Leben von James Hunt bloß in der übersättigten Optik alter Männermagazine inszeniert, wächst er an der Aufgabe, den Alltag eines Antihelden samt Zurückweisungen, Beleidigungen und stillen Triumphen darzustellen.

Und Daniel Brühl macht es sichtlich Spaß, sich in Niki Lauda hineinzufuchsen. Für alles, was an seinem Verhalten seltsam erscheint, hat Lauda eine plausible Erklärung parat, nicht selten schickt er auch noch eine punchline hinterher. Kein Wunder also, dass Brühl in den USA als eine der Entdeckungen des Jahres gefeiert wird und sich Hoffnung auf eine Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller machen kann. Doch im Film macht sein gewitztes Spiel das Gefälle zu den anderen Figuren, allen voran den Frauen, die hier nur Musen sein dürfen, noch schmerzlicher deutlich.

Zum Schluss versucht "Rush" noch einmal, die Balance zwischen Hunt/ Hemsworth und Lauda/ Brühl herzustellen, indem er sie beide zu moralischen Siegern erklärt - schließlich teilen sie neben dem Talent die machistischen Sekundärtugenden Siegeswille und Sportsgeist. Und so endet das Männermärchen in der Mackergeste schlechthin: dem kollektiven Schulterklopfen.