Zum Tode Sean Connerys Der Mann der Männer

Sean Connery war einer der besten Filmschauspieler der Geschichte – und auf jeden Fall der lässigste. Nun ist er mit 90 Jahren auf den Bahamas gestorben.
Ein Nachruf von Lars-Olav Beier
Sean Connery als James Bond

Sean Connery als James Bond

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Bettmann Archive / getty Images

Das Tollste an Sean Connery war, dass er sich bis in seine letzten Rollen sein jungenhaftes, oft spitzbübisches, selbstironisches Lächeln bewahrte. Es schien zu wissen um die Dinge des Lebens und die Gewissheit des Todes. Er spielte Männer, die Schlachten schlugen und Kriege führten, die mit allen Waffen töteten, die von Menschen je erfunden worden waren, mit Pistolen, Schwertern, Messern, ja sogar mit Autos. Und doch besaß er immer noch einen jungenhaften Charme, der ihn nun überdauern und weiterhin auf Leinwänden und Bildschirmen strahlen wird.

Heute wurde vermeldet, dass Connery auf den Bahamas – seit vielen Jahren seine Wahlheimat – verstorben ist, rund zwei Monate nach seinem 90. Geburtstag. Der Mann, der 007 vor rund sechzig Jahren auf der Leinwand zum Leben erweckte, der am Anfang des Bond-Films "Man lebt nur zweimal" (1967) scheinbar auf See bestattet wird, um dann wenige Minuten später wieder aufzuerstehen, der im Fantasyfilm "Highlander" (1986) einen unsterblichen Adeligen spielte, soll tot sein? Eine absurde Vorstellung.

DER SPIEGEL

Schon vor fast 20 Jahren zog sich Connery aus dem Filmgeschäft zurück. Er hatte offenbar das Gefühl, genug gespielt zu haben. Genug Rollen jedenfalls. Denn vom Golfspielen bekam er offenbar nie genug. Er tat dies allerdings lieber in wärmeren Gefilden als in seiner schottischen Heimat.

Dass einem dort Wind und Wetter böse in die Knochen fahren können, wusste er, seit er in seiner Geburtsstadt Edinburgh als Milchjunge unterwegs gewesen war. Er verbrachte mehr Zeit in Südspanien oder auf den Bahamas. Ab und zu kehrte er nach Edinburgh zurück, um sich feiern zu lassen. 

Zum Beispiel im August 2008, als er auf dem dortigen Literaturfestival seine Autobiografie vorstellte. Sie konnte nur einen Titel tragen: "Being a Scot". Der überzeugte Schotte, der damals schon auf den Bahamas lebte, weil dort auch die Steuern niedriger waren als in seiner Heimat, der für japanischen Whiskey Werbung gemacht hatte, weil die Gage stimmte, kehrte zurück, um die Errungenschaften seines Landes zu feiern.

Weil Connery aus 007 einen lässigen Hedonisten machte, weit entfernt vom Snobismus des Helden in Flemings Romanen, konnte er zu einer Identifikationsfigur für Millionen Menschen werden.

Ich flog für den SPIEGEL dorthin, um ihn, seit meiner Jugend eines meiner Idole, zu treffen. Vor Ort musste ich leider erfahren, dass Connery nur mit Schotten sprechen wollte. Am Ende kam ich ihm nicht näher als sechs Meter. Er schritt durch die begeisterte Menge und grüßte huldvoll nach rechts und links. 

Als 007 verkörperte er eine Entschlossenheit, Kraft und eine Kälte, die seltsam attraktiv wirkte. Dabei hatte Ian FIeming, dem Autor der Vorlage, wohl ein ganz anderer Darsteller vorgeschwebt. Kein schottischer Prolet, sondern ein englischer Gentleman, weltgewandt und gebildet.

Cary Grant oder David Niven waren im Gespräch gewesen, als die Produzenten die Hauptrolle für den ersten 007-Film "James Bond jagt Dr. No" besetzen wollten. Doch diese Stars waren zu teuer. So bekam Connery, der auch als Sargpolierer gearbeitet und wegen seines fußballerischen Talents einen Vertrag von Manchester United angeboten bekommen hatte, die Rolle.

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Sean Connery stirbt mit 90: Erinnerungen an eine Legende

Foto: Bert Reisfeld / picture alliance / dpa

Dass er eigentlich eine Fehlbesetzung war, dürfte der Schlüssel zu seinem Erfolg gewesen sein. Für die sogenannten besseren Kreise hat Connerys Bond nur Verachtung übrig, und genau die lässt ihn so sexy wirken. Die High Society ist für ihn nur Mittel zum Zweck, um an den besseren Champagner, die schnelleren Autos und die schöneren Mädchen zu kommen.

Weil Connery aus 007 einen lässigen Hedonisten machte, weit entfernt vom Snobismus des Helden in Flemings Romanen, konnte er zu einer Identifikationsfigur für Millionen Menschen werden. Er jettete für uns um die Welt, zockte für uns am Kartentisch, spielte für uns Golf. Und er tat all das mit der größten Selbstverständlichkeit.

Für mich schimmert Bond oft durch, wenn ich Connery in einem Film sehe, egal, was er spielt, einen russischen U-Boot-Kapitän mit Rauschebart ("Jagd auf Roter Oktober", 1990) oder einen Meisterdieb ("Verlockende Falle", 1999). Er ging an Orte, an denen man 007 eher nicht erwarten würde, zum Beispiel in ein Kloster ("Der Name der Rose", 1986). Wie ein Schatten huscht für mich in all diesen Filmen Connerys Bond durch die Szenen. Doch es stört nicht, im Gegenteil, es ist wie ein 3-D-Effekt, der den Darstellungen Tiefe gibt.

Die aufregendste Phase seiner Karriere begann allerdings, als es mit Bond erst einmal vorbei war, als er ihn endlich loswerden wollte, nach "Diamantenfieber" (1971). Da konnte er in Reinform verkörpern, was im Bond-Cocktail immer nur eine Ingredienz gewesen war: Brutalität in "Sein Leben in meiner Gewalt" (1973) oder Virilität in "Zardoz" (1974). Vor allem jedoch drehte er in rascher Folge drei Meisterwerke, die zu den schönsten Filmen der Siebzigerjahre zählen: "Der Mann, der König sein wollte", "Der Wind und der Löwe" (beide 1975) sowie "Robin und Marian" (1976).

Drei Filme über Männer, die große Helden sind und zugleich immer wieder wie kleine Jungs wirken, die siegen und scheitern, mythische Figuren, die erfahren, dass kein Triumph lange währt, die aber dem Schicksal mit Aberwitz trotzen. Dabei war Connery auch in "Der Wind und der Löwe" eine Fehlbesetzung, ein Schotte, der einen Berber spielt, aus heutiger Sicht geradezu unverschämt. Und doch ist seine Darstellung in dem Film ebenso amüsant wie berührend.

"James Bond jagt Dr. No" (1962) – Sean Connery und Ursula Andress

United Artists

Wenn Connerys Berberfürst Raisuli in einer Szene gegen eine Frau Schach spielt, eine Amerikanerin überdies (verkörpert von Candice Bergen), wenn er merkt, dass er gegen sie verliert, und sich mit den Augen auf die Höhe der Spielfiguren begibt, als müsse er die Schlacht aus der Sicht seiner Soldaten betrachten, wird daraus eine wunderbare Momentaufnahme aus dem Krieg der Geschlechter.

Irgendwann fing Connery an, Mentoren und Ersatzväter der Helden zu spielen, die inzwischen von jüngeren Stars verkörpert wurden, von Harrison Ford, Dustin Hoffman oder Nicolas Cage. Es war immer eine Freude, ihm dabei zuzusehen, dieser Mischung aus Lebenserfahrung und Lakonie. Für seine Rolle als Jim Malone in "Die Unbestechlichen" bekam Connery 1988 einen Oscar als bester Nebendarsteller – in dem Film war Kevin Costner der junge Held Eliot Ness.

Als er 2001 mit "Finding Forrester", einem seiner letzten Filme, auf der Berlinale war, bestand Connery darauf, dass der 17-jährige Darsteller Rob Brown, der neben ihm eine Hauptrolle spielte, vor ihm auf die Bühne ging. Als Connery durch den Vorhang Applaus aufbranden hörte, freute er sich diebisch und führte – so wird berichtet – hinter der Bühne einen kleinen Freudentanz für den Kollegen auf. Da wusste er wohl schon, dass er bald aufhören würde, und wollte dem Jüngeren den Weg bahnen. 

Vielleicht sollte man sich heute Abend noch einmal "Highlander" anschauen, gewiss nicht einer seiner besten Filme und dennoch eine seiner schönsten Rollen. Großartig, wie Connery einen Edelmann spielt, den es ins schottische Hochland verschlagen hat und der nicht sterben kann. Connery gibt der Figur die Gelassenheit, nichts zu verlieren zu haben, und gleichzeitig die Schwermut, zu tausend Jahren Einsamkeit verurteilt zu sein. Das ewige Leben, so zeigt uns Connery in dem Film auf seine ganz eigene, unvergleichliche Art, ist vielleicht gar nicht so erstrebenswert.

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