Sean Connery Der alte Mann und das Märchen

"Finding Forrester" ist die äußerst ungereimte Schnulze über eine Freundschaft zwischen Alt und Jung. Egal, Hauptsache, Sean Connery war da...

Von Nataly Bleuel


Es war einmal ein schwarzer Junge aus der Bronx, der liebte den Basketball und war ganz schön intelligent. Eigentlich hätte er locker Klassenbester sein können, doch seine Liebe zu Denkern und Dichtern (Kierkegard, Shaw, Twain), die hielt er geheim und schrieb Literatur nur in seine Notizbüchlein hinein. Denn er wollte kein weißes Schaf in der Bronx sein.

Sean Connery in "Finding Forrester": "einfach nichts Sensationelles"
Internationale Filmfestspiele Berlin

Sean Connery in "Finding Forrester": "einfach nichts Sensationelles"

Dann war da auch noch ein alter Mann mit schlohweißem Haar, der versteckte sich 50 Jahre lang hinter den Fenstern seiner Altbauwohnung, obwohl er doch den Roman des Jahrhunderts geschrieben hatte. Der Alte hatte eine Stimme wie William S. Bourroughs und das Gesicht von Sean Connery. Und wie das Schicksal so spielt, wurden der Junge Jamal und der Mann Forrester ganz dicke Freunde und der Meister brachte den Schüler groß raus.

Obwohl der doch ein schwarzer Junge aus der Bronx war und es auf der neuen Privatschule ganz schön schwer hatte, weil der böse Literatur-Lehrer ihn lieber als Sportler als als Schriftsteller gesehen hätte: Weil der doch, noch mal, ein schwarzer Junge aus der Bronx war, der gar nicht vom klugen Geist beflügelt sein konnte, wo doch der weiße Geist in ölgeschinkten Bildern von Shaw, Twain, Forrester an der Wand des hochherrschaftlichen Klassenzimmers hing.

Tja, und wenn die Geschichte vom schwarzen Jungen aus der Bronx, der weder rappt noch zeitgenössische Literatur liest (welch wunderliche Worte er schreibt, erfahren wir leider nie), - wenn das Gebälk der Geschichte also nicht so knarzen würde, dann würde sie glatt und voller Klischees bis zum Ende durchschmalzen.

Auch wenn sich der Mann mit dem schlohweißen Haar und der gewitzte Froschprinz gar nicht von der Bildfläche verabschieden ließen, weil der Regisseur Gus van Sant nach jedem Ende immer noch eine erklärende Überraschungs-Schachtel aufmachen musste. Damit ihr, liebe Kinder, auch alle versteht, dass die Welt ungerecht aber traurig und voller Güte, Freundschaft und Hoffnung sein kann.

Es war einmal... "the sexiest man alive"

Es war einmal ein großer Star, der heißt Sean Connery, der ewige Bond oder auch "the sexiest man alive". Der große Star ließ sich auf Berlin herab. Mitten hinein in die Pressekonferenz der Berlinale, die momentan pappmaschiert ist wie eine alte Ritterburg, mit Putten am Aquarell-Himmel. "Ahhs" und "Ohhs" und Jubilée wogte durch die Masse und die Kameras schwangen mit im Takt wie "La Ola" im Baseballstadion.

Connery mit Hauptdarsteller Rob Brown auf der Berlinale: "hoffähiger Musterschüler"
AP

Connery mit Hauptdarsteller Rob Brown auf der Berlinale: "hoffähiger Musterschüler"

Doch so schnell rauschte der Star wieder zurück in seinen Himmel, dass nur die drängendsten Fragen beantwortet werden konnten: Wie wird man der sexieste Mann der Welt und welchen Rat kann man da seinen Geschlechtsgenossen geben? "Ich fürchte, ich muss das Geheimnis mit ins Grab nehmen." Wie reagieren die Zuschauer: shaken or stirred? - "Ha ha, shaken or stirred, lustige Frage." Haben Sie (als Produzent und Schauspieler) den Film gesehen? "In Hollywood kommt es häufig vor, dass der Produzent den Film nie sieht. Ich schon." Nächste Frage. Warum ist das Ende der Geschichte so traurig? "Well, jeder muss irgendwann mal sterben." So berauscht scheinen die Anwesenden von der Aura des Ruhms, dass sie vor dem Podium mit Sean Connery, vor dem Königsthron, lauter mentale Verbeugungen machen.

Und schließlich steht doch einer auf und stellt ein paar der interessanten Fragen an den Film, die da wären: Wer hat dem Jungen aus der Bronx Kierkegard, Shaw und Twain in die Wiege gelegt? Was ist im Film mit der Literatur des 20. Jahrhunderts geschehen? Dichtet ein Junge aus der Bronx zum Gefallen eines verstaubten Lehrerkollegiums, das ihn dann in seinen Kanon (Shaw, Twain, Poe) aufnehmen würde? Oder fällt einem jungen Menschen im Jahre 2001 doch eine andere Sprache zu? Warum also geht es in einem Film, der Literatur thematisiert, nur um Akt und Erfolg des Schreibens und nicht um seine Motivation, seinen Inhalt, seinen Ton? Lapidare Antwort: "Wir hatten einfach nichts absolut Sensationelles", raunzt Connery. Vorhang fällt, Fragen offen, Applaus.

Schwarzer Junge, guter Junge...

Dabei könnte man noch insistieren: Welche Worte hätte der Rapper Busta Rhymes, der den Bruder des schwarzen Jungen aus der Bronx spielt, heutzutage, in so einer Geschichte und auf dem Podiumsthron wohl gereimt? Und: Wird Gus van Sant nach "Good Will Hunting" und "Finding Forrester" auch weiterhin das Genre der Meister-Schüler-Schmonzette bedienen? So dass man auf der Berlinale nach Matt Damon und Sean Connery vielleicht auch - sagen wir mal - Sitting Bull bejubeln können? Denn auch wenn sie schon gestorben sind, dann leben sie weiter bis an ihr Ende. Im Himmel von Hollywood. Und die Moral von der Geschicht: Schwarzer Junge, guter Junge - so lange er den weißen Literaturkanon aufsagen kann. Brav gemacht, hoffähiger Musterschüler.



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