Sacharow-Preisträger Oleh Senzow Er ist nicht allein

Nachdem schon sein Hungerstreik nichts ausrichtete, wird auch der Sacharow-Preis für den in Russland inhaftierten ukrainischen Regisseur Oleh Senzow kaum etwas an dessen Lage ändern. Trotzdem kommt der Preis zur richtigen Zeit.

Oleh Senzow
AP

Oleh Senzow

Von


In Oleh Senzows erstem und bislang einzigem Spielfilm "Gamer" schafft es der Jugendliche Alex, dank seines Talents für Computerspiele seiner tristen Heimatstadt Simferopol auf der Krim zu entkommen. Er zockt auf internationalen Turnieren und hat kaum Zeit, sich über Aufmerksamkeit und Prämien zu freuen, da ist alles auch schon wieder weg. Mit Händen, die sich erst leer anfühlen, seitdem sie mal gefüllt waren, kehrt Alex nach Simferopol zurück.

"Gamer" erzählt Alex' Leben als Geschichte einer Enttäuschung. Für Senzow selbst wäre die Rückkehr in seine Geburtsstadt Simferopol hingegen die Erfüllung eines Traums. Seit vier Jahren sitzt der ukrainische Regisseur in einem Straflager in Nordsibirien. In Moskau wurde er wegen der vermeintlichen Planung von Brandanschlägen verurteilt zu 20 Jahren Haft, festgenommen und entführt wurde er aber auf der Krim, wo er gegen die Annexion durch Russland protestierte. Es müsste deshalb auch streng genommen die von russischer Besatzung befreite Krim sein, auf die Senzow zurückkehren kann, damit sich sein Traum erfüllt.

Aber womöglich träumt Senzow nicht mehr von irgendetwas, weder von der Freiheit noch von einer Ukraine, deren Weg vom Euro-Maidan aus nicht in einen Krieg führte. Mitte Mai trat der 42-Jährige in Hungerstreik, um nicht nur auf sein Schicksal, sondern das aller politischen Gefangenen in Russland aufmerksam zu machen.

Schwere gesundheitliche Schäden

Senzow sei zur Stimme von rund 70 anderen Ukrainern geworden, die aus politischen Gründen und unter unmenschlichen Bedingungen in russischen Gefängnissen inhaftiert seien, sagte der CDU-Abgeordnete Michael Gahler, CDU-Abgeordneter im EU-Parlament, das Senzow nun den Sacharow-Preis für geistige Freiheit zugesprochen hat. Mit dem Preis sende das Europaparlament eine klare Botschaft an Moskau, sagte die SPD-Abgeordnete Petra Kammerevert: "Wir vergessen die Krim und die ukrainischen Bürger nicht."

Senzow hatte zu Beginn seines Hungerstreiks angekündigt, zur Not bis zu seinem Tode zu hungern. Als ihm nach bald vier Monaten die Zwangsernährung drohte, brach er Anfang Oktober den Streik ab. Seiner Familie zufolge hat seine Gesundheit erheblichen Schaden genommen. Fast alle inneren Organe seien beschädigt, darunter die Leber, das Herz und das Gehirn, berichtete Senzows Cousine Natalia Kaplan. "Niemand kann sagen, ob Oleh überleben wird", sagt sie.

Der Hungerstreik verschärfte noch einmal die internationalen Bemühungen um Senzow. Seit seiner Entführung, Inhaftierung und Verurteilung haben sich Filmverbände und Menschenrechtsorganisationen sowie EU, Europarat und die USA für die Freilassung des Ukrainers eingesetzt. Die Europäische Filmakademie hat einen Fonds aufgesetzt, um seine Anwaltskosten zu tragen sowie seine Familie samt seinen zwei kleinen Kindern zu unterstützen.

Welche Perspektiven nach dem Ende des Hungerstreiks, auf den Russland ebenso wenig reagiert hat wie auf alle anderen Bemühungen, Senzow zu befreien, noch bleiben, ist unklar. Dennoch könnte die Verleihung des Sacharow-Preises kaum zu einem besseren Zeitpunkt kommen: An diesem Donnerstag hat in Moskau die erste öffentliche Anhörung in einem weiteren Prozess gegen einen unliebsamen Regisseur stattgefunden - gegen Kirill Serebrennikow.

Ein Schauprozess droht

Dem Russen, der neben seiner internationalen Tätigkeit als Film- und Opernregisseur auch das Gogol-Theater in der russischen Hauptstadt leitet, wird die Veruntreuung staatlicher Fördergelder vorgeworfen. Er darf seit Sommer 2017 seine Moskauer Wohnung nicht verlassen, vor Kurzem wurde der Hausarrest bis zum 3. April 2019 verlängert.

Kirill Serebrennikow nach der Anhörung am Donnerstag in Moskau
SERGEI ILNITSKY/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Kirill Serebrennikow nach der Anhörung am Donnerstag in Moskau

Wie zuvor schon Senzow, dessen Hauptbelastungszeuge seine Aussage zurückzog, da sie unter Druck durch die Ermittler entstanden war, droht dem regierungskritischen Serebrennikow ein Schauprozess, an dessen Ende eine lange Haftstrafe stehen könnte. Serebrennikow wird vorgeworfen, Förderung für eine Produktion angenommen zu haben, die nie stattgefunden habe. Dabei gibt es neben zahlreichen Aussagen von Beteiligten und Zuschauern, dass die besagten Aufführungen stattgefunden haben, auch Zeitungskritiken, die über die Premieren berichtet haben.

Während Senzow seine Pläne für das nächste Filmprojekt aufschob, um sich bei den Maidan-Protesten 2014 zu engagieren, und sie dann durch seine Verhaftung ganz aufgeben musste, arbeitet Serebrennikow weiter. Seinen neuen Film "Leto" bearbeitete und schnitt er unter Hausarrest zu Ende. "Leto" (russisch für "Sommer") feierte im Mai seine umjubelte Weltpremiere in Cannes, am 8. November kommt er nun auch in Deutschland in die Kinos.

In dem Film zeichnet Serebrennikow den Aufstieg des russischen Rockstars Wiktor Zoi im letzten Jahrzehnt der Sowjetunion nach. Die bittersüße Pointe des Films: Das St. Petersburg der Achtzigerjahre erscheint bisweilen freier und kreativer als das Moskau der Gegenwart.

Welche Geschichten Oleh Senzow in seinen weiteren Filmen erzählen wollte, werden wir bis auf Weiteres nicht erfahren, wenn er die Haft nicht überlebt womöglich sogar nie. Sein politisches Erbe ist dagegen durch den Sacharow-Preis zumindest ein Stück weit gesichert.

mit Material von dpa

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.