Schwarze Lebenswelten Diese Filmhighlights können Sie gratis gucken

Klassiker des Schwarzen Kinos sowie aktuelle Dokus über Colin Kaepernick und James Baldwin sind gerade umsonst verfügbar. Acht Filmtipps zum Streamen und Horizonterweitern.
Filmszene aus "Daughters of the Dust" von Julie Dash

Filmszene aus "Daughters of the Dust" von Julie Dash

Foto: Capital Pictures/ ddp images

"Daughters of the Dust", Julie Dash (1991)

Einer der beeindruckendsten Debütfilme überhaupt und zugleich der erste Film einer afroamerikanischen Regisseurin, der in den USA landesweit in die Kinos kam: Julie Dashs "Daughters of the Dust". Dank einer Aktion des US-Verleihs und Streaminganbieters Criterion ist der Film zurzeit weltweit umsonst zu sehen. Dash erzählt darin von den legendären Gullahs, einer afroamerikanischen Gemeinde, die an der südlichen Ostküste lebt und eine stark von Afrika beeinflusste Kultur samt eigener Sprache pflegt. Die märchenhaft-enthobene Ästhetik, mit der Dash die Gemeinde im Moment großen Umbruchs zeichnet, ist bis heute stilprägend: Beyoncés visuelles Album "Lemonade" trägt zum Beispiel ihr Erbe weiter. Außerdem stellt "Daughters of the Dust" eine einzigartige Bündelung schwarzer Talente dar: Für das Szenenbild war Kerry James Marshall, mittlerweile einer der bekanntesten Maler der Welt, verantwortlich. Die Kamera führte Arthur Jafa, der mit seiner rassismuskritischen Videokunst in jüngster Zeit ebenfalls zum Star aufgestiegen ist und 2019 mit dem Goldenen Löwen in Venedig geehrt wurde.
"Daughters of the Dust" (112 Minuten) bei Criterionchannel.com 

Colin Kaepernick bei einer Protestaktion auf dem Spielfeld

Colin Kaepernick bei einer Protestaktion auf dem Spielfeld

Foto: Broadview TV/ Arte

"Ein amerikanischer Held", Annebeth Jacobsen, Jobst Knigge (2019)

Gerade hat sich Roger Goodell, Chef der amerikanischen Footballliga NFL, mit den weltweiten Protesten der "Black Lives Matter"-Bewegung solidarisiert. Als sich Quarterback Colin Kaepernick 2016 zum ersten Mal aus Protest gegen rassistische Polizeigewalt hinkniete, sah das ganz anders aus. Kurze Zeit nach der Aktion wurde Kaepernick bei den San Francisco 49ers freigestellt, seitdem hat ihn kein Team der NFL mehr angeheuert. Wie es so weit kommen konnte und Kaepernick dennoch Menschen weit über die Sport-Community hinaus mit seinem Engagement inspirierte, zeichnet diese aktuelle Arte-Doku nach. Kaepernick erwähnte Goodell in seiner Entschuldigung an Spieler und Fans übrigens nicht.
"Ein amerikanischer Held" (52 Minuten) in der Arte-Mediathek 

Szenenbild aus "Black Panthers"

Szenenbild aus "Black Panthers"

Foto: Criterion

"Black Panthers", Agnès Varda (1968)

Ihre Spielfilme machten Agnès Varda zur berühmtesten Vertreterin der Nouvelle Vague, gleichzeitig arbeitete sie kontinuierlich an zeitkritischen Kurzdokumentationen, die weit weniger bekannt und noch viel schwieriger verfügbar sind. Bei Criterion.com ist nun ihr Film über die schwarze Widerstandsbewegung Black Panthers von 1968 zu sehen: eine Momentaufnahme von Protesten zur Freilassung des verhafteten Mitstreiters Huey P. Newton, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und trotzdem mit so maßgeblichen Stimmen der Bewegung wie Stokely Carmichael, Eldridge Cleaver und Kathleen Cleaver. Und wie für Varda typisch voller Leben und Empathie.
"Black Panthers" (31 Minuten) bei Criterionchannel.com 

Szenenbild aus "Concerning Violence"

Szenenbild aus "Concerning Violence"

Foto: Capital Pictures/ ddp images

"Concerning Violence", Göran Olsson (2014)

"Neun Szenen der anti-imperialistischen Selbstverteidigung" hat der schwedische Filmemacher Göran Olsson seinem Filmessay "Concerning Violence" als Untertitel mitgegeben. Wie schon in seinem viel beachteten "Black Power Mixtape" arbeitet Olsson ausschließlich mit Material aus schwedischen Film- und Fernseharchiven, diesmal mit Aufnahmen, die Dokumentaristen und Fernsehjournalisten zwischen 1966 und 1984 in Afrika gemacht haben. Bilder der Befreiungsbewegungen in Angola, Mosambik und Guinea-Bissau treffen dabei auf die Geschichte eines schwedischen Missionarspaares in Tansania, wechseln zwischen engagiertem Staunen und hilfloser Zeugenschaft. Was die Bilder an Ambivalenzen offenlassen, kontert Olsson mit Rezitationen aus Frantz Fanons antikolonialistischem Schlüsseltext "Die Verdammten dieser Erde" - im Original vorgetragen von Lauryn Hill.
"Concerning Violence" (90 Minuten) in der Mediathek der Bundeszentrale für Politische Bildung 

Cheryl Dunye (links) und Valerie Walker als Cheryl und Tamara in "Watermelon Woman"

Cheryl Dunye (links) und Valerie Walker als Cheryl und Tamara in "Watermelon Woman"

Foto: First Run Features/ Everett Collection/ imago images

"Watermelon Woman", Cheryl Dunye (1996)

Bei seiner Premiere auf der Berlinale gewann "Watermelon Woman" 1996 den Teddy als bester queerer Film des Festivals. Knapp 25 Jahre später hat Cheryl Dunyes Debütfilm nichts von seinem smarten Charme eingebüßt: "Watermelon Woman" ist teils Slacker-Komödie über zwei lesbische Freundinnen und deren Liebesnöte, teils Mockumentary über die Suche nach einer schwarzen Schauspielerin, die im rassistischen Kino der Dreißiger nur als "Watermelon Woman" geführt wurde. Mit sich selbst in der Hauptrolle fand Dunye zudem die perfekte Besetzung für eine Ikone des New Queer Cinema: Ihr Film-Alter-Ego Cheryl ist sexy, selbstironisch und sehr charismatisch.
"Watermelon Woman" (90 Minuten) bei Criterionchannel.com 

Szenenbild aus "Hale County, Tag für Tag"

Szenenbild aus "Hale County, Tag für Tag"

Foto: Alamy/ TCD/ mauritius images

"Hale County, Tag für Tag", RaMell Ross (2018)

Als RaMell Ross 2009 nach Hale County, Alabama, zog, hatte er nicht vor, einen Film zu drehen. Die Aufnahmen, die er vom Leben in der überwiegend schwarzen Stadt machte, waren zunächst Teil seiner Arbeit als Lehrer für Fotografie. Basketballtrainings, Kirmesabende, Eltern, die ihre Kleinkinder in den Schlaf wiegen: absolute Beiläufigkeit, ja Banalität prägte das Material, das Ross im Verlauf von fünf Jahren schuf. In der Montage zu einem Film steigert es sich jedoch zu etwas Magischem: Hale County beginnt, sowohl wie ein hyperrealistischer als auch ein komplett fantastischer Ort zu wirken. Ist hier für einen schwarzen Mann nun alles oder gar nichts möglich? Anhand seiner zwei Protagonisten Daniel und Quincy stößt Ross in das Chaos des Lebens vor.
"Hale County, Tag für Tag" (74 Minuten) in der Arte-Mediathek 

James Baldwin in "I Am Not Your Negro"

James Baldwin in "I Am Not Your Negro"

Foto: Magnolia Pictures/ Dan Budnik

"I Am Not Your Negro", Raoul Peck (2016)

Mit seinem oscarnominierten Porträt von Schriftsteller und Aktivist James Baldwin schob Raoul Peck 2016 eine größere Wiederentdeckung von Baldwins vielfältigem Werk an. Barry Jenkins brachte 2018 eine schwelgerisch-schöne Verfilmung von dessen Roman "If Beale Street Could Talk" in die Kinos, auf Deutsch erschienen in der Folge Neuübersetzungen von "Von dieser Welt" und jüngst "Giovannis Zimmer". In "I Am Not Your Negro" brennt sich Baldwin vor allem als einzigartiger Redner ins Gedächtnis ein: So unangestrengt eloquent und analytisch scharf wie Baldwin hat vor und nach ihm wahrscheinlich niemand über Rassismus gesprochen.
"I Am Not Your Negro" in der Arte-Mediathek  und bei der Bundeszentrale für Politische Bildung 

Everette Silas (links) und Gaye Shannon-Burnett in "My Brother's Wedding"

Everette Silas (links) und Gaye Shannon-Burnett in "My Brother's Wedding"

Foto: Criterion

"My Brother's Wedding"

Mit seinem Regiedebüt "Killer of Sheep" (deutscher Titel: "Schafe töten") schrieb Charles Burnett 1978 Geschichte: Italienischer Neorealismus traf auf afroamerikanisches Prekariat in Watts, Los Angeles. Raue Filmpoesie war das Ergebnis. 2018 wurde Burnett für sein Lebenswerk mit dem Ehrenoscar ausgezeichnet. Doch an den Ruhm von "Killer of Sheep" reichte kaum eines seiner Folgewerke heran. Dabei ist Burnetts Schaffen überaus divers: Als zweiten Film drehte er "My Brother's Wedding", eine sanft-melancholische Tragödie über zwei Brüder, von denen der eine gerade im sozialen Aufstieg begriffen ist, während der andere sich vor den großen Entscheidungen des Lebens drückt. 1983 wurden Filme wie dieser übrigens noch mit deutschen Fernsehgeldern mitfinanziert.
"My Brother's Wedding" (83 Minuten) auf Criterionchannel.com