Russischer Transvestiten-Film Ein Käfig voller Zaren

Plüsch als Panzer: Der russische Berlinale-Beitrag "Veselchaki - Lustige Typen" erzählt die todtraurige Geschichte von fünf Moskauer Transvestiten in einem schwulenfeindlichen Land - so gut, dass sich renommierte Zeitungen um das Wohl der Darsteller sorgen.

Von , Moskau


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"Veselchaki - Lustige Typen": "Satanisches Treiben"
Den Lidschatten hat Dmitrij schon aufgetragen. Jetzt streift er das Kleidchen über und die rosa Plüschjacke. Er schließt die Schnallen der Stöckelschuhe. Sie glitzern. Aus Dmitrij - gespielt vom russischen Schauspieler Daniil Koslowski - wird Lusja. Er, sie, stöckelt über die staubige Straße eines verfallenden russischen Dorfes, und dabei läuft Gloria Gaynors Hymne "I Will Survive".

Es ist eine Schlüsselszene des Films "Veselchaki - Lustige Typen", er wird am Donnerstagabend auf der Berlinale das "Panorama"-Programm eröffnen. Der Film erzählt die Geschichte einer Transvestiten-Truppe in Moskau - und spannt den Bogen von ihren umjubelten Auftritten als Künstler im Varieté bis zu den Anfeindungen, denen sie im russischen Alltag ausgesetzt sind. Den Soundtrack hat Andrej Danilko komponiert, Osteuropas wohl berühmtester Transvestit. Als Vera Serdjutschka erreichte er 2007 beim Eurovision Song Contest den zweiten Platz. Es ist ein guter Film geworden. Manchmal etwas schrill, aber er berührt.

Dmitrij Koslowski, 25, ist eine der jungen Schauspielhoffnungen Russlands. Er hat den Edgar in Shakespeares Tragödie "König Lear" auf Moskaus Bühnen gespielt und die Hauptrolle im Blockbuster "Wir sind aus der Zukunft", einer der erfolgreichsten russischen Filmproduktionen der letzten Jahre. 2006 wurde er mit der Goldenen Maske geehrt, Russlands Nationalem Theaterpreis.

Ob er nicht einen Karriereknick befürchten müsse, fragte ihn die renommierte Moskauer Tageszeitung "Iswestija" spitz, nach der Russlandpremiere von "Veselchaki". Er spiele die Transe Dmitrij ja ausgesprochen überzeugend.

Ein russisches Tabu

Genauso gut, schrieb ein empörter Filmkritiker auf der Web-Seite des Lifestyle-Magazins "Afischa", hätte man einen Film über "irgendeinen anderen Psychopathen" drehen können. Er könne nur davor warnen, den Film anzusehen - die Vorliebe für feminine Kleidung könnte sich ja als ansteckend erweisen: "Ich will nicht, das meine Kinder so etwas sehen."

Der Streifen des russischen Regisseurs Felix Michailow rührt an ein russisches Tabu und sorgt deshalb für Aufregung in Moskau: Vielen in Russland gilt Homosexualität noch immer als krankhafte Störung. Transvestiten, Schwule und Lesben, sie alle werden in Russland als "Päderasten" verfemt, als Kinderschänder.

Als "satanisches Treiben" bezeichnet Moskaus mächtiger Bürgermeister Jurij Luschkow regelmäßig Bestrebungen von Schwulen und Lesben, in Russlands Hauptstadt eine "Gay Parade" zu veranstalten, wie es sie in vielen anderen Europäischen Städten gibt. "Unsere Gesellschaft verfügt über eine gesunde Moral und akzeptiert all diese Schwuchteln nicht", sagte er im vergangenen Jahr im TV. Fast 60 Prozent der Moskauer teilen laut Umfragen diese Auffassung.

Milizeinsatz gegen Lesbenkino

Als in St. Petersburg das lesbische Kinofestival "Seit an Seit" eröffnet werden sollte, schickte die Staatsmacht Milizionäre und ließ den Vorführsaal sperren - angeblich aus Gründen des Brandschutzes. Derzeit bemühen sich Aktivisten um die Genehmigung einer Demonstration in der Stadt, die sich selbst gern als weltoffenes "Fenster nach Europa" darstellt. Doch die Putin-Partei hat bereits Bedenken angemeldet, Homosexuelle seien "kranke und perverse Menschen", sagte Sergej Andenko, Abgeordneter von "Einiges Russland" im Regionalparlament.

Russlands Gesellschaft sei noch nicht hinreichend demokratisiert, noch nicht offen genug, glaubt Alexej Bokow, Produzent des Films. "Aber uns liegt jeder kämpferische Impetus fern." Es gehe nicht um Konfrontation, nicht mit Moskaus Stadtvater Jurij Luschkow, noch mit sonst jemandem. "Wir propagieren keinen bestimmten Lebenswandel. Der Film soll die Zuschauer nur berühren."

Eine "unkonventionelle Komödie" haben die Macher ihr Werk genannt. Es zeigt ein bisschen Tuntenkomik. Es gibt grelle Auftritte im Moskauer Varieté und reichlich Musik, doch letztlich erzählt "Veselchaki - Lustige Typen" eine traurige Geschichte. "Die Helden unterhalten ihr Publikum. Doch im Kern ist das eine Geschichte über Menschen, die irgendwann von der geraden Strecke abgekommen sind", sagt der finnische Schauspieler Ville Haapasalo. Im Film spielt er den Transvestiten Rosa, Varieté-Chef, alleinerziehend und bemüht, der Tochter neben dem Vater auch die Mutter zu sein. "Ich kenne Männer, die so leben und die sehr glücklich sind. Aber in die 'Lustigen Typen' führt ihr Weg in eine Sackgasse."

Für Lusja alias Dmitrij ist die Maskerade eine Flucht. Manierlich in Jeans und Lederjacke gekleidet hat er in seinem Heimatdorf seine Eltern gesucht. Gefunden hat er nur einen Haushalt von Säufern. Die Mutter erkennt, vernebelt vom Fusel, den eigenen Sohn kaum wieder. Nachts hört er die Geräusche der Zechenden von nebenan - und holt seine Frauenkleider wieder aus dem Koffer hervor. Der Plüsch ist für Dmitrij ein Panzer.

Am Ende des Weges warten vier Schlägertypen auf die Transentruppe. "Irgendwann", sagt Rosas Mörder, "muss jeder Schmetterling sterben."



insgesamt 7 Beiträge
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Zero Thrust 11.02.2010
1. Bravo!
Bravo an die Macher und alle Darsteller dieses Films! Ich find' das so klasse. Ein Motiv, das in unseren Breiten schlimmstenfalls trivial erschiene, aber auch den letzten Hinterwäldler lange nicht mehr entsetzte, hat im heutigen Russland leider noch etwas von einer Revolution. Mich freut, dass sich gerade dort, wo's am allernötigsten scheint, mal jemand traut, so was zu bringen. (Wobei es in der Hinsicht kein Unikum ist, doch vergleichbare Beispiele bleiben rar.) Es bleibt dann in der Tat nur zu hoffen, dass jene Knallköppe in Russland, die sich durch derartiges beleidigt fühlen oder provozieren lassen (und die gibt es!), nicht aus der Haut fahren. Dies ist ein Land, in dem es mit einer Gefahr für Leib und Leben einhergeht, an einer Schwulendemonstration teilzunehmen. In dieser Hinsicht ist und bleibt Russland ein echtes Entwicklungsland und ich bin mir leider nicht mal sicher, in welche Richtung die "Entwicklung", was das betrifft, eigentlich geht. Kurz gesagt: Es wird noch viele solcher Filme brauchen, und nicht nur das, aber ich wünsche mir, dass jeder von ihnen etwas bewegt. Alles andere ist einer solch faszinierenden Nation nicht würdig.
rba 11.02.2010
2. Ohh was sind die Russen doch rückständig, nicht wahr Herr Bidder
Bravo Herr Bidder, da haben sie es ja mal wieder geschafft einen hervorragend einseitigen Artikel über Russland zu veröffentlichen und Wasser in die Mühle der Mähr vom ach so homophoben und rückständigen Russland zu gießen. Was sind sie doch rückständig in Moskau und den russischen Provinzen. Schön das es in den ländlichen Regionen Deutschlands keinerlei schwulenfeindliches Gedankengut gibt, schön das es ebenso in Deutschland keinerlei Jugendliche gibt die Schwuler als Schimpfwort benutzen. Lieber Herr Bidder, manchmal habe ich wenn ich Ihre Artikel so lese doch den Eindruck das sie in irgendeinem anderen Moskau leben als ich. Ich bin vor 5 Jahren aus dem ländlichen Bayern nach Moskau gekommen. Ich weiß wie stark gegen Homosexuelle am CSU-Stammtisch gehetzt wird und ich erlebe die russische Hauptstadt täglich als eine doch recht tolerante Stadt. Ich habe Freunde, die offen schwul leben, ich kenne hier Clubs die in Nürnberg oder München schon lange zu gemacht worden wären. Also wie wäre es denn mal wenn sie die russische Lebenswirklichkeit abbilden würden und nicht immer nur halbgare Unwahrheiten aufkochen. Sie sind seit September letzten Jahres hier, da könnte man doch ein kleinwenig Russlandkenntniss erwarten....
Ogden wernstrom 12.02.2010
3. Ru ist nicht EU !!!
Zitat von Zero ThrustBravo an die Macher und alle Darsteller dieses Films! Ich find' das so klasse. Ein Motiv, das in unseren Breiten schlimmstenfalls trivial erschiene, aber auch den letzten Hinterwäldler lange nicht mehr entsetzte, hat im heutigen Russland leider noch etwas von einer Revolution. Mich freut, dass sich gerade dort, wo's am allernötigsten scheint, mal jemand traut, so was zu bringen. (Wobei es in der Hinsicht kein Unikum ist, doch vergleichbare Beispiele bleiben rar.) Es bleibt dann in der Tat nur zu hoffen, dass jene Knallköppe in Russland, die sich durch derartiges beleidigt fühlen oder provozieren lassen (und die gibt es!), nicht aus der Haut fahren. Dies ist ein Land, in dem es mit einer Gefahr für Leib und Leben einhergeht, an einer Schwulendemonstration teilzunehmen. In dieser Hinsicht ist und bleibt Russland ein echtes Entwicklungsland und ich bin mir leider nicht mal sicher, in welche Richtung die "Entwicklung", was das betrifft, eigentlich geht. Kurz gesagt: Es wird noch viele solcher Filme brauchen, und nicht nur das, aber ich wünsche mir, dass jeder von ihnen etwas bewegt. Alles andere ist einer solch faszinierenden Nation nicht würdig.
"Die gibt es"??? Das ist die absolute Mehrheit dort! (Zitate: Krank, pervers, satanisch, Päderasten, ...) Was ist denn an Russland (der Gesellschaft) bitte "faszinierend"?? (Synonyme: attraktiv, spannend, packend, schön, einladend) Die Naschi-Bewegung? Kapitalismus pur? Tote Journalisten? Tschetschenien? Wodka? Korruption? Inhaftierte Opposition? Vertuschungen (z.B. Kursk, Beslan, Giftgas-Versuche im Theater)? übertriebener Nationalstolz (warum auch immer)? Sotschi? Bitte konkretisieren! Ich lasse mich von Argumenten gerne überzeugen! Dr. Schiwago und Smetana zählen hier aber nicht! Warum ist Russische Musik eigentlich so von Melancholie geprägt? ;)
rba 12.02.2010
4. die Menschen
Zitat von Ogden wernstrom"Die gibt es"??? Das ist die absolute Mehrheit dort! (Zitate: Krank, pervers, satanisch, Päderasten, ...) Was ist denn an Russland (der Gesellschaft) bitte "faszinierend"?? (Synonyme: attraktiv, spannend, packend, schön, einladend) Die Naschi-Bewegung? Kapitalismus pur? Tote Journalisten? Tschetschenien? Wodka? Korruption? Inhaftierte Opposition? Vertuschungen (z.B. Kursk, Beslan, Giftgas-Versuche im Theater)? übertriebener Nationalstolz (warum auch immer)? Sotschi? Bitte konkretisieren! Ich lasse mich von Argumenten gerne überzeugen! Dr. Schiwago und Smetana zählen hier aber nicht! Warum ist Russische Musik eigentlich so von Melancholie geprägt? ;)
Ganz einfach: Es sind die einfachen Menschen, in ihrer Offenheit und Gastfreundschaft. Man sollte diese Menschen wenn man von Russland spricht auch nicht mit Juri Michailowitsch Luschkow oder Wladimir Wolfowitsch Schirinowski etc. verweckseln. Schließlich und Gott sei Dank sprechen ein Westerwelle, Schäuble oder ein Beckstein auch nicht pauschal für uns Deutsche. Kommen Sie einfach mal vorbei und überzeugen Sie sich selbst.
Zero Thrust 12.02.2010
5.
Zitat von rbaBravo Herr Bidder, da haben sie es ja mal wieder geschafft einen hervorragend einseitigen Artikel über Russland zu veröffentlichen und Wasser in die Mühle der Mähr vom ach so homophoben und rückständigen Russland zu gießen. Was sind sie doch rückständig in Moskau und den russischen Provinzen. Schön das es in den ländlichen Regionen Deutschlands keinerlei schwulenfeindliches Gedankengut gibt, schön das es ebenso in Deutschland keinerlei Jugendliche gibt die Schwuler als Schimpfwort benutzen. Lieber Herr Bidder, manchmal habe ich wenn ich Ihre Artikel so lese doch den Eindruck das sie in irgendeinem anderen Moskau leben als ich. Ich bin vor 5 Jahren aus dem ländlichen Bayern nach Moskau gekommen. Ich weiß wie stark gegen Homosexuelle am CSU-Stammtisch gehetzt wird und ich erlebe die russische Hauptstadt täglich als eine doch recht tolerante Stadt. Ich habe Freunde, die offen schwul leben, ich kenne hier Clubs die in Nürnberg oder München schon lange zu gemacht worden wären. Also wie wäre es denn mal wenn sie die russische Lebenswirklichkeit abbilden würden und nicht immer nur halbgare Unwahrheiten aufkochen. Sie sind seit September letzten Jahres hier, da könnte man doch ein kleinwenig Russlandkenntniss erwarten....
Ja, nee, is klar. Wer hat das behauptet und - geht es hier überhaupt darum? Siehe oben. Oh Wow, Sie kennen Moskau? Leben sogar dort?!? Eine kosmopolitische Millionenmetropole.. wie aussagekräftig. Ist irgendwie immer so, wenn man mit Leuten über Russland debattiert, deren Einstellung gezwungen und auf ganzer Linie pro-russisch ist (und ich bin selbst alles andere als anti-russisch), dass die dann ständig mit solch Paradebeispielen kommen. 'Russland ist doch nicht liberal' ~ 'Na aber da ist doch SANKT PETERSBURG!' - oder eben - 'Russland ist intolerant.' ~ 'Na aber da ist doch MOSKAU!'. Es ist immer dasselbe Schema. Überzeugt leider niemanden, der fähig ist, zu denken. Dass Sie nun allerdings *Moskau*.. hier ausgerechnet gegen das ländliche Bayern antreten lassen, entlarvt Sie gleichwohl als richtigen Spaßvogel. :-D Vorsicht, der Begriff "Russlandkenntnis" wird in dem Zusammenhang, wie Sie ihn hier wünschen, so in Deutschland nicht mehr gebraucht. Man spricht so gesehen eher von Propaganda, oder, treffender, von Desinformation. Beispiel in Anwendung: Lupenreiner Demokrat Aber, Sie sind halt schon fünf Jahre 'drüben'. Ui, ich hab's hier gleich mit zwei Spaßvögeln zu tun, was? Oder, falls Sie mich damit lediglich insofern belehren wollten, dass die Mehrheit der heutigen Russen der Meinung ist, Homosexualität sei aus moralischen Gründen abzulehnen - danke, das weiß ich. Erzählen Sie das lieber dem da oben. Obschon der's wissen müsste. Wissen Sie, was das Problem mit "Synonymen" ist? Es handelt sich bei diesen nur äußerst selten um sog. echte Synonyme. Unechte Synonyme teilen den Nachteil, dass jedes von ihnen eine (wenn auch minimal) andere Bedeutung hat. Auf ihre schwer beeindruckende Liste von Minus-Aspekten, die man für absolut jedes Land unter Gottes Himmel genau so erstellen könnte (insbesondere für Deutschland) gehe ich hier gar nicht erst ein. Wäre Russland *nur* lieb, artig, blumig, unschuldig, schön, bunt, einladend, sonnig, attraktiv, ... wie langweilig wär' das denn? Faszinierend wäre genau das _nicht_. Denn dafür braucht es Kontraste, mögen sie auch krass sein. Vielleicht ist ja gerade das etwas, was mich (und viele andere) an dieser Nation fasziniert...
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