Sean Penn im Interview "Eine politische Landschaft, in der es nur noch um Masturbation geht"

Sein neuer Film "The Last Face" wurde beim Festival in Cannes verrissen. Am Tag danach spricht der Schauspieler und Regisseur Sean Penn im Interview über seine Wut auf Medien und den US-Wahlkampf.

Sean Penn mit Tochter Dylan Penn bei der "Last Face"-Premiere in Cannes
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Sean Penn mit Tochter Dylan Penn bei der "Last Face"-Premiere in Cannes

Ein Interview von


Samstagnachmittag auf der Terrasse des noblen Carlton Hotels an der Croisette, der Flanierpromenade von Cannes. Am Tag zuvor war Sean Penns fünfte Regiearbeit "The Last Face" von der Presse einhellig zerrissen worden (Mehr dazu in unserem Cannes-Tagebuch). Er stehe zu dem Film, hatte Penn wortkarg auf einer kurzen Pressekonferenz am Freitag gesagt, bei der auch Hauptdarstellerin und Ex-Freundin Charlize Theron anwesend war. Die beiden würdigten sich keines Blickes. Bei der Galapremiere am Abend lief es besser für den zweifachen Oscarpreisträger, der sich seit Jahren politisch und humanitär engagiert: Es gab wohlwollenden Applaus und Standing Ovations. Entsprechend entspannt treffen wir den 55-Jährigen zu einem Gespräch. Penn trägt schwarze Sonnenbrille und raucht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Penn, vor einer Woche sagten Sie in einem Interview mit der "Financial Times", dass der Erfolg von "The Last Face" sehr stark von der Reaktion in Cannes abhänge. Sie haben zwei Jahre Arbeit und sehr viel eigenes Geld in die Produktion investiert. Wie fühlen Sie sich heute?

Penn: Ich würde den anderen Financiers und den Vertriebsfirmen, die den Film jetzt herausbringen werden, keinen Gefallen tun, wenn ich dieser Art von Druck nachgeben würde. Ich habe meinen Job gemacht. Was jetzt passiert, wird passieren. Dagegen kann ich nichts tun.

SPIEGEL ONLINE: Mit "The Last Face" spielt nach "The Gunman" bereits der zweite Film in Folge mit ihrer Beteiligung vor der Kulisse afrikanischer Notstände. Vermischen Sie Ihre humanitären Aktivitäten bewusst mit Ihrer Kunst?

Penn mit den Schauspielern Adele Exarchopoulos und Zubin Cooper
Getty Images

Penn mit den Schauspielern Adele Exarchopoulos und Zubin Cooper

Penn: Nein, so funktioniert das nicht. Ich habe keine Agenda oder suche mir absichtlich Stoffe aus, die von NGOs handeln oder in Afrika spielen. Es war purer Zufall, dass die beiden Filme aufeinander folgten. In "The Last Face" geht es um Beziehungen. Beziehungen zwischen zwei Menschen und zwischen Welten.

SPIEGEL ONLINE: Der von Javier Bardem gespielte Arzt hilft an vorderster Front in den Krisengebieten, während seine Gefährtin, Charlize Theron, sich dafür entscheidet, bei der Uno an größeren Rädern zu drehen. Mit welcher Figur können Sie sich identifizieren?

Penn: Mit beiden. Ich interessiere mich sehr für die wettstreitenden Philosophien, wo und wie wir wirklich etwas Substanzielles bewirken können oder nicht. Ich arbeite auch in der Welt der NGOs und kenne den alltäglichen Kampf damit, herauszufinden, was wirklich Hilfe bringt, wie nachhaltig es ist oder auch, welches Unheil man auch damit anstellen kann, vermeintlich Gutes zu tun. Der Einsatz vor Ort geht notwendigerweise Hand in Hand mit dem Bemühen um Regierungslösungen und Öffentlichkeit. Das ist ein Ringkampf, der mir sehr vertraut ist.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie selbst einmal darüber nachgedacht, sich um ein politisches Amt zu bemühen?

Penn: Nein, ich funktioniere besser außerhalb von Institutionen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe große Sympathien für Menschen, die sich als Politker zur Wahl stellen, rechts wie links, aber in heutiger Zeit käme so etwas für mich nicht infrage. Vorher bräuchte es die große Graswurzelbewegung, den großen kulturellen Umbruch, auf den wir alle mit beschämender Tatenlosigkeit warten.

SPIEGEL ONLINE: Was genau meinen Sie damit?

Penn: Was wollen Sie denn bewirken, wenn die Öffentlichkeit sich nur noch mit dem beschäftigt und auskennt, was die Medien liefern, es aber keine Medien mehr gibt, die von irgendetwas eine Ahnung haben? Was wäre denn, wenn Bernie Sanders Präsident würde? Es gäbe trotzdem noch immer eine Bevölkerung, die den ganzen Tag von Fake-Nachrichten berieselt wird. Es ist wie in der Filmbranche, es geht nur noch um Marken- und Meinungsbildung. So machen sich die Leute leichtfertig mit einer Sache gemein, anstatt darüber nachzudenken, was wirklich gut für sie wäre. In einer Zeit, in der wir dringend über Inhalte reden müssten, wird alles nur immer noch oberflächlicher.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt verbittert.

Penn: Ach was. Wir sitzen hier, die Sonne scheint, schauen Sie mal, die wunderschöne Palme da hinten... und ich habe großartige Kinder, die vielleicht, hoffentlich, die Gelegenheit haben werden, die Welt zu verändern. Für mich aber gilt: So lange ich keine Lösungsansätze parat habe, werde ich den Teufel tun, mich in einer politischen Landschaft zu engagieren, in der es nur noch um Masturbation geht. Nehmen Sie Donald Trump: Sein einziges Interesse besteht darin, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen.

Penn mit Sohn Hopper Jack und Tochter Dylan
REUTERS

Penn mit Sohn Hopper Jack und Tochter Dylan

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen versammeln sich hinter Trump, weil sie dem Establishment misstrauen und sich von den Politikern betrogen fühlen. Muss man das nicht ernst nehmen?

Penn: Aber es gibt keine Mission, kein Ziel! Ich bin absolut für einen pragmatischeren Führungsstil und für einen kulturellen Wandel, aber ich bin gegen eine Revolution ohne Idee dahinter. Diese neue amerikanische Revolution, die wir erleben, ist eine Revolution, die nur um ihrer selbst Willen betrieben wird. Das ist nicht besser als das Establishment. Ich sage: Lasst uns an dem, was davon gut und übrig ist, festhalten, statt uns in verfeindete Lager aufzuspalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben bereits in früheren Interviews gesagt, dass Sie Ihre Stimme Hillary Clinton geben werden. Aber was geschieht, wenn Donald Trump Präsident wird?

Penn: Es wird persönliche Konsequenzen für jeden einzelnen von uns geben, ganz egal, wie die Wahl ausgeht und wer am Ende gewinnt. Denn das, was Trump so viel Unterstützung eingebracht hat, wird nach der Wahl ja immer noch da sein. Wahrscheinlich ist es gut, dass es jetzt zum Vorschein kam, dann kann man vielleicht daran arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Was genau kam denn zum Vorschein?

Penn: Die kriminelle Inkompetenz der korrupten Medien. Vor allem den großen TV-Netzwerken geht es nicht um Nachrichtenkompetenz und die Wahrheit, es geht ihnen nur darum, ihre Konkurrenz zu übertrumpfen. Ich kenne viele sehr gute Journalisten, einige arbeiten sogar bei CNN. Aber sie werden innerhalb ihrer Organisationen marginalisiert, so wie in Hollywood zurzeit viele ernstzunehmende Filmemacher klein gehalten werden, die etwas zu sagen hätten oder persönliche Filme drehen würden. Es gibt gute Journalisten, aber es gibt keinen Journalismus mehr. Und das ist viel schlimmer als Donald Trump.



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eunegin 22.05.2016
1. Gute Beschreibung unserer Geschäftskultur
Auch in großen Unternehmen (ich arbeite in einem Konzern, lange in der Personalabteilung) und wie ich von Freunden in Berlin mitbekommen habe, auch Bundesministerien geht es immer mehr um Selbstvermarktung, um das eigene Ego, weniger um das gemeinsame Ziel und die Verantwortung für andere. Ergebnis: die Kreativen, Kritischen, Nachdenker werden klein gehalten, die inhaltsarmen, aber lauten Egotaktiker werden nach oben gehievt. Kaschiert wird das durch Geschäftskultur auf dem Papier (work-life-balance, Mediation, Reformen, best-practice-Papiere etc.), was man gut in Personalversammlungen verkaufen kann. Es ist diese Gesellschaft, diese Geschäftskultur, die es Populisten erst möglich macht zu reüssieren. Dieses Verhaltensmuster wird eher die Norm als die Ausnahme und Trump und seine europäischen Counterparts das Ergebnis, nicht die Ursache. Interessant, dass ein Schauspieler dies anstößt. Hoffnung auf Änderung? Leider nein.
ferdi111 22.05.2016
2. Da hat er wohl recht...
und ist nicht alleine auf dieser Welt mit seiner Erkenntnis! Überall läuft es so...dass überhaupt Trump so lange in den Medien ist, ist ein Zeichen dafür, dass auch in Amerika die Zeiten sich verändern! So wie in Europa - überall wird man eingelullt, es gibt keine neutrale Medien mehr - überall nur noch Gehirnwäsche und Beeinflussung durch Medien. Köln war und wird nicht die erste große Verarxxxxx gewesen sein...es wird normal werden in diesem Lande! Und wenn in Amerika Politiker und Medien eines Tages sagen, dass diese Orange nicht rund, sondern eckig ist - dann wird es auch jeder glauben! So wird es überall kommen...überall!
timpia 22.05.2016
3. Wie recht er hat!
Sean macht betroffen, man spürt, das er den Kern getroffen hat. - Nachrichten, um der Nachricht willen, der Inhalt, sprich alle Facetten hierzu, egal. Die Graswurzelbewegung müsste zu einem kolossalen Umbruch mit der Berichtserstattung und der Politik stattfinden. Wie wollen wir morgen leben? Zu wenige denken! Zu viele lassen sich von den Medien berauschen. Jedoch viele spüren, das vieles sinnlos ist, und nur billigem Interesse des Konsums dient. Es kommt irgendwann der Umbruch, in dem aufgeräumt wird mit Politik, Versorgungssystem der Gesellschaft, Anspruchsdenken etc. Dann sollte ein Zeitalter des Nachdenkens und Besinnens anbrechen.
arthurspilgrims 22.05.2016
4. Wo er Recht hat...
...da hat er Recht. Was J. Penn da sagt, gilt auch für uns in Deutschland. Siehe Berlin...Parteienlandschaft.... und natürlich die schreckliche AfD. Nicht viel anders als die USA.
Emderfriese 22.05.2016
5. Zustimmung
"...es geht nur noch um Marken- und Meinungsbildung. So machen sich die Leute leichtfertig mit einer Sache gemein, anstatt darüber nachzudenken, was wirklich gut für sie wäre. In einer Zeit, in der wir dringend über Inhalte reden müssten, wird alles nur immer noch oberflächlicher. ..." Touchez! So ist es.
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