Schlingensiefs "Freakstars 3000" Wir sind alle krank

Behinderte haben es besser: In seiner TV-Show "Freakstars 3000" entlarvt Theater-Provokateur Christoph Schlingensief die Absurditäten des Fernseh-Alltags. Der Film zur Serie startet am Donnerstag in ausgewählten Programmkinos.
Von Johanna Straub

"Ich finde es toll, dass du gesungen hast, obwohl du gesagt hast, du kannst es nicht", sagt Jurymitglied Christoph zu Kandidat Werner beim Casting für die Freakstar-Band "Mutter sucht Schrauben". Das Erstaunliche hierbei - Schlingensiefs Begeisterung ist echt.

Die sechsteilige Doku-Soap des notorischen Theater-Provokateurs, die letztes Jahr im Sommer auf Viva plus ausgestrahlt worden ist, kommt nach Voraufführungen bei den Hofer Filmfestspielen und an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in dieser Woche in die Kinos.

Wie auch bei der Vorlage, den "Popstar"-Shows auf RTL 2, wird die Entstehung einer Band vom ersten Casting bis hin zur Veröffentlichung des Debütalbums begleitet. Im Gegensatz zum Original greifen hier die Kandidaten, Bewohner eines Berliner Heims für geistig und körperlich Behinderte, aktiv und kreativ, lauthals und glücklich in den Prozess des Fernsehmachens ein. Die Casting-Show wird unterbrochen von Parodien auf andere Fernsehformate wie "Das Hitparade", "Presseclub", "Freakmann" oder Info-Spots über die fachgerechte Benutzung eines Badekrans.

Schlingensief macht seine Arbeit Spaß. Dass Werner gesungen hat, obwohl er angekündigt hatte zu versagen, findet Jurymitglied Christoph wirklich toll - oder er ist ein guter Schauspieler. Selbstvergessen und zufrieden wie ein Kind betrachtet er vom Jurytisch aus die Darbietungen der Kandidaten.

Er freut sich, wenn Eberhard rappt "Macht hoch die Tür macht Tor macht weit" oder leidenschaftlich Luftgitarre spielt. Anerkennend ruft er: "Achim geht rückwärts!" beim Freestyle-Tanzcoaching. "Respekt, Respekt, Respekt", schreit die fünfköpfige Jury (neben Christoph Schlingensief sind das die Schauspielerinnen Irm Herrmann, Ilse Garzaner, Thekla Heineke und Susanne Brederhöft) unisono und klopft dabei rhythmisch auf den Tisch.

Auch das ist echt, oder zumindest authentisch - ebenso sehr jedenfalls, wie die gemeinsame Musik und wie Sabrinas Freudentränen und die Beteuerungen der jeweils ausgeschiedenen Kandidaten, dass sie gar nicht traurig darüber sind. Auch den Kommentar: "Die Trauer übers Ausscheiden hält sich in Grenzen, da hatte die Jury mit mehr gerechnet" nimmt man sofort hin.

"Der Freak ist die Situation selbst, die uns zur Unterscheidung zwingt, was normal ist und was nicht" sagte Schlingensief unlängst in einem Interview mit der "taz". Es ist seine Spezialität, die Medien zu nutzen, um ein überspitztes Gegenmodell ("System II") herzustellen, und damit, weil es gar nicht so weit von der Ausgangssituation entfernt ist, auf die Absurdität der herrschenden Ordnung hinzuweisen. So war es beim Bad mit Arbeitslosen im Wolfgangssee, bei der Parteigründung und bei den Showvariationen von "Big Brother" mit Asylanten, so war es auch bei der Parodie von "Wer wird Millionär", in der Schlingensief mit Vorabend-inkompatiblen Fragen aufwartete.

Das Motto zu "Freakstars 3000" lautet "Wir sind gesund und ihr seid krank". Der Kinofilm zur Serie, der vom gewohnten Fernsehprogramm gar nicht so weit entfernt ist, wurde bei der Premiere an der Volksbühne, wo die Freakstars bereits live auftraten und wo momentan unter anderem Schlingensiefs avantgardistische Kunstterroraktion "Atta Atta" zu sehen ist, mit großem Jubel aufgenommen. Alle sind behindert, und sei es nur durch das brüllende Gelächter des Sitzreihen-Hintermanns.


Freakstars 3000


Deutschland 2003. Regie/Buch: Christoph Schlingensief, Achim von Paczensky. Darsteller: Helga Stöwhase, Kerstin Graßmann, Werner Brecht, Mario Garzaner. Verleih. Royal. Länge: 74 Minuten. Start: 20. November 2003 in ausgewählten Programmkinos

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