Tragikomödie "Saint Amour" Anstoßen aufs Unglück

Hoch die Tassen mit Gérard Depardieu und Michel Houellebecq! Die französische Tragikomödie "Saint Amour" begleitet drei einsame Männer auf Sauftour durch Frankreichs schönste Weingegenden.

Concorde

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Das Drama des unansehnlichen, sexuell unterversorgten europäischen Mannes hat niemand in den vergangenen Jahren präziser und kunstvoller beschrieben als Michel Houellebecq. Insofern ist es absolut konsequent, dass eben dieser Houellebecq in einer kleinen Gastrolle mitspielen darf in "Saint Amour - Drei gute Jahrgänge".

Der Film der beiden Regisseure Benoît Delépine und Gustave Kervern erforscht mit einigermaßen schrulligem Humor die Frage, wie verheerend ein niedriger erotischer Marktwert sich aufs Lebensglück eines Durchschnittsmannes unserer Zeit auswirkt. Und er will wissen, inwiefern das verkorkste Verhältnis zwischen den Geschlechtern mit schuld ist am sexuellen Notstand des eher hässlichen Einzel-Machos.

Der nicht besonders hübsche Rinderzüchter Bruno (Benoît Poelvoorde, Gott aus "Das brandneue Testament") ist wie jedes Jahr mit seinem Vater Jean (Gérard Depardieu) aus der Provinz zur Landwirtschaftsmesse nach Paris gereist. Während der Altbauer am Messestand seinen stolzesten Bullen striegelt, besäuft sich sein Sohn an diversen Winzer-Büffets und macht sich vor einer jungen Frau zum Deppen. An der Schulter des Vaters bricht der offensichtlich völlig vereinsamte Bruno plötzlich in Tränen aus.

Reise durch ein Land des Schreckens

Um ihn zu trösten und auf andere Gedanken zu bringen, beschließt der seit dem Tod seiner Ehefrau gleichfalls von Einsamkeit geplagte Alte spontan, Bruno in ein Taxi zu setzen und mit ihm ein paar Tage lang durch die schönsten Weingegenden Frankreichs zu fahren. Das führt sie zu Houellebecq, der einen räudigen privaten Zimmervermieter spielt, bei dem sich die beiden Bauern und der sie herumchauffierende Taxifahrer (Vincent Lacoste) eines Abends einquartieren. Angesichts des Horrors, den sie in der Familiengarage des Vermieters entdecken, ergreifen die Gäste allerdings schnell wieder die Flucht.

Überhaupt ist die Weintour durch Frankreich, deren Grundidee zunächst an die vergnügliche Kalifornienexpedition des US-Indiefilms "Sideways" aus dem Jahr 2004 erinnert, eine Reise durch ein Land des Schreckens. Eine Urlaubswoche lang begegnen die drei Frankreichtouristen in einer kaum von Migranten bevölkerten Provinzidylle allerhand derangierten und mitunter ziemlich ordinären Menschen. Die einzig wirklich anrührende unter ihren Bekanntschaften ist eine angstbesessene junge Kellnerin (Solène Rigot), die dem dicken Großväterchen Jean ihr Herz ausschüttet.

Ansonsten zeigt der Film viele kühle, starke Frauen (darunter Chiara Mastroianni) und demonstriert eine erstaunliche Freude am Vulgären, weshalb die Helden selbst edle Rotweine gern aus Plastikbechern kippen. Die Tücken des Alkohols aber werden hier nicht verklärt, sondern in einer Comedy-Nummer über die "zehn Stufen der Trunkenheit" vorgeführt, in deren Verlauf der gute Bruno beim Onanieren vor dem TV-Gerät einschläft.

Bauer macht blau

Die Regisseure Delépine und Kervern haben zuvor schon in Filmen wie "Mammuth" (2011, gleichfalls mit Depardieu und Poelvoorde) drastisch und lustig verdreht das Elend verunglückter Männer beschworen. In "Saint Amour" lassen sie ihre Helden durch ein Land rumpeln, in dem Bauern zu einer abgeschriebenen Spezies gehört. Die ist derart trostlos, dass sie nicht mal mehr zu Fernseh-Witzformaten wie "Bauer sucht Frau" taugt.

Der rumpelige Charme dieses Roadmovies entsteht nicht aus den Gags, die manchmal so schlicht sind, als seien sie von Mario Barth ausgedacht, sondern aus dem ebenso freundlichen wie unerbittlichen Blick, den er auf die Zerrüttung seiner Helden wirft. Aus Michel Houellebecqs Diagnose, dass Europas Männer grauenhaft pathetisch seien und schrecklich banal, macht sich "Saint Amour" einen ziemlich verzweifelten Spaß.

Irgendwann erscheint den drei Helden eine rothaarige Glücksfee (Céline Sallette), die auf den Namen Venus hört, ein Öko-Wunderreich regiert und unbedingt schwanger werden möchte. Sie ist eine absurde Märchenfigur. Und besitzt derart unwirkliche Liebesmacht, als könnten nicht mal die Regisseure dieses Films ihre Männerphantasien noch ernstnehmen.

Im Video: Filmtrailer zu "Saint Amour - Drei gute Jahrgänge"

"St. Amour"

    Frankreich, Belgien 2016

    Drehbuch und Regie: Benoît Delépine, Gustave Kervern

    Darsteller: Gérard Depardieu, Benoît Poelvoorde, Vincent Lacoste, Gustave Kervern, Céline Sallette, Chiara Mastroianni, Solène Rigot, Ana Girardot

    Produktion: JPG Films

    Verleih: Concorde Filmverleih

    Länge: 102 Minuten

    FSK: frei ab 12 Jahren

    Start: 13. Oktober 2016



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