Schauspielerin Sibel Kekilli "Die Toleranz habe ich von den Deutschen"

Im Ehrenmord-Drama "Die Fremde" spielt Sibel Kekilli ihre größte Rolle seit Fatih Akins "Gegen die Wand" - im Interview mit dem KulturSPIEGEL spricht die Deutschtürkin über das Islambild der Medien, Ignoranz im Umgang mit Migranten und die Werte, die sie in Deutschland vermittelt bekommen hat.

DPA

KulturSPIEGEL: Frau Kekilli, am 11. März startet "Die Fremde". Sie spielen darin eine Türkin, die ihren Mann in Istanbul verlässt und Zuflucht bei ihrer Familie in Berlin sucht. Doch sie wird verstoßen und muss bald um ihr Leben fürchten. Ist Ihnen das Thema Ehrenmord ein persönliches Anliegen?

Sibel Kekilli: Natürlich geht mir das Thema nahe, ich engagiere mich ja auch bei "Terre des Femmes" dagegen. Es gibt viel zu wenige Filme, die sich ernsthaft damit auseinandersetzen. "Die Fremde" beschönigt nichts, verurteilt aber auch nicht einfach die Familie. Für eine Schauspielerin ist so eine Rolle nichts anderes als ein Traum. Als junge Frau wird man ja gern mal als Kirsche auf dem Sahnehäubchen besetzt. Als ich "Gegen die Wand" gedreht habe, sagte mir meine Kollegin Catrin Striebeck, so eine Rolle komme für eine Frau in dieser Branche vielleicht alle zehn Jahre. Jetzt hat es eben sechs Jahre gedauert.

KulturSPIEGEL: Erleben Sie diesen Film selbst als Ihr Comeback?

Sibel Kekilli: Ich war doch nie weg. Ich will die Filme, die ich dazwischen gemacht habe, auf keinen Fall kleinmachen. Es waren eben nur kleinere Rollen - zumindest in denen, die in Deutschland rausgekommen sind. "Winterreise" mit Josef Bierbichler ist immer noch einer meiner Lieblingsfilme. Ich habe zum Beispiel auch in der Türkei einen Film gedreht, der hat so was wie den deutschen Filmpreis in der Türkei bekommen.

KulturSPIEGEL: Werden Sie in der Türkei als Star wahrgenommen?

Sibel Kekilli: Ich mag das Wort nicht, aber das ist schon so. Es gibt dort mehr Personenkult als hier, da wird man schon am Flughafen von Paparazzi abgefangen. Mir persönlich ist das zu viel, aber auf der anderen Seite finde ich es schön, dass sie sich für mich interessieren. Die finden es vielleicht auch toll, dass Türken in Deutschland arbeiten und Erfolg haben können.

KulturSPIEGEL: Nach "Gegen die Wand" hat die Presse Ihre Vergangenheit als Pornodarstellerin und den Bruch mit Ihrer Familie publik gemacht. Wie wurde in der Türkei damit umgegangen?

Sibel Kekilli: Über dieses Thema rede ich nicht. Vergangenheit ist Vergangenheit. Ich habe mich damals geäußert, aber jetzt ist es auch gut. Ich will mit meiner Arbeit im Vordergrund stehen. Ich komme mir manchmal vor wie eine kaputte Schallplatte.

KulturSPIEGEL: Und was Sie damals gesagt haben, gilt auch noch heute?

Sibel Kekilli: Auch das kommentiere ich nicht.

KulturSPIEGEL: Auffällig ist, dass Sie sich von der "Bild"-Zeitung wieder interviewen lassen, obwohl Sie der Zeitung bei der Bambi-Verleihung 2004 eine Hetzkampagne gegen Sie vorwarfen. Hat man sich bei Ihnen entschuldigt?

Sibel Kekilli: Nun, es hat Gespräche gegeben, und jetzt ist es okay. Wenn man mir die Hand reicht, dann nehme ich sie an. Ich kann verstehen, dass sich Leute für diese Geschichten interessieren, aber mich interessiert das alles nicht mehr. Ich finde meine Filme sind wichtiger als ich selbst.

KulturSPIEGEL: Ist "Die Fremde" ein Statement in der aktuellen Debatte um Frauen im Islam?

Sibel Kekilli: Natürlich will der Film sagen, dass wir nicht so schnell wegschauen sollen, dass man nicht alles tolerieren darf. Dass Gewalt verhindert werden muss. Aber es wird ja kein Schwarzweißbild entworfen mit dem lieben, unterdrückten Mädchen auf der einen Seite und der bösen Familie auf der anderen. Es gibt eine Szene, in der die Hauptfigur immer wieder die Hochzeit ihrer Schwester stört, weil ihr Sohn so gern dabei wäre. Da dachte ich auch: Du machst dich jetzt nicht gerade sympathisch! Ihre Eltern und Geschwister sind genauso verzweifelt wie sie, und sie fühlen sich natürlich auch in die Ecke gedrängt. Der Film verlangt dem Publikum für beide Seiten ein gewisses Verständnis ab.

KulturSPIEGEL: Viele halten den Islam für eine grundsätzlich gewaltbereite Religion, die Soziologin Necla Kelek hält ihn für nicht reformfähig. Wie sehen Sie das?

Sibel Kekilli: Ich habe mit jeder Form von organisierter Religion nichts zu tun, aber das finde ich zu hart. Die Christen haben ja auch keine rühmliche Vergangenheit und gelten heute als einigermaßen friedlich. Im Alten Testament stehen einige Dinge, die man ziemlich radikal interpretieren kann, wenn man denn möchte. So ist es mit dem Koran eben auch. Gehen Sie nach Istanbul und Sie finden Unmengen moderner, friedlicher Muslime. Das Islambild in den deutschen Medien wird aber überwiegend von den hier lebenden türkischen Gemeinden bestimmt, die sich nicht so schnell weiterentwickelt haben wie die Türken in der Türkei.

KulturSPIEGEL: Warum nicht?

Sibel Kekilli: Die waren und sind viel zu isoliert. Viele sind in den Siebzigern aus ihren Bergdörfern hier rübergekommen und waren erschrocken über das Leben hier. Sie hatten Heimweh und Angst und haben sich so nur noch mehr verschlossen. Sie haben ihre eigene Welt aufbauen können, unberührt von deutscher Kultur und Einflüssen der Moderne.

KulturSPIEGEL: Ändert sich das jemals?

Sibel Kekilli: Gute Frage. Ich habe eher das Gefühl, dass die Generation nach mir hier noch nationalistischer wird. Deren Eltern mussten sich kaum integrieren, aus der Türkei geholte Ehepartner mussten nicht mal einen Sprachkurs machen. Hier wurde ja immer nur weggeguckt und lächelnd toleriert, wenn ein Kind nicht zum Sportunterricht kommen durfte oder wenn ein Mädchen plötzlich nicht mehr zur Schule kam, weil sie verheiratet worden war. Gleichzeitig erleben die jungen Leute hier, dass sie immer noch nicht im Land akzeptiert werden. Als südländisch aussehender Junge kommt man hier in kaum einen Club rein, ein Mann mit türkischem Namen bekommt niemals die Wohnung, für die sich gleichzeitig ein Deutscher beworben hat. Klar, dass da viele immer frustrierter werden und sich weiter zurückziehen.

KulturSPIEGEL: Haben Sie Kontakt zu diesen verschlossenen türkischen Gemeinden in Deutschland?

Sibel Kekilli: Nein, meine Freunde sind alle offen und modern. Ich suche auch gar keinen Zugang, ich bin ja keine Migrationsbeauftragte. Aber ich leugne auch nicht meine türkische Herkunft. Die türkische Sprache ist sehr poetisch, die Musik unglaublich schön, und die Menschen sind sehr warmherzig. Das ist mir sehr wichtig, genau wie die Disziplin, das Freidenkende und die Toleranz - die Werte, die ich von den Deutschen habe.

KulturSPIEGEL: Haben Sie jemals Kopftuch getragen?

Sibel Kekilli: Nur in Filmen. Grundsätzlich habe ich kein Problem damit. Ich finde es völlig okay, wenn es jemand freiwillig trägt. Aber wenn ein siebenjähriges Mädchen eins trägt, kann mir niemand erzählen, dass sie es freiwillig tut. Trotzdem muss man nicht jede Frau mit Kopftuch für ein unterdrücktes Opfer halten.

KulturSPIEGEL: Könnten Sie sich ganz von diesem Gedanken freimachen, wenn Sie eine Frau in einer Burka auf der Straße sähen?

Sibel Kekilli: Wenn ich ehrlich bin: wahrscheinlich nicht. Ich habe auch meine Vorurteile. Leider.

Das Interview führte Daniel Sander



insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
VitusBlank 14.03.2010
1. ok, anders:
wenn eine in deutschland geborene, deutsche schauspielerin, die sich als voll tolerant und integriert und super-mainstream-oben-dabei gibt, schon von den deutschen und uns türken spricht, wundert mich der rassenhass der straftäter und atzen, die uns das leben schwer machen eigentlich nicht mehr.
alter_verwalter 14.03.2010
2. kann ich nur zustimmen, vitusblank
ich stimme zu, lieber vorredner, da fragt man sich tatsächlich, was bei uns schief läuft. mich macht das ein wenig traurig.
avollmer 14.03.2010
3. Nichts besonderes ...
Zitat von VitusBlankwenn eine in deutschland geborene, deutsche schauspielerin, die sich als voll tolerant und integriert und super-mainstream-oben-dabei gibt, schon von den deutschen und uns türken spricht, wundert mich der rassenhass der straftäter und atzen, die uns das leben schwer machen eigentlich nicht mehr.
Das hört sich auch nicht anders an wie der Südländer, der von "uns Bayern" und "den Deutschen" spricht. Und wenn ich mich an das Ende des vergangenen Jahrhunderts erinnere, da gab es sogar noch welche, die statt von "den Deutschen" von "den Saupreissen" sprachen. Von "nicht integriert" hat in diesen Fällen niemand geredet. Das Selbe ist aber auch mit "uns Friesen", "uns Hamburger", "uns Schwoba" und vielen anderen Ausprägungen zu erleben. Es gibt jetzt eben eine deutschtürkische Landsmannschaft, die sich als "uns Türken" sieht. Mit fehlender Integration hat das nichts zu tun.
Ursprung 14.03.2010
4. Total daneben
ZITATE wenn eine in deutschland geborene, deutsche schauspielerin, die sich als voll tolerant und integriert und super-mainstream-oben-dabei gibt, schon von den deutschen und uns türken spricht, wundert mich der rassenhass der straftäter und atzen, die uns das leben schwer machen eigentlich nicht mehr. ich stimme zu, lieber vorredner, da fragt man sich tatsächlich, was bei uns schief läuft. mich macht das ein wenig traurig. ZITATENENDE Wenn ein in Deutschland geborener Bayer "von uns Bayern" und "den Preissen" spricht: soll das auch "Rassenhass" sein, der uns das Leben schwer macht? Oder drei Schweizer, italienischer, franzoesicher, deutscher Zunge, zusammentreffen und ueber deren unteschiedliche Herkunft parlieren: laeuft dort auch etwas schief? Seien wir doch froh ueber jede Diversifikation, die offenbar trotz aller Vorbehaltsgefuhle bei Einzelnen in "unserer Wertegesellschaft" dennoch moeglich ist! Woher sonst noch soll anstatt Integrationsmuehen endlich mal Innovationskraft entstehen, wenn nicht daher? Aus gemeinsamen Hartz IV-Erlebnissen etwa?
Ursprung 14.03.2010
5. Das war schneller als ich und ist wahr!
Conforme total!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© KulturSPIEGEL 3/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.