S.P.O.N. - Der Kritiker Eichinger ist tot, das Kino leidet weiter

Der deutsche Film sieht sich gern wie eine kleine Familie, nun hat sie ihren bewunderten, belächelten Vater verloren. Und keiner weiß, wie es weitergehen soll. So knapp lassen sich die Nachrufe auf Bernd Eichinger zusammenfassen.


"Er war der deutsche Film", riefen sie, "er war Hollywood", "er hat uns Hitler beigebracht", "was für Dialoge konnte er schreiben!": Der mit der Hand zitternde Bruno Ganz, das war schon Slapstick; und ich habe mich beim "Untergang" immer gefragt, warum die Schauspieler reden wie Holzbeine. Schlimmer war aber noch, als Moritz Bleibtreu in einer Talkshow erklären sollte, wie sich Andreas Baader eigentlich gefühlt hat.

Nur ein paar alte Freunde wie Franz-Josef Wagner oder Wolf Wondratschek gruben etwas tiefer und sagten in ihrem Nachruf: Eichinger war ein heiliger Trinker, Eichinger hat mir die Frau ausgespannt. Auch ihnen entging aber das eigentlich Entscheidende an diesem traurigen Tod: Der deutsche Film hat seinen Ceausescu-Effekt.

Anders gesagt: Auf der Berlinale, die kommende Woche beginnt, können sich alle schon mal überlegen, wie sie die neue Freiheit nutzen wollen. Sie haben nun keinen Übervater mehr, an dem sie sich abarbeiten müssen. Sie haben aber auch keine Ausreden mehr, wenn sie langweilige Filme machen, die keiner sehen will. Eichinger, das zeigten die Nachrufe, das zeigte die Art, wie dieser Tod in den Feuilletons zelebriert wurde, blockierte vieles an Veränderung allein durch seine Präsenz.

Eichinger bot ja jedem sein eigenes Missverständnis. Die einen sagten, der zeigt uns mal, wie unsere Filme so erfolgreich sein können wie die der Amerikaner, merkten aber nicht, dass sie Eichinger vor allem deshalb so amerikanisch fanden, weil er Jeans und Turnschuhe trug. Die anderen sagten, das ist doch schlimmes Kommerzkino, das ist keine Kunst, wie wir sie wollen, merkten aber nicht, dass sie nur sperrige Selbstbespiegelung betrieben und keine Filme machten wie die von Jim Jarmusch.

Je kleiner der Verein, desto größer das Gegacker

Die Eichinger-Nachrufer schrieben übrigens mehr als sonst üblich vor allem über sich selbst, was aber auch damit zu tun hat, dass der Tod von Eichinger zurück führt zu den Kulturkämpfen der achtziger Jahre, die wiederum eine Folge von 1968 waren. Der idealistische Gestus der deutschen 68er ließ sie glauben, dass sie die Wahrheit auf ihrer Seite hatten, in der Politik, aber auch in der Kultur. Jemand wie Eichinger hatte es da leicht, sich als Gegner zu etablieren.

Irgendwie scheinen diese Verkrampfungen aber immer noch weiterzuwirken. Das Reden über Film oder Literatur wird immer noch in dem Gestus geführt, dass das, was wenige interessiert, vielleicht doch wertvoller ist als das, was die Masse will. In der Literatur führt das dazu, dass besonders gern das Sperrige, Komplizierte, Kryptische gelobt wird und als eine Art Kunstreligion gepriesen wird, zuletzt zum Beispiel beim Büchnerpreis 2010 für Reinhard Jirgl, der so schreibt, wie sein Nachname klingt.

Der Film als Massenmedium hätte es da eigentlich leichter, aber auch hier gilt das Spröde, das Abseitige, das von wenigen Gesehene und für eine Gemeinde Gemachte als kunstvoller und damit auch wertvoller. Eichingers Werk taugt dabei nicht als Beispiel, wie man diese Kluft überwindet. Eher war es so, dass er davon profitierte, wie gut die kulturellen Vorurteile immer noch funktionieren.

Eines aber konnte man von Eichinger lernen: Es nervte ihn, wie der deutsche Film an sich leidet, wie er um sich selbst kreist, wie vorhersehbar die Sujets sind, wie spießig oft die Weltsicht ist. Und es nervt immer noch. Von außen betrachtet wirkt das manchmal wie ein einziger Kongress der Taubenzüchter. Aber je kleiner der Verein, desto größer das Gegacker. Der Geltungsdrang der Branche wird dabei merkwürdigerweise kombiniert mit allerlei Kränkungserwartungen und deutschem Kleinmut. Liegt das alles vielleicht doch wieder an den satten, satten Subventionen? Nächste Woche ist Berlinale.



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blogvormkopf 04.02.2011
1. Herr Dietz ...
... bevor Sie Ihre nächste Kolumne schreiben, lesen Sie doch bitte erstmal ein paar von Harald Martenstein. Da können Sie lernen, wie das geht. Bei Ihnen hat man immer das Gefühl, Sie gehen zum Lachen in den Keller. Das ist für eine Kolumne der falsche Gestus, wie Sie wohl formulieren würden.
lizard_of_oz 04.02.2011
2. Und keiner weiß, wie es weitergehen soll
Na ganz einfach, the one and only UWE BOLL! Jedenfalls war die PC-Spieladaption "Far Cry" mit Till Schweiger ganz amüsante Unterhaltung. Wer vom Kino Erleuchtung erwartet, sollte seine Denkansätze kritisch hinterfragen. Ein Buch lässt einen allein im Licht zurück, ein Film allein im Dunklen. Die Ausnahmen bestätigen diese Regel. Aber mal ganz im Ernst, was zum Henker ist mit Werner Herzog? Nur weil das nicht so ein Medienkriecher ist, der sozial in jede stupide Kamera grinst, sondern ein zurecht stolz auf seine Fähigkeiten ist und das nicht herunterspielt ist er hier unbeliebt im Filmmilieu. Tja, gleichtzeitig genial und Schleimspurleger bei der Politik, immer hübsch auf Sozialveranstaltungen herumreichbar wird es so schnell nicht geben, also wird sich in diesem noch jungen Jhd. wohl kein genialer Filmemacher in Deutschland outen und wenn doch, dann auf dem Sprung nach Amerika. Tja, die staatlich verordnete Bescheidenheit der Deutschen schlägt langsam in unteres Mittelmaß um.
Ylex 04.02.2011
3. Werthaltigkeit kultureller Hervorbringungen
Unter einem Nachruf verstehe ich die Würdigung einer verstorbenen Persönlichkeit – das kommt mir bei Herrn Diez zu kurz. Bernd Eichinger hat viele bedeutende, sogar einige großartige deutsche Filme erst ermöglicht, er hat sich mutig polarisierender Stoffe angenommen, er hat sich in Drehbücher verbissen, bei denen andere nur abgewinkt haben. Ohne ihn wäre die deutsche Filmlandschaft der letzten Jahrzehnte nahezu eine Wüste – vielleicht war Eichinger zu kompliziert, zu selbstbewusst, möglicherweise so überheblich, dass manche selbst die posthume Eloge auf das Notwendigste ausdünnen. Soetwas könnte souveräner gehandhabt werden, aber es entspricht der sauertöpfischen Selbsteinschätzung der Branche. Der deutsche Film ist ohne übertriebene Nabelschau fast nicht mehr denkbar – manchmal frage ich mich, an wem oder an was sich die ewigen Nörgler überhaupt orientieren. An den Hollywood-Dimensionen zwischen gigantischen kommerziellen Erfolgen und einer Flut von Trash-Streifen? Wenn das der cineastische Maßstab aller Dinge sein soll, dann gute Nacht. Klein kann auch fein sein, doch nur, wenn man sich nicht in ständigen Selbstzweifeln zerreibt. Zitat: "Irgendwie scheinen diese Verkrampfungen aber immer noch weiterzuwirken. Das Reden über Film oder Literatur wird immer noch in dem Gestus geführt, dass das, was wenige interessiert, vielleicht doch wertvoller ist als das, was die Masse will. In der Literatur führt das dazu, dass besonders gern das Sperrige, Komplizierte, Kryptische gelobt wird und als eine Art Kunstreligion gepriesen wird, zuletzt zum Beispiel beim Büchnerpreis 2010 für Reinhard Jirgl, der so schreibt, wie sein Nachname klingt." Herr Diez möchte also die Werthaltigkeit kultureller Hervorbringungen an der Masse orientiert sehen und schilt die Verweigerer als arrogant – das passt so gar nicht zu seinem eindrucksvollen Buch, das er voriges Jahr vorgestellt hat. Außerdem wäre diese Einstellung sowieso nur praktisch, sie verzichtet auf jede Art von Anspruch, weil sie ihn von vornherein als Ballast betrachtet. Wie klingt der Name Jirgl? Als Deutscher vermisst man das 'e' zwischen dem 'g' und dem 'l' – das ist schon mal schlecht. Außerdem hat Reinhard Jirgl schon verdächtig viele namhafte Literaturpreise bekommen, was darauf hindeuten könnte, dass er ein überschätzter Schriftsteller ist. Ich finde, Jirgl schreibt auf einem hohen Niveau, und ich empfinde seinen Stil als faszinierend, wenn auch nicht durchgehend.
Bala Clava 04.02.2011
4. Ohne Eichinger
Zitat von YlexUnter einem Nachruf verstehe ich die Würdigung einer verstorbenen Persönlichkeit – das kommt mir bei Herrn Diez zu kurz. Bernd Eichinger hat viele bedeutende, sogar einige großartige deutsche Filme erst ermöglicht, er hat sich mutig polarisierender Stoffe angenommen, er hat sich in Drehbücher verbissen, bei denen andere nur abgewinkt haben. Ohne ihn wäre die deutsche Filmlandschaft der letzten Jahrzehnte nahezu eine Wüste – vielleicht war Eichinger zu kompliziert, zu selbstbewusst, möglicherweise so überheblich, dass manche selbst die posthume Eloge auf das Notwendigste ausdünnen. Soetwas könnte souveräner gehandhabt werden, aber es entspricht der sauertöpfischen Selbsteinschätzung der Branche. Der deutsche Film ist ohne übertriebene Nabelschau fast nicht mehr denkbar – manchmal frage ich mich, an wem oder an was sich die ewigen Nörgler überhaupt orientieren. An den Hollywood-Dimensionen zwischen gigantischen kommerziellen Erfolgen und einer Flut von Trash-Streifen? Wenn das der cineastische Maßstab aller Dinge sein soll, dann gute Nacht. Klein kann auch fein sein, doch nur, wenn man sich nicht in ständigen Selbstzweifeln zerreibt. Zitat: "Irgendwie scheinen diese Verkrampfungen aber immer noch weiterzuwirken. Das Reden über Film oder Literatur wird immer noch in dem Gestus geführt, dass das, was wenige interessiert, vielleicht doch wertvoller ist als das, was die Masse will. In der Literatur führt das dazu, dass besonders gern das Sperrige, Komplizierte, Kryptische gelobt wird und als eine Art Kunstreligion gepriesen wird, zuletzt zum Beispiel beim Büchnerpreis 2010 für Reinhard Jirgl, der so schreibt, wie sein Nachname klingt." Herr Diez möchte also die Werthaltigkeit kultureller Hervorbringungen an der Masse orientiert sehen und schilt die Verweigerer als arrogant – das passt so gar nicht zu seinem eindrucksvollen Buch, das er voriges Jahr vorgestellt hat. Außerdem wäre diese Einstellung sowieso nur praktisch, sie verzichtet auf jede Art von Anspruch, weil sie ihn von vornherein als Ballast betrachtet. Wie klingt der Name Jirgl? Als Deutscher vermisst man das 'e' zwischen dem 'g' und dem 'l' – das ist schon mal schlecht. Außerdem hat Reinhard Jirgl schon verdächtig viele namhafte Literaturpreise bekommen, was darauf hindeuten könnte, dass er ein überschätzter Schriftsteller ist. Ich finde, Jirgl schreibt auf einem hohen Niveau, und ich empfinde seinen Stil als faszinierend, wenn auch nicht durchgehend.
... wäre die deutsche Filmlandschaft keineswegs verwüstet. Es würden einfach andere Pflänzchen gedeihen, mit Sicherheit weniger "internationaler" Mafia-Dschungel, weniger Stechpalmenwald (holly wood) und vor allem weniger inzestuöses bayrisches Krautgewächs. Wir hätten vielleicht den "Führer" nicht im Bunker gehabt, nicht Klein-Moritz Baader, nicht diesen hölzernen Möchte-Gern-Rapper aus Berlin, auch nicht "Werner - Gekotzt wird später", nicht diesen unsäglichen Tom Gerhardt und noch so einige Komiker wie Till Schwaiger. Wer sowas als unverzichtbar ansieht, der sollte wie Simon in die Wüste gehen. Es kann nur besser werden, die Wüste lebt.
Icestorm 04.02.2011
5. Die Leiden des deutschen Films
Wenn man dem deutschen Film nur nicht meißt seine Bemühtheit anmerken würde. Seine Bemühtheit, entweder eine politische Aussage dem Zuschauer zu vermitteln, oder die Bemühtheit, einen unterhaltenden Film auf die Leinwand zu werfen - oder die Bemühtheit seiner Schauspieler. Statt Figuren darzustellen, sie zu verkörpern, merkt man leider zu oft, dass Figuren eine Aussage transportieren sollen. Heraus kommen zumeißt hölzerne Charaktere. Es überrascht wenig, dass das deutsche Kino weit hinter leichten Sommerproduktionen (z.B. Willkommen bei den Sch'tis), nordischen Thrillern (Verdammnis), finnischen Absurditäten (Rare Exports), schwarzen engl. Komödien (Sterben für Anfänger), guten US-Produktionen (Shutter Island), und und und ... liegt. Von der durchschnittlichen Qualität gegenwärtiger Schauspieler sage ich gar nichts. Wer "Rosanne" sah, der erinnert sich an die Kreisfahrt um den Familientisch mit dem natürlichen Familienleben. Sowas in deutschen Serien oder Film? Undenkbar. Bis auf wenige hervorragende Produktionen und Schauspieler verwüsten Heerscharen seit 1933, über das Nachkriegskino und den Autorenfilm ab 1968 das deutsche Kino. Eichingers Tod ist deshalb so bedauerlich, weil er eben mehr garantierte, als dröge deutsche Filmkost.
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