Saoirse Ronan über Maria Stuart "Sie wollte Spaß, Sex, Macht und Respekt"

Ihr Gespür für aufregende Rollen ist unschlagbar: Mit 24 Jahren war Saoirse Ronan bereits drei Mal für den Oscar nominiert. Die Irin über ihre feministische Version von Maria Stuart - und den ersten Karriereknick.

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Ein Interview von


Zur Person
    Saoirse Ronan, geboren 1994 zog im Alter von drei Jahren mit ihren irischen Eltern von New York City nach Dublin. Nach ersten TV-Rollen gelang ihr 2007 der Durchbruch mit "Abbitte", für den sie als beste Nebendarstellerin für den Oscar nominiert wurde. Für das Historiendrama "Brooklyn" war sie 2015 als beste Hauptdarstellerin für den Oscar nominiert. 2018 folgte die nächste Nominierung für die Komödie "Lady Bird". Mit Greta Gerwig hat sie gerade die Neuverfilmung von "Little Women" gedreht.

SPIEGEL ONLINE: Mrs. Ronan, Ihr neuester Film deutet den Kampf zwischen Mary Stuart und Elizabeth I feministisch um, außerdem zeigt er Homosexuelle und People of Colour am schottischen und englischen Hofe. Ist der Film woke?

Ronan: Bitte was?

SPIEGEL ONLINE: Woke, auf dem neuesten Stand, was politisch korrekte Ausdrücke und Darstellungsweisen angeht.

Ronan: Verstehe. Also, was die Darstellung von Homosexuellen betrifft: Da erfinden wir nichts dazu, die haben damals offen am Hofe gelebt. Besonders in Frankreich, wo Mary aufwuchs, waren die Menschen sexuell aufgeschlossen und wenig festgelegt. Mary hat das sehr unterstützt und auch am schottischen Hofe zu pflegen versucht. [Regisseurin] Josie Rourke ist ein sehr politischer Mensch, sie ist sich sehr des Effekts bewusst, den eine inklusive Darstellung haben kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist Ihnen das Politische an einem Filmstoff?

Ronan: Ich beschäftige mich zunehmend mit Politik, aber würde ich ein Projekt nur aus politischen Gründen wählen, wäre das die falsche Motivation für mich. Für mich muss es einen emotionalen Zugang geben, der Stoff muss mir sympathisch sein und mir nahegehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie porträtieren Maria Stuart als lebenshungrige junge Frau. War das Ihr persönlicher Zugang zu der Figur?

Ronan: Ja, aber die Lebenslust war auch wichtiger Teil der Geschichte. Wir wollten zeigen, dass Maria nur einen ganz kleinen Teil des Tages Königin war und den Rest ein Mädchen, das im Verlauf des Films zu einer jungen Frau heranwächst, eine Freundin, eine Liebhaberin, eine Rivalin, eine Mutter.

SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig zeigt der Film, dass es für Maria - und letztlich auch für Elizabeth - eigentlich unmöglich war, die verschiedenen Rollen zu verbinden, also sowohl erfolgreich zu regieren als auch ein erfülltes Privatleben zu haben.

Ronan: So war es eben auch für Frauen in dieser Zeit. Eigentlich hat sich daran bis heute wenig geändert. Wenn sie nicht von ihrem Arbeitgeber oder Partner unterstützt werden, haben leider immer noch viele Frauen das Gefühl, sie müssten sich entscheiden - entweder Kind oder Karriere oder erfülltes Privatleben. Maria und Elizabeth wurden damals letztlich nur als Vehikel gesehen, um männliche Erben zu produzieren. Ihre Macht war ihnen nur vorübergehend verliehen, es war klar, dass sie früher oder später auf jemand viel jüngeres - und männlicheres! - übertragen würde.

SPIEGEL ONLINE: Lag Maria also aus den besten Gründen total falsch, was ihre Erwartungen ans Leben anging?

Ronan: Sie hatte nicht immer die besten Gründe auf ihrer Seite, meines Erachtens war sie oft zu stur und hätte mehr Kompromisse suchen sollen. Aber ich mag, dass sie nicht perfekt war. Und letztlich ist es auch das Feministischste an ihr, sowohl in unserer Version als auch in der Geschichte: Sie erwartete, dass sie genauso behandelt würde wie ihre männlichen Pendants. Sie wollte auch Spaß, Sex, Ehe, Macht und Respekt. Nur verlor sie am Ende alles, weil sich die Männer gegen sie verschworen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben selber davon gesprochen, dass Sie schon mal eine Art Karriereknick erlebt haben: Als Sie 18 Jahre alt wurden, versiegten plötzlich die Angebote.

Ronan: Das war eine Phase, die, glaube ich, jede Schauspielerin durchläuft und vor der mich auch schon ältere Schauspielerinnen gewarnt hatten: Ich hatte in jungen Jahren so viel Glück, was meine Rollen betraf, aber mit 18 kam einfach nichts mehr, was annähernd so interessant war wie die Sachen, die ich von 10 bis 17 spielen konnte. Immer sollte ich nur die Schwester von X sein, oder die Freundin oder die Nachbarin.

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Saoirse Ronan: Eine für alles

SPIEGEL ONLINE: Von "Lady Bird" bis "Maria Stuart" scheinen sich die interessanten Hauptrollen für Sie jetzt zu häufen.

Ronan: Aber damals wurden einfach keine Filme mit älteren Teenagern oder Frauen, die auf die 20 zugehen, geschrieben. Wahrscheinlich fanden Studios und Produzenten das nicht interessant genug - du bist weder ein Kind noch eine Frau, also wissen sie nicht, was sie mit dir anfangen sollen. Bei Jungen scheinen sie dieses Problem nicht zu haben...

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich nach dem Durchhänger mit 18 geändert?

Ronan: Ich konnte erst in "Grand Budapest Hotel" mitspielen. Das war zwar nur eine kleine Rolle, aber hey, du kannst in einem Wes-Anderson-Film mitspielen und ein paar schräge Dinge tun! Danach kam "Brooklyn", da war ich dann schon 20 - und ab da lief es wieder.

SPIEGEL ONLINE: Ist es Zufall, dass es nun wieder interessantere Rollen für Sie gibt oder hat sich auch was strukturell verändert?

Ronan: Darüber habe ich erst kürzlich mit Greta [Gerwig, der Regisseurin von "Lady Bird"] gesprochen. Bei "Lady Bird" was es einfach großes Glück, dass der Produzent Greta genau den Film machen ließ, den sie machen wollte - und der dann großartig wurde! Dass der Film nun als Vorbild und Türöffner für andere Filme dient, liegt aber nur daran, dass er Geld eingebracht hat. Der war ein kommerzieller Erfolg, und darauf achten die Leute, die die großen Entscheidungen treffen, leider am meisten.

SPIEGEL ONLINE: Wie nachhaltig sind solche Entwicklungen?

Ronan: Da wir mittlerweile eine größere Diskussion darüber haben, wie Frauen und Minderheiten besser repräsentiert werden können, kann es zumindest kein Zurück mehr geben. Man muss nur an "Brautalarm" zurückdenken. Als der rauskam, haben alle festgestellt: Es ist genauso lustig, einer Runde Frauen zuzusehen wie einer Runde Männer. Warum sich also beschränken und nicht beides haben? Diese Art zu denken scheint mir mittlerweile Fuß gefasst zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Auswahl an Rollen für Sie wieder größer ist: Gibt es einen Grund, warum Sie vor allem in historischen Filmen mitspielen?

Ronan: Bei historischen Filmen ist die Chance groß, dass sie ein bedeutsames Ereignis zum Thema haben. Es gibt also von vornherein viel zu erzählen, und die Figuren erscheinen automatisch interessant, weil wir bereits so viel über ihre Zeit wissen. Aber eigentlich will ich das bald ändern und mehr in Filmen, die in der Gegenwart angesiedelt sind, spielen. Allein schon wegen der Dialoge!

SPIEGEL ONLINE: Warum wegen der Dialoge?

Ronan: Weil man sich bei gegenwärtigen Stoffen mehr entspannen kann, was die Wortwahl betrifft. Wir haben gerade "Little Women" [der neue Film von Greta Gerwig, der um 1860 spielt] abgedreht. Wie oft ich da "fuck" sagen wollte und es nicht durfte! Außerdem würde ich gern mal Jeans in einem Film tragen. Fluchen und Jeans tragen, das wäre mal was.



insgesamt 7 Beiträge
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affendaddy 19.01.2019
1. Eine andere Welt...
hätten wir wenn Maria Stewart in England an die Macht gekommen wäre. Man muss sich vorstellen, dass auf den Weltmeeren nur die Katholiken die Macht gehabt hätten, da jetzt die Schiffe von England, Spanien, Italien & Portugal die Jesus Botschaft in Gemeinschaft verbreitet hätte. Da hätten die Holländer als einzige Seemacht und Protestanten nichts mehr zu sagen gehabt. Wenn man sich die Geschichte von Südamerika anschaut, kann man sich leicht ausrechnen wie die katholische Übermacht sich dann in der Welt aufgeführt hätte. Der Papst wäre möglicherweise heute weltweit die höchste religiöse und gesetzgebende Instanz. Dann gute Nacht. Also, so leid es mir tut : Rübe ab Maria !
lpino 19.01.2019
2. Nett gemachter Film
Wer die historische Wahrheit sucht, wird sie aber nicht finden. Das hier ist Entertainment. Mary Stuart wird nachgesagt, dass sie nicht die Klügste gewesen sei. Beeindruckend anzusehen aber war sie, mit blassem Teint, rotblondem Haar und von hohem Wuchs. Bei 1,80 m Körpergröße überragte sie deutlich die meisten Menschen von damals. Ihre Mutter war die ehrgeizige und machtbewusste Marie de Guise. Mit 17 Jahren war Mary Königin von Frankreich und Königin von Schottland. Aus ihrer Sicht und der ihrer Berater war sie auch rechtmäßige Königin von England. Vermutlich war sie standesbewusst, hatte aber keine Ahnung, wie sie ihre Ansprüche durchsetzen hätte können. Darüber hinaus war sie krank. Sie litt an erblicher Porphyrie, die begleitet war wiederkehrenden heftigen Krämpfen, Dämmerzuständen und Nervenschäden, die sich zunehmend verschlimmerten. Gegen Ende ihrer Tage hatte sie eine schwere Gangstörung und vermutlich auch nicht mehr viel Freude am Dasein. Mancher mag sich leidenschaftliche Motive und planvolles Vorgehen in ihren Taten wünschen, wie es ihr immer angedichtet wurde. In der Tat aber war ihr Handeln bestimmt von Irrationalität und großen gesundheitlichen Beeinträchtigungen.
permissiveactionlink 19.01.2019
3. Nicht die Klügste !
Nachdem die Calvinisten sie aus Schottland verjagt hatten, fand sie Schutz in England bei ihrer Verwandten Elisabeth I, deren Vater Heinrich VIII sich bereits mit Rom überworfen und die Gründung der anglikanische Kirche als Konkurrenz befohlen hatte . 1586 war Maria Stuart schon seit 20 Jahren im englischen Exil. Elisabeth misstraute ihr, da sie dem Katholizismus in ihrer Heimat zu neuer Macht verhelfen wollte und die königliche Macht für sich selbst beanspruchte. Der im Geheimdienst der britischen Königin verantwortliche Sir Francis Walsingham schleuste den ehemaligen Sträfling Gilbert Gifford in die Dienste Maria Stuarts ein. Dadurch gelang es Walsingham, versteckte, verschlüsselte Botschaften Marias an die englischen Katholiken abzufangen, und diese von einem versierten Mathematiker (aus Oxford oder Cambridge) entschlüsseln zu lassen. Unlängst hatte eine arabischer Autor ein Verfahren vorgestellt (Häufigkeitsanalyse der Buchstaben in einer Sprache), mit dem diese Chiffren (monoalphabetische Substitution in Verbindung mit einem Code, beides zusammen nennt man "Nomenclator") verschlüsselt waren, zu knacken. In einer Nachricht wünschte Maria Stuart dem Urheber eines Mordkomplotts an Elisabeth I. viel Erfolg. Das war ihr Todesurteil, und deshalb verlor sie ihren Kopf. In Fällen, wo es darum geht, den Kopf auf dem Rumpf zu behalten, sollte man klug genug sein, eine starke Verschlüsselung zu bevorzugen, und weder die Existenz der verschlüsselten Briefe selbst, noch ihren Transportweg Unbefugten zur Kenntnis bringen !
Newspeak 19.01.2019
4. ....
"außerdem zeigt er Homosexuelle und People of Colour am schottischen und englischen Hofe." Für mich disqualifiziert sich der Film damit schon. Ein Film über Maria Stuart sollte die Geschichte wiedergeben und nicht die Ideologie von heute.
stevens. 19.01.2019
5. Ideologie von heute?
Lieber Newspeak Ich muss sie leider enttäuschen.... Dieser Satz das damals an den königlichen und fürstlichen Höfen sprich in der gesamten Aristokratie Homosexualität gab und sie teilweise offen gelebt wurde ist so. Mitnichten Ideologie von heute. Marie Stuarts Schwager der spätere Heinrich III von Frankreich lebte seine Männerliebe offen... Gab Bälle..... Einen sehr berühmten in einem Schloss an der Loire... Wo die Herren wie Damen gekleidet waren und die Damen wie Herren..... Er hatte sein Favoriten öffentlich.... Die sogenannten Mignons.... Nicht wirklich aus der Zeit aber mit der königlichen Familie der Valois verbunden..... In die Marie ein heiratete ist Leonardo da Vinci... Offen homosexuell lebend mit seinem Schüler Salai.... Der Großvater von Maries Schwager König Heinrich III.... Der berühmte Franz I ließ ihn sein Lebensabend bei Hofe verbringen und Leonardo starb in Frankreich... Anderes Beispiel der einzige Bruder König Louis XIV Philipp Herzog von Orleans war ca 100 später ebenso offen homosexuell lebend... Louis fand das nicht toll aber er ließ seinen Bruder gewähren aus brüderlicher Liebe zu ihm.... Philipp hatte seine Favoriten kleidete sich oft bei Bällen als Dame.... Seine große Liebe war der Chevalier de Lorainne.... Wenn sie nicht dieses glauben können.... Lesen sie bitte die Briefe von der deutschen Prinzessin Liselotte von der Pfalz der zweiten Ehefrau von Philipp und Schwägerin von Louis XIV... Ich will damit nicht sagen das Homosexualität damals ohne Strafe war und sie war natürlich von der Kirche verboten.... Aber vor dem 19 Jahrhundert und seinem bürgerlichen Denken war man sehr viel freier was Sexualität anbelangt... Und ja es gab zu allen Zeiten an den königlichen Höfen Homosexualität.... Ob in der Antike... Im Mittelalter.... König Heinrich II von England sei hier genannt... Als auch im 16 und 17 oder 18 Jahrhundert..... Nur weil sie damit ein Problem haben eventuell können sie die Geschichte oder diese geschichtlichen Tatsachen nicht ändern.... Nur weil sie ein Problem damit haben... Vielleicht erst informieren und dann schreiben.... Gruss
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