"Schatten der Wahrheit" Der ideale Flugzeugfilm

In Robert Zemeckis' Thriller "Schatten der Wahrheit" gruselt sich die blonde Michelle Pfeiffer - leider bleibt sie die Einzige.

Von Simone Mahrenholz


Michelle Pfeiffer: Tot in der Wanne und untot im Spiegel
Twentieth Century Fox

Michelle Pfeiffer: Tot in der Wanne und untot im Spiegel

Regisseur Robert Zemeckis ("Forrest Gump") hatte einen Traum. Nichts Geringeres als einen modernen Hitchcock-Thriller wollte er drehen. Ob das gut gehen konnte? Zumindest ist das Resultat ein handwerklich perfekt gemachter Film. Nur mit Hitchcock hat er leider nichts zu tun, sieht man von der lichtblonden Unschuld, gespielt von Michelle Pfeiffer, einmal ab - und dem Umstand, dass sie sich mit dem Zuschauer zusammen fürchten soll.

Man kennt das Gruselprinzip: Zunächst scheint alles idyllisch und stereotyp. So auch in "Schatten der Wahrheit": Die ehemalige Cellistin Claire Spencer (Pfeiffer) hat ihre Karriere für die Ehe mit dem Wissenschaftler Norman (Harrison Ford) und ihre Tochter geopfert. Als diese auszieht, gerät Claires Welt vorübergehend aus dem Gleichgewicht. Doch Claire fängt sich wieder dank des schönen großen Hauses in der herbstlichen Natur Vermonts und natürlich auch wegen ihrer liebevoll gebliebenen Ehe. Alles scheint ganz wundervoll - sieht man einmal von den seltsamen Geräuschen im Nebenhaus und Claires erschreckenden Visionen ab. Als sie ihrem Mann davon erzählt, ist für ihn die Sache klar: überspannte Nerven.

Auch ihr höflicher Psychiater ist kaum eine Hilfe. Und was weiß eigentlich die beste Freundin über Claires Leben? Rätsel über Rätsel... Dazu kommt dann noch Claires unbekannte und schrecklich mitteilsame und unbekannte Seite: So sieht sie sich selbst in der Badewanne als Leiche und im Spiegel als Untote. Schließlich versucht sie tapfer, Kontakt zu ihrem Unterbewusstsein aufzunehmen. Gleichzeitig wird sie das Gefühl nicht los, dass im Nachbarhaus ein Mord stattgefunden hat. Und der Zuschauer darf zweifeln: Befindet er sich im Labyrinth von Claires Seele? Wie viele Realitäten gibt es in dem äußerlich perfekten Leben der schönen Frau und ihrem erfolgreichen Gatten?

Ford und Pfeiffer: Wahrscheinlich nur die Nerven
AP

Ford und Pfeiffer: Wahrscheinlich nur die Nerven

Robert Zemeckis frönt dabei von Anfang an einem überspannten Hyper-Realismus. Der Ton ist überlaut, das Ambiente ist hochexpressiv. Was nicht zuletzt an den exzentrischen Kameraeinstellungen von "Forrest Gump"-Kameramann Don Burgess liegt. In jedem noch so kleinen Detail scheint ein geheimnisvoller Hinweis verborgen - die Gruselwinkwut macht noch nicht einmal vor der Kleidung der Hauptdarsteller halt.

Am Ende bricht im Haus der Horror aus. Mit Hilfe modernster Computertechnik und entfesselter Tonspuren wird die abgründige Realität als Alptraum für Claire inszeniert. Und der Zuschauer hat zu Recht vermutet: Die Quelle der Schrecken ist grundsätzlich näher, als man vermutet, und oft ist der schlimmste Verdacht nichts gegen die Wirklichkeit.

Gerade durch seinen enervierend-plakativen Stil ist Zemeckis von seinem Ziel, einen modernen Hitchcock-Film zu drehen, weit entfernt. Von hintergründiger Psychologie keine Spur - die Motive sämtlicher Beteiligten sind so standardisiert wie möglich. So machen Inhalt und Form das Werk letztlich zum idealen Flugzeugfilm: überdeutlich und schlicht genug, um vom Zuschauer auch dösend und in leicht alkoholisiertem Zustand goutiert zu werden.

"Schatten der Wahrheit" (What Lies Beneath). USA 2000. Regie: Robert Zemeckis; Buch: Sarah Kernochan, Clark Gregg; Darsteller: Michelle Pfeiffer, Harrison Ford. Verleih: Twentieth Century Fox; Länge: 130 Minuten.



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