Schauspielerin Sasha Grey "Porno ist Teil der Popkultur"

Mit 18 beschloss Sasha Grey, Pornostar zu werden. Mit 21 ist sie es. Jetzt will die Amerikanerin die ganze Popwelt erobern. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht das Multi-Talent über seine Arbeit mit Autorenfilmer Steven Soderbergh, feministische Porno-Klischees - und seine Lust am Verbotenen.

SPIEGEL ONLINE: Miss Grey, Sie sind ein Star der amerikanischen Pornobranche, jetzt spielen Sie die Hauptrolle im neuen Steven-Soderbergh-Film "The Girlfriend Experience". Wie kam es dazu?

Grey: Ganz einfach - einer der Autoren des Films hat mich über meine MySpace-Seite kontaktiert. Zuerst hielt ich das für einen Scherz, kurze Zeit später war tatsächlich eine Nachricht von Steven Soderbergh auf meinen Anrufbeantworter. Danach haben wir uns zum Essen getroffen, und ich hatte die Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam er auf die Idee, gerade Sie zu verpflichten?

Grey: Er hatte einen Artikel über mich im "Los Angeles Magazine" gelesen und dachte wohl, da die Hauptfigur als Callgirl arbeitet, wäre meine Erfahrung in der Sexindustrie hilfreich.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß sind die Unterschiede zu einem Pornodreh?

Grey: Groß! Zum einen weiß in der Pornobranche kaum jemand, wie man Regie führt. Die meisten können gerade mal eine Kamera halten. Außerdem habe ich mich für die Rolle der Chelsea intensiv vorbereitet, mich mit Callgirls getroffen und so weiter. Für meine Pornofilme war das nie nötig. Und ich war unglaublich nervös! Auch wenn ich im Alter von 12 bis 18 Jahren Schauspielunterricht hatte.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie am Set behandelt worden?

Grey: Sehr freundlich und professionell. Meine Pornokarriere war für niemanden ein Problem, wenn Sie das meinen.

SPIEGEL ONLINE: In den letzten Jahren haben sie zudem für American Apparel gemodelt, ein Duett mit dem New Yorker Musiker und DJ Moby aufgenommen und eine Rolle in einem kanadischen Horrorfilm gespielt. Der Wechsel in andere Genres scheint ihnen leicht zu fallen.

Grey: Ja, warum auch nicht? Porno ist Teil der Popkultur. Im Pop ging es immer um Tabubruch und das Spiel mit dem Verbotenen, Verruchtem. Für mich gibt es da keine Grenze - ich arbeite gerade an einer Platte meiner Band ATelecine und schreibe an einem Buch über Sex und Philosophie. Außerdem habe ich meine eigene Pornofirma gegründet und den ersten Film "The Fuck Junkie" gedreht. Im August spiele ich eine Rolle in einem Independent-Film. Wo ist das Problem? Porno wird in Zukunft mehr und mehr als Bestandteil der Unterhaltungsindustrie akzeptiert werden. Und das ist gut so - je mehr wir Sex und Pornografie tabuisieren, je mehr Probleme haben wir in der Gesellschaft. Leider weiß die Öffentlichkeit nicht viel über die Industrie und die Menschen, die darin arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt sogar massive Vorbehalte gegen ihre Branche. Als sie in der "Tyra Banks Show" zu Gast waren, stellte die Moderatorin Sie als Opfer einer menschenfressenden Branche dar, als verwirrtes, gefühlskaltes, kleines Mädchen.

Grey: Stimmt. Die haben sich nicht dafür interessiert, was ich zu sagen hatte. Sie haben mich nur benutzt, um Quote zu machen. Aber ich habe sie auch benutzt, um meine Popularität zu steigern.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit den Vorurteilen gegen die Pornobranche um?

Grey: Ich möchte zeigen, dass wir nicht alle zugedrogte Missbrauchsopfer oder verlorene Seelen sind, die durch unglückliche Zufälle in der Branche gestrandet sind und zum Sex gezwungen werden. Es gibt Frauen wie mich, die den Job gerne und aus Überzeugung tun. Jemand wie der "Playboy"-Gründer Hugh Hefner, der Millionen damit verdient hat, Sex zu verkaufen, wird glorifiziert - weil er ein Mann ist. Wenn eine Frau ihre Sexualität offen auslebt oder gar Geld damit verdient, muss mit ihr irgendwas nicht in Ordnung sein. Das ist doch lächerlich!

SPIEGEL ONLINE: Diese Woche startet der Dokumentarfilm "9 to 5 Days in Porn" des deutschen Regisseurs Jens Hoffmann, in dem zehn Akteure der Branche, darunter Sie, eindrucksvoll porträtiert werden. An einer Stelle sagt die Porno-Veteranin Dr. Sharon Mitchell, die Industrie zöge vor allem Außenseiter an, die in anderen Bereichen der Gesellschaft keinen Platz fänden.

Grey: Ich schätze Sharon Mitchell, sie hat viel für das Gesundheitssystem in der Pornobranche getan. Aber ich sehe das anders. Sicher, auf einige trifft das zu. Aber, das zeigt auch der Film, eben nicht auf alle.

"Es geht da um Sex, nicht um Zärtlichkeit"

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, Sie hätten als Teenager Ihre Vorliebe für harten Sex und Internet-Pornografie entdeckt und sich, kaum waren Sie 18, einen Agenten in der Pornobranche gesucht.

Grey: Ja. Das war eine sehr bewusste Entscheidung, ich habe vorher lange im Internet recherchiert und wusste genau, worauf ich mich einließ. Ich wollte meine eigenen sexuellen Grenzen in einer geschützten Umgebung austesten, meinen Exhibitionismus ausleben und die Grenzen des Mediums verschieben. Ich bin eine junge, selbstbewusste Frau und mag harten, dreckigen Sex; privat und vor der Kamera. Ich möchte anderen Frauen zeigen, dass es in Ordnung ist, ihre sexuellen Wünsche und Phantasien auszuleben, egal wie die aussehen.

SPIEGEL ONLINE: Porno gilt vielen, vor allem Feministinnen, als frauenverachtend. Sie werden in Ihren Filmen gewürgt, bespuckt, geohrfeigt und von einem halben Dutzend Männern penetriert. Aber Sie fühlen sich nicht erniedrigt?

Grey: Nein, ganz im Gegenteil - was die eine als erniedrigend empfindet, kann für die andere durchaus eine befreiende, lustvolle Erfahrung sein. Auch wenn es vielen schwerfällt, das zu akzeptieren. Ich habe die Kontrolle am Set, ich entscheide, was ich tue und wie weit ich gehe. Und es gibt immer ein Codewort, mit dem ich eine Szene sofort beenden kann.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gibt es immer wieder Menschen, vor allem Frauen, die in der Pornoindustrie unter die Räder kommen.

Grey: Stimmt. Die Pornoindustrie ist, wie alle anderen Bereiche der Entertainment-Industrie auch, in erster Linie ein Geschäft. Wer denkt, es ginge nur darum, Spaß zu haben und schnell berühmt zu werden, den kann die Branche zerstören. Wer die Kontrolle abgibt und sich benutzen lässt, macht etwas falsch. Es wird dich niemand mit Respekt behandeln, wenn du diesen Respekt nicht einforderst. Aber das gilt in der Musik- und Filmwelt wohl genauso.

SPIEGEL ONLINE: Ist es möglich, in der Pornoindustrie unverändert oder unbeschadet zu bleiben?

Grey: Ich denke, es ist grundsätzlich unmöglich, in der Entertainment-Industrie, ob Porno oder nicht, unverändert zu bleiben. Aber man kann dafür sorgen, keinen größeren Schaden zu nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat diese Arbeit Sie selbst verändert?

Grey: Ich musste ziemlich schnell erwachsen werden. Andere in meinem Alter feiern Partys, ich denke über meine nächsten Karriereschritte nach. Als junges Mädchen ist es enorm schwierig, sich Respekt zu verschaffen. Viele versuchen, dich in die Tasche zu stecken. Freizeit kenne ich seit Jahren kaum. Aber damit wüsste ich wahrscheinlich eh nichts anzufangen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind 21, Ihre Karriere läuft auf der Überholspur. Haben Sie keine Angst auszubrennen?

Grey: Ich versuche gerade, mich zu bremsen. Stimmt, ich habe eine Menge Projekte, aber solange ich die Arbeit daran genieße, ist alles in Ordnung. Außerdem schützt mich die Vielfalt meiner Projekte davor auszubrennen.

SPIEGEL ONLINE: Sie gehören zu der Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Ihr erster Kontakt mit Pornografie war im Internet, sie twittern, bloggen, unterhalten eine aufwendig gestaltete Web-Seite und sind auf MySpace und YouTube aktiv. Wie wichtig ist das Netz für Sie?

Grey: Sehr! Die ständige und gleichzeitige Verfügbarkeit von Musik, Filmen, Fernsehsendungen und Pornografie im Internet hat mich stark geprägt. Die Möglichkeit, selbst aktiv das Medium zu gestalten, die unglaubliche Geschwindigkeit, in der sich Dinge verändern. Das hat aber auch zur Folge, dass ich sehr ungeduldig bin und mich schnell langweile. Alles wird austauschbar, hat nur ein kurzes Haltbarkeitsdatum. Meine Generation gibt sich und den Dingen wenig Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Freund, ein Fotograf, arbeitet nicht in der Pornoindustrie. Schafft Ihre Arbeit Beziehungsprobleme?

Grey: In den ersten Monaten war es tatsächlich schwierig, wir mussten lernen, miteinander klarzukommen. Ich musste ihm meine Sicht auf meine Arbeit verständlich machen. Nachdem wir diese Hürde überwunden hatten, wurde es leichter. Meine Arbeit in der Pornobranche ist kein Problem zwischen uns, er akzeptiert, was ich tue. Natürlich ist es kein Spaziergang, aber welche Beziehung ist das schon?

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheidet sich für Sie Sex vor der Kamera und privat?

Grey: Zu Hause muss ich nicht über irgendwelche Posen nachdenken. Und ich halte nichts von Küssen am Set, da geht es um Sex, nicht um Zärtlichkeit. Das sind die Hauptunterschiede. Ansonsten gilt: Ich mache vor der Kamera nichts, das ich nicht auch mit meinem Freund tun würde. Alles andere wäre unfair.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Intimste, das man mit einem Menschen teilen kann?

Grey: Intensive, aufrichtige Gespräche über die eigenen Ängste, Hoffnungen und was uns sonst im Innersten beschäftigt.

SPIEGEL ONLINE: Stellen Sie sich vor, sie wären 60 Jahre alt und würden auf die jetzige Phase ihres Lebens zurückblicken. Was würden Sie denken?

Grey: Dass es eine aufregende Zeit war. Dass es mir gelungen ist, meine Jugend zu meinem Vorteil zu nutzen.

Das Interview führte Jörg Böckem


"9 to 5 Days in Porn", Regie: Jens Hoffmann, Filmstart 2. Juli

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