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"The Wolf of Wall Street" von Martin Scorsese Der Ballermann-Börsianer

Er schnupft Kokainberge weg, stapelt Dollarhaufen, und dazu marschiert gerne mal eine nackte Gespielin durchs Bild - in der Finanzsatire "The Wolf of Wall Street" feiert Leonardo DiCaprio als amoralischer Broker ein rauschendes Fest. Nur eines fehlt: Kritik am System.

Die Drogen wirken doch, nur diesmal nicht so wie erhofft. Als hätte ihn eine unsichtbare Axt gefällt, kippt Jordan Belfort (Leonardo DiCaprio) während eines Telefonats unvermittelt um. Schaum vorm Mund, unfähig zu sprechen, unfähig zu gehen, robbt sich der millionenschwere Aktienhändler durch das Foyer eines Country Clubs in Richtung Ausgang. Draußen angekommen, kugelt er die Treppe hinab zu seinem Ferrari, hievt sich hinters Steuer und lenkt das Fahrzeug irgendwie nach Hause.

Diesen Moment hilfloser, kafkaesker Verwandlung, in dem sein Körper ganz tragisches Monster, ein Samsa-Insekt ohne motorische Kontrolle ist, kommentiert DiCaprios Erzählstimme aus dem Off mit mokanter Unbekümmertheit. Der absurde Trip steigert sich noch; als Belfort in sein Luxusheim kriecht, erwartet ihn sein ebenfalls berauschter Geschäftspartner Donnie Azoff (Jonah Hill). Das Aufeinanderprallen der Männer gipfelt in einer bizarren Reanimationsmaßnahme, vielleicht die denkwürdigste fiktive Wiederbelebung seit der Adrenalinspritze für Uma Thurman in "Pulp Fiction".

Als perfekte Synthese aus bösem Slapstick und entgrenztem Darstellereinsatz ragt diese Sequenz aus Martin Scorseses "The Wolf of Wall Street" heraus und illustriert doch alles, was an der Verfilmung von Jordan Belforts gleichnamigem Buch erst fasziniert, alsbald irritiert und dann zunehmend nervt. Denn die Lebensbeichte des verurteilten Spekulanten Belfort, der bis zu seiner Festnahme mit Ramschpapieren und Kursmanipulationen ein Vermögen machte und verprasste, dient Scorsese als dünne Erzählgrundlage.

Dem Film fehlt es an Substanz

Über drei Stunden hinweg zelebriert sein Film die Perversion der männlichen Antihelden, ihre vulgäre Rhetorik, Kopulationsathletik und Bezwingung von Kokainbergen. In Scorseses Manege darf der hedonistische Raubtierkapitalismus der späten Achtziger ungebändigt wüten, was seinen Schauspielern dankbare Szenen beschert. Und es sorgt verlässlich für Lacher im Publikum, wenn jede neue Ausschweifung die vorherige übertrifft.

Für die Bebilderung des Dauerrauschs kann sich Scorsese erneut auf Leonardo DiCaprio verlassen, der sich an der Spitze des prominenten Ensembles exaltiert wie nie zeigt. Eine furiose Leistung, die zu Recht mit einem Golden Globe honoriert wurde. Aber sie kaschiert den grundlegenden Mangel des Films nicht: Ganz gleich, wie viele Drogen auch zu sehen sind, es fehlt "The Wolf of Wall Street" an Substanz.

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Wall-Street-Gatsbys: Im Rausch der Milliarden

Foto: Universal

Vergeblich wartet man auf Zwischentöne im Gebrüll der Ballermann-Börsianer. Es gibt zwar Allgemeinplätze über Skrupellosigkeit und Willkür am Aktienmarkt, aber die Geschichte zeigt wenig Interesse für die Mechanismen, die den Aufstieg des charismatischen Belfort überhaupt ermöglichten.

Dessen gerade begonnene Karriere als junger, gutgläubiger Broker scheint mit dem Börsencrash am Schwarzen Montag 1987 beendet, doch dann entdeckt Belfort die Parallelwelt der "Boiler Rooms", in denen Telefonverkäufer wertlose Anteilspapiere mit fiktiven Gewinnprognosen an ihre ahnungslose Kundschaft bringen. Schnell erweist sich Belfort als Meister dieser Praxis und baut zusammen mit Azoff die Maklerfirma Stratton Oakmont auf. Ihr rasant wachsendes Personal ist ein Kabinett amoralischer Abenteurer, verbunden allein durch Gier.

Frauen treten meist entblößt auf

Die Party sprengen soll der FBI-Agent Patrick Denham (Kyle Chandler), der gegen Stratton Oakmont ermittelt. Als Antagonist bleibt er aber Beiwerk, ein Schicksal, das er mit den weiblichen Figuren teilt. Immerhin darf Denham seinen schlechtsitzenden Anzug anbehalten, während die Frauen sich zumeist entblößen. (Lesen Sie hier die Geschichte über das wahre Duell zwischen Belfort und dem FBI-Fahnder Gregory Coleman im aktuellen SPIEGEL).

Als übersteuerte Satire über sittenlose Finanzjongleure fällt es dem Film leicht, sich gegen den Vorwurf des Sexismus zu immunisieren, indem er die degradierenden Posen und eindimensionalen Frauenbilder einfach der verzerrten Sicht seiner Protagonisten zuweist. Dennoch hinterlassen die expliziten Tableaus einen Nachgeschmack; nur Margot Robbie, die Belforts zweite Ehefrau Naomi spielt, darf neben ihrem Körper auch so etwas wie eine eigene Stimme einbringen.

Was wenig nützt, denn das Drama ihrer Ehe rückt ebenso wie der Kriminalplot in den Hintergrund - die Bühne gehört ganz dem manischen Partyfeuerwerk von Belfort und Azoff. Sie sind das eigentliche romantische Paar in "The Wolf of Wall Street". DiCaprio und Hill geben der Beziehung ihrer Figuren jene dramatische Fallhöhe, die hier sonst fehlt. Sie stecken in Scorseses Versuch einer rabiat-komischen Kapitalismuskritik fest, die leider schmaler ausfällt als der Klappentext zu einem Roman von Bret Easton Ellis.

Scorseses Film ist keine Anklage aktueller Verhältnisse. Er vollführt die sentimentale Flucht in eine Ära, deren Verdorbenheit personalisiert und damit vergleichsweise menschlich und eher amüsant erscheint. Es ist die Sehnsucht nach Schafen im Wolfspelz, die laut heulen, aber nicht wehtun. Die finden sich heute wohl nur noch im Kino.

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