Kinderarbeit-Film "Der Verdingbub" Der Berg droht

Schläge mit dem Gürtel, Schuften bis zum Umfallen: Der Schweizer Film "Der Verdingbub" erzählt vom Schicksal Tausender Kinder, die noch bis 1950 Zwangsarbeit in der Landwirtschaft leisten mussten und wie Sklaven gehalten wurden - wuchtiges und cleveres Heimatkino der anderen Art.
Kinderarbeit-Film "Der Verdingbub": Der Berg droht

Kinderarbeit-Film "Der Verdingbub": Der Berg droht

Foto: Ascot Elite

Klar, Argentinien: Da ziehen die Rinder fast so frei über die weite Pampa wie die Gauchos, die sie wieder einfangen sollen - und am Ende ihres glücklichen Lebens liefern sie ein saftiges Steak. Verständlich, dass Max (Max Hubacher) und Berteli (Lisa Brand) von diesem Land träumen, in dem man angeblich jeden Tag Fleisch isst. Denn auf dem Bösiger-Hof, auf den es die beiden verschlagen hat in der Schweiz des Jahres 1950, gibt es niemals Fleisch. Sondern höchstens dünne Suppe, harte Arbeit, Entbehrung und - wenn der Bösiger (Stefan Kurt) mal wieder einen über den Durst getrunken hat - Schläge mit dem Gürtel.

Zwischen 1800 und 1950 wurden alleine in der Schweiz mehr als 100.000 Kinder, zumeist Waisen, an Bauernfamilien verdingt - eine Praxis, die auch in Süddeutschland üblich war. Gegen Kost und Logis leisteten sie Zwangsarbeit und waren häufig Opfer von Gewalt und Missbrauch. Markus Imboden, der hierzulande eher als Fernsehregisseur bekannt ist ("Bella Block", "Mörder auf Amrum"), hat seine exemplarische Geschichte eines so ausgebeuteten Kindes in einer Zeit des Umbruchs angesiedelt. Mit der neuen Dorflehrerin (Miriam Stein) zieht ein Hauch von Emanzipation ein in diese archaische Welt, sie erkennt und ermutigt Maxens Talent am Akkordeon, ein Licht im Dunkeln für den geplagten Burschen.

Verstoßene unter sich

Doch die Moderne zeigt sich auch zerstörerisch: Die Landwirtschaft wirft kaum genug zum Überleben ab für die Bösigers, sie sehen sich nicht nur geographisch an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Sohn Jakob (Max Simonischek) hat gerade den Wehrdienst beendet. Vielleicht hätte er es weit bringen können in der Armee, doch 1950 sind die großen Kriege zunächst alle gekämpft.

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Kinodrama "Der Verdingbub": Unser kleiner Zwangsarbeiter

Foto: Ascot Elite

So nimmt Imbodens Inszenierung der Figur des Kriegsheimkehrers, die spätestens mit "Rambo" vor allem im Hollywood-Kino zu einer Ikone der Ortlosen, Verstoßenen geworden ist, all ihren Pathos und Stolz. Zusammen mit seiner Familie ist Jakob eingepfercht in der dunklen Stube, die Enge lastet den Bewohnern des Hofes schwer auf ihren Schultern. Zuflucht findet Max nur in der Natur des Emmentals, auf den Wiesen und Äckern um den Hof. Aber auch hier bietet Imboden keine simplen Gegensätze, er vermeidet den verkitscht-idyllischen Blick ins Tal und die Panoramen der erhabenen Stille und zeigt die Natur als steten Quell der Mühsal. Hänge verlaufen, so suggeriert es die Kamera, nur bergauf. Steil bergauf. Diese Umgebung schenkt den Menschen nichts, jeder Pflanzenstengel muss ihr abgetrotzt werden.

Jede Einstellung atmet Geschichte

Kein Wunder also, dass man hier von Argentinien träumt. Kein Wunder, dass der Bösiger Trost im Alkohol sucht und sich in Rausch und Gewalt verliert. Kein Wunder, dass Jakob auf der Suche nach einem Platz im Leben auf die hinab schlägt, die er noch tiefer vermutet auf der Leiter der Sympathie und Nützlichkeit. Und kein Wunder schließlich, dass die Bösigerin (Katja Riemann) in ihren verzweifelten Versuchen, all das um sie herum mühsam zusammenzuhalten, bisweilen zu extremen Maßnahmen greift. "Irgendwann nehmen die Dinge ihren unerbittlichen Lauf, wie bei einer griechischen Tragödie", sagt Imboden selbst.

Doch natürlich sind die Menschen bei ihm mehr als nur Grashalme, die umgeweht würden im Sturm der Zeitläufte. Die betont nüchterne, reduzierte Erzählweise verhindert, dass aus Gewalt Spektakel und aus Sehnsucht Sentimentalität wird. Umso schockierender ist jeder einzelne Schlag, umso gerechtfertigter sind die rohen, unbeholfenen Wutausbrüche, wenn es Max endgültig einmal zu viel wird mit der Ausbeuterei und den Lügen.

Imboden gelingt es, die brutale Macht der Natur, der Tradition und des Fortschritts an einem Einzelschicksal zu beschreiben. Er ist nicht so naiv zu glauben, Geschichte filmisch darstellen zu können, aber seinem Film ist Geschichte in jeder Szene, in jeder Einstellung eingeschrieben. Über 235.000 Zuschauer haben "Der Verdingbub" in seinem Ursprungsland gesehen - das ist für die Schweiz ein hervorragendes Ergebnis. Schließlich legt der Film den Finger ja auch in eine Wunde, die, wenn überhaupt, noch nicht allzu lange verheilt sein dürfte.

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