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24. August 2011, 12:21 Uhr

Sci-Fi-Western "Cowboys & Aliens"

Hier stirbt der Verstand im Wüstensand

Von Jörg Schöning

Ufos im Wilden Westen? Im Science-Fiction-Western "Cowboys & Aliens" bedienen Daniel Craig und Harrison Ford gleich zwei Generationen von Actionkino-Fans. Doch Besetzung und Effekte machen die Mängel nicht wett - im Kugelhagel des Genre-Mischmaschs geht der Sinn komplett unter.

Ein Schiff mitten in der Wüste? In seinem Bemühen, das Undenkbare vors Auge zu führen und noch das Entfernteste zusammenzuführen, scheut "Cowboys & Aliens" keine Mittel. In einem seiner spektakulärsten Momente zeigt der Film einen Mississippi-Dampfer, irgendwo in der Prärie, mit dem Kiel nach oben liegend. Alles auf den Kopf zu stellen, dazu ist dieser Film sichtlich entschlossen.

Am Anfang gelingt ihm das auch sehr gut. Da erwacht in den endlosen Weiten des Westens ein einsamer Cowboy mit brummendem Schädel (Daniel Craig), der sich an nichts erinnern kann, nicht einmal an seinen eigenen Namen. Ihn ausgerechnet von jenem Mann spielen zu lassen, der normalerweise seine Identität - " Mein Name ist Bond, James Bond" - bei jeder Gelegenheit ungefragt hinausposaunt, ist ein schöner Einfall. Zumal er an seinem Handgelenk eine Art monströse Armbanduhr trägt, die so aussieht, als hätte "Q" sie in seiner Geheimwaffenwerkstatt exklusiv für ihn zusammengebaut.

Aber schon im nächsten Wüstenkaff machen ihm der Sheriff und diverse Steckbriefe klar, dass sein Name Jake Lonergan ist - und er selbst ein gesuchter Bandit. Absolution heißt das Arizona-Städtchen, wohl weil hier jede Missetat und Gesetzlosigkeit rasch verziehen wird. Nicht jedoch, sich mit dem örtlichen Viehbaron Colonel Dolarhyde (Harrison Ford) und seinem missratenen Sohn anzulegen. Genau das aber tut Jake Lonergan in einer Aufwallung seines Rechtsgefühls: Als Percy Dolarhyde (Paul Dano, aus Paul Andersons Edelwestern " There Will Be Blood") den ortsansässigen Doc (Sam Rockwell) malträtiert, legt sich Lonergan mit dem halbstarken Rüpel an, wobei ihn die Bekanntschaft mit einer schönen Durchreisenden (Olivia Wilde) moralisch nur befeuert.

Film gewordenes Marketing

Der gemeine Westernfan, mit den Usancen in dieser westlichen Wertegemeinschaft bestens vertraut, freut sich daher schon sehr auf das nun anstehende Shootout, zumal der grimmige alte Colonel einen Haufen Reiter mobilisiert. Doch dann funken höhere Mächte dazwischen. Aus verhangenem Himmel tauchen Raumschiffe auf, sie eröffnen unversehens das Feuer und entführen ein Gutteil der Population, darunter Dolarhydes Jungen. Auch Lonergan mit seiner Armbanduhr kann das nicht verhindern. Aber weil sich das modernistische Ding bei dieser Gelegenheit tatsächlich als eine Art Flugabwehrkanone to go entpuppt, gelangt er an die Spitze des Trupps, der sich nun auf die Suche nach den Verschwundenen macht.

Der Erfindungsreichtum der sechs Drehbuchautoren hat sich mit dieser Exposition dann aber auch erschöpft. Mit dem Auftauchen der Weltraumflotte haben sie das Sagen sichtbar an die zahlenmäßige Übermacht der 15 Produzenten (inklusive Steven Spielberg) abgetreten. Bis dahin war "Cowboys & Aliens" ein sehr bewusstes Spiel mit Formeln und Zitaten, bei dem die Landschaftspanoramen des Kameramanns Matthew Libatique (" Black Swan") für authentisches Westernflair sorgten. Nun jedoch macht jedes Bild augenfällig, warum für die Regie des Films der Sci-Fi-Routinier Jon Favreau ("Iron Man" und " Iron Man 2") verpflichtet wurde. Fortan geht es ausschließlich darum, die eingebrachten "production values" irgendwie zu sortieren.

"Cowboys & Aliens" ist eben doch nur filmgewordenes Marketing. Von der Graphic Novel, die dem ganzen Unternehmen vorausging, ist kaum das Schnittmuster übriggeblieben. Während im Comic die Begegnung ausgewanderter Siedler mit Aliens noch eine sinnvolle Metapher war, die die Landnahme Amerikas drastisch-plastisch illustrierte, ist das Motiv im Film zur bloßen Schlachtordnung zwischen Guten und Bösen herabgesunken, die mit viel Budenzauber und Kirmesfeuerwerk inszeniert wird.

Unter dem Bemühen, immer mehr in die Auslage zu packen, bricht die Erzählung schließlich komplett zusammen, bis sie sich - mit der Transformation der weiblichen Heldin in eine überweltliche Intelligenz - ins Esoterische verflüchtigt. Immer neue Protagonisten müssen her - Lonergans alte Räuberbande, ein Indianerstamm und ein außerirdisches Völkchen, für das Lonergans Leading Lady sich opfern will -, um den roten Faden irgendwie fortzuspinnen. Auf der langen Odyssee, die die Verfilmungsrechte des Stoffs seit 1997 hinter sich haben, bleibt so von der ursprünglichen Idee nur noch die Headline.

Das Kaufmanns-Und im Filmtitel signalisiert, dass diese Hybride aus Western und Science-Fiction zwei Marktsegmente miteinander verschmelzen will. Dem dient nicht zuletzt das Casting, das mit dem "Indiana Jones"-Darsteller Harrison Ford und dem Bond-Darsteller Craig die Prototypen des traditionellen und des modernisierten Draufgängerkinos als Herolde vor seine Postkutsche spannt. Drauf gehen in "Cowboys & Aliens" aber bloß Sinn und Verstand.

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