Schauspielerin Sasha Grey "Porno ist Teil der Popkultur"

2. Teil: "Es geht da um Sex, nicht um Zärtlichkeit"


SPIEGEL ONLINE: Es heißt, Sie hätten als Teenager Ihre Vorliebe für harten Sex und Internet-Pornografie entdeckt und sich, kaum waren Sie 18, einen Agenten in der Pornobranche gesucht.

Grey: Ja. Das war eine sehr bewusste Entscheidung, ich habe vorher lange im Internet recherchiert und wusste genau, worauf ich mich einließ. Ich wollte meine eigenen sexuellen Grenzen in einer geschützten Umgebung austesten, meinen Exhibitionismus ausleben und die Grenzen des Mediums verschieben. Ich bin eine junge, selbstbewusste Frau und mag harten, dreckigen Sex; privat und vor der Kamera. Ich möchte anderen Frauen zeigen, dass es in Ordnung ist, ihre sexuellen Wünsche und Phantasien auszuleben, egal wie die aussehen.

SPIEGEL ONLINE: Porno gilt vielen, vor allem Feministinnen, als frauenverachtend. Sie werden in Ihren Filmen gewürgt, bespuckt, geohrfeigt und von einem halben Dutzend Männern penetriert. Aber Sie fühlen sich nicht erniedrigt?

Grey: Nein, ganz im Gegenteil - was die eine als erniedrigend empfindet, kann für die andere durchaus eine befreiende, lustvolle Erfahrung sein. Auch wenn es vielen schwerfällt, das zu akzeptieren. Ich habe die Kontrolle am Set, ich entscheide, was ich tue und wie weit ich gehe. Und es gibt immer ein Codewort, mit dem ich eine Szene sofort beenden kann.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gibt es immer wieder Menschen, vor allem Frauen, die in der Pornoindustrie unter die Räder kommen.

Grey: Stimmt. Die Pornoindustrie ist, wie alle anderen Bereiche der Entertainment-Industrie auch, in erster Linie ein Geschäft. Wer denkt, es ginge nur darum, Spaß zu haben und schnell berühmt zu werden, den kann die Branche zerstören. Wer die Kontrolle abgibt und sich benutzen lässt, macht etwas falsch. Es wird dich niemand mit Respekt behandeln, wenn du diesen Respekt nicht einforderst. Aber das gilt in der Musik- und Filmwelt wohl genauso.

SPIEGEL ONLINE: Ist es möglich, in der Pornoindustrie unverändert oder unbeschadet zu bleiben?

Grey: Ich denke, es ist grundsätzlich unmöglich, in der Entertainment-Industrie, ob Porno oder nicht, unverändert zu bleiben. Aber man kann dafür sorgen, keinen größeren Schaden zu nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat diese Arbeit Sie selbst verändert?

Grey: Ich musste ziemlich schnell erwachsen werden. Andere in meinem Alter feiern Partys, ich denke über meine nächsten Karriereschritte nach. Als junges Mädchen ist es enorm schwierig, sich Respekt zu verschaffen. Viele versuchen, dich in die Tasche zu stecken. Freizeit kenne ich seit Jahren kaum. Aber damit wüsste ich wahrscheinlich eh nichts anzufangen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind 21, Ihre Karriere läuft auf der Überholspur. Haben Sie keine Angst auszubrennen?

Grey: Ich versuche gerade, mich zu bremsen. Stimmt, ich habe eine Menge Projekte, aber solange ich die Arbeit daran genieße, ist alles in Ordnung. Außerdem schützt mich die Vielfalt meiner Projekte davor auszubrennen.

SPIEGEL ONLINE: Sie gehören zu der Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Ihr erster Kontakt mit Pornografie war im Internet, sie twittern, bloggen, unterhalten eine aufwendig gestaltete Web-Seite und sind auf MySpace und YouTube aktiv. Wie wichtig ist das Netz für Sie?

Grey: Sehr! Die ständige und gleichzeitige Verfügbarkeit von Musik, Filmen, Fernsehsendungen und Pornografie im Internet hat mich stark geprägt. Die Möglichkeit, selbst aktiv das Medium zu gestalten, die unglaubliche Geschwindigkeit, in der sich Dinge verändern. Das hat aber auch zur Folge, dass ich sehr ungeduldig bin und mich schnell langweile. Alles wird austauschbar, hat nur ein kurzes Haltbarkeitsdatum. Meine Generation gibt sich und den Dingen wenig Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Freund, ein Fotograf, arbeitet nicht in der Pornoindustrie. Schafft Ihre Arbeit Beziehungsprobleme?

Grey: In den ersten Monaten war es tatsächlich schwierig, wir mussten lernen, miteinander klarzukommen. Ich musste ihm meine Sicht auf meine Arbeit verständlich machen. Nachdem wir diese Hürde überwunden hatten, wurde es leichter. Meine Arbeit in der Pornobranche ist kein Problem zwischen uns, er akzeptiert, was ich tue. Natürlich ist es kein Spaziergang, aber welche Beziehung ist das schon?

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheidet sich für Sie Sex vor der Kamera und privat?

Grey: Zu Hause muss ich nicht über irgendwelche Posen nachdenken. Und ich halte nichts von Küssen am Set, da geht es um Sex, nicht um Zärtlichkeit. Das sind die Hauptunterschiede. Ansonsten gilt: Ich mache vor der Kamera nichts, das ich nicht auch mit meinem Freund tun würde. Alles andere wäre unfair.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Intimste, das man mit einem Menschen teilen kann?

Grey: Intensive, aufrichtige Gespräche über die eigenen Ängste, Hoffnungen und was uns sonst im Innersten beschäftigt.

SPIEGEL ONLINE: Stellen Sie sich vor, sie wären 60 Jahre alt und würden auf die jetzige Phase ihres Lebens zurückblicken. Was würden Sie denken?

Grey: Dass es eine aufregende Zeit war. Dass es mir gelungen ist, meine Jugend zu meinem Vorteil zu nutzen.

Das Interview führte Jörg Böckem


"9 to 5 Days in Porn", Regie: Jens Hoffmann, Filmstart 2. Juli



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