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Film über letzte DDR-Erwachsenengeneration Wo früher geträumt wurde, döst heute der Wohlstand vor sich hin

Eine Lebenshälfte Ostberliner Subkultur, die andere Hälfte Gesamtberliner Über-Wasser-Halten: Der Dokumentarfilm "Schönheit & Vergänglichkeit" zeichnet nach, was aus der letzten DDR-Erwachsenengeneration geworden ist.

Türsteher und Fotograf Sven Marquardt ist die attraktivste und zugleich uninteressanteste Figur in Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Schönheit & Vergänglichkeit". Für die Geschichte, die der Film erzählen will, sind die anderen zuständig: Fotografenkollege Robert Paris und die Kunsthandwerkerin Dominique Hollenstein, genannt Dome, die Marquardt bis heute Modell steht.

Alle drei verbindet die Sozialisation in einer weniger politisch, denn ästhetisch geprägten Subkultur im Ostberlin der Achtzigerjahre. Einer Zeit der Ruinen, die Freiräume waren für selbstgebastelte Modenschauen und Performances. Ein Ort für die Feste einer nicht industriell informierten Kreativität war das Stadtbad in der Oderberger Straße im Prenzlauer Berg. Und wenn der Film Robert Paris heute dort durch die helle, freundliche, sanierte Ruhe des Hotels schlappen lässt, das aus dem Bad geworden ist, dann soll das mehr als ein Schnittbild sein: Wo früher geträumt wurde, döst heute der Wohlstand vor sich hin.

Fotostrecke

"Schönheit & Vergänglichkeit": Globale Marke, lokale Dissidenz

Foto: itworks

In "Schönheit & Vergänglichkeit" geht es um ein Bild der letzten DDR-Erwachsenengeneration, zu der die Filmemacherin Hendel auch gehört - und darum, was aus ihr geworden ist in dem Leben nach dem Fall der Mauer, das mittlerweile länger dauert als das davor.

Marquardt, der als Türsteher des legendären Klubs Berghain zu einem Synonym für das Berliner Nachtleben der Nullerjahre wurde, fungiert wie ein Werbetrick. Er ist auf dem Plakat abgebildet, die Erzählung geht von ihm als prominentester der drei Hauptfiguren aus. Und wenn man ihn sieht, in der Galerie, bei Fotoshootings, vor dem Berghain (bei Tag) oder in der Ostkreuz-Fotoschule, versteht man sofort den Wunsch, sich ihm mit der Kamera nähern zu wollen.

Marquardt ist ein Objekt des Begehrens, nicht nur wegen der Tattoos, Piercings und Ringe, sondern auch wegen der grau melierten Haare, den geschmackvollen Brillen oder einer modischen Lässigkeit, deren Wirkung sich Marquardt völlig bewusst ist. Anders gesagt: Marquardt ist reine Oberfläche, er deckt die Titelhälfte "Schönheit" weit plausibler ab als sein alter Freund Robert Paris, der schon in der Wahl seiner Hemden und Pullover stärker den Normvorstellungen von Kleidung für einen Mann Ende 50 entspricht.

Aber Marquardt gibt über sich eben wenig preis. Wenn er von "Narben" spricht und "dem anderen Leben", dann verbleibt im Offenen, worum es sich dabei handelt. Und selbst wenn Hendel aufmerksam registriert, dass der Fotograf am Ende des Drehs die Haare nicht mehr offen nach hinten, sondern als Dutt trägt, will er nicht sagen, welche Veränderung dadurch angezeigt wird.


"Schönheit & Vergänglichkeit"
Deutschland 2019

Drehbuch und Regie: Annekatrin Hendel
Verleih: Real Fiction
Länge: 80 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Start: 5. Dezember 2019


Während Marquardt seine durchs Berghain-Türstehen aufgefrischte Trademark global kursieren lässt, verdient Dome ihr Geld auf Flohmärkten weiterhin mit selbst gemachten Modeaccessoires. Die fertigt sie in ihrer verwunschen ausgestalteten, durch das Grün vor dem Fenster paradiesisch wirkenden Wohnung. Diese Umstände gestatten ihr eine Dissidenz vom bürgerlichen Leben, die sie auch in langen Nachtfahrten lebt. Wenn sie dafür zu alt würde, so Dome, dann veranstalte sie Kinder-Workshops bei sich zu Hause und "Bastelnachmittage für Reiche, die sich langweilen". Aus solchen nüchternen Sätzen spricht der Geist von Subversion, der sich über die Jahre bewahrt hat.

Über Robert Paris hatte Helga Reidemeister mit "Lichter aus dem Hintergrund" bereits 1998 einen Dokumentarfilm gemacht, der weit weniger klar darin wirkte, wo das große Freiheitsgefühl der Achtzigerjahre im wiedervereinigten Deutschland seinen Platz finden kann. Paris ist ausgewichen, nach Indien, wo er Frau und Tochter und Häuser hat, und in den Islam.

In dieser Figur deuten sich die für eine dokumentarische Beobachtung interessantesten Brüche an. Dass "Schönheit & Vergänglichkeit" diese, gerade auch in der Fortschreibung von "Lichter aus dem Hintergrund" nicht auslotet, hat einerseits mit Erzählökonomie in Anbetracht von drei Protagonistinnen zu tun. Andererseits aber auch mit Hendels äußerst umtriebigen Projekt, einen anderen Blick auf die DDR, ihre Geschichte und vor allem ihr Personal, zu werfen.

Es geht, wie zuvor bei "Familie Brasch" oder "Fünf Sterne" - dem Portrait einer Subkultur-Freundin, die den Übergang in die neue Zeit weniger gut bewältigt hatte als Marquardt - gar nicht so sehr um konfliktreich-komplexe eigene Geschichten. Sondern um eine Art von Archiv, in dem zuerst das Material aufbewahrt wird aus einer anderen Zeit, damit sich später daran noch erinnert werden kann.

Im Video: Der Trailer zu "Schönheit & Vergänglichkeit"

RealFiction

In den Worten Domes, die beim Anschauen der Fotos von damals sagt: Sie denke heute, das sei, "als wenn ich Urlaub hatte in einer ganz anderen Zeit, einer ganz anderen Welt".