Sean Penn über "The Gunman" "Ich kämpfe viel"

Sean Penn, Oscarpreisträger und Charakterdarsteller, lässt sich im Afrika-Thriller "The Gunman" überraschend als muskulöser Actionheld inszenieren. Dem 54-Jährigen geht es um die Krisenherde der Welt.

Studiocanal

Ein Interview von


Zur Person
  • REUTERS
    Sean Penn, Jahrgang 1960, hat zweimal den Oscar als bester Hauptdarsteller gewonnen: 2004 für das Rachedrama "Mystic River", 2009 für das Biopic "Milk". Als Regisseur machte er vor allem mit dem Aussteigerdrama "Into the Wild" von sich reden. Bevor seine nächste Regiearbeit "The Last Face" startet, ist er ab Donnerstag in dem Action-Reißer "The Gunman" zu sehen.
SPIEGEL ONLINE: Mr. Penn, Respekt! In "The Gunman" sind Sie ein wahrer Muskelprotz. Wie macht man das, wenn man 54 Jahre alt ist, Kette raucht und gerne mal einen Drink nimmt?

Penn: Na ja, man hört mit dem Rauchen und Trinken auf (nimmt einen Zug aus seiner frisch angezündeten Kippe).

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ja offensichtlich nicht.

Penn: Doch, während wir gedreht haben schon. Ich wusste ja, dass der Film mir eine gewisse Körperlichkeit abverlangen wurde. Ich fühlte mich fit genug, die Rolle auszufüllen, der Rest kam tatsächlich beim Drehen. War ziemlich anstrengend.

SPIEGEL ONLINE: Früher waren Sie Surfer, wie halten Sie sich heute fit?

Penn: Ich kämpfe viel.

SPIEGEL ONLINE: Natürlich.

Penn: Nein, wirklich, ich praktiziere schon seit einigen Jahren Krav Maga, nicht wirklich ein Sport, eher eine Nahkampftechnik, die dem israelischen Militär beigebracht wird.

SPIEGEL ONLINE: Als hätten Sie sich unbewusst auf Ihre erste große Action-Rolle vorbereitet!

Penn: Ich betrachte "The Gunman" gar nicht so sehr als Actionfilm. Die Actionszenen sind selbstverständlicher Teil der Welt, in der die Protagonisten agieren. Ich habe das Skript eigentlich wie jedes andere Drehbuch gelesen, das für mich interessant ist. Es ging mir nicht bewusst darum, einen Genrefilm zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Mögen Sie Actionfilme?

Penn: Kommt drauf an. Aus irgendwelchen Gründen scheinen sich Regisseure und Drehbuchautoren, wenn sie sich dem Action-Genre nähern, zu einer eher komödiantischen Version von Gewaltinszenierung hingezogen zu fühlen. Nehmen Sie das klassische Buddy-Movie: Die witzigen Sprüche, das Hin und Her zwischen den Charakteren… manchmal ist das toll, ich liebe zum Beispiel Filme wie "Nur 48 Stunden". Aber es wird schnell sehr schematisch. Oder es folgt einem sehr genretypischen schlichten emotionalen Narrativ. Beides wollte ich für "The Gunman" nicht, daher war es wichtig, den richtigen Regisseur zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Also suchten Sie sich den Franzosen Pierre Morel aus, den Regisseur des Action-Erfolgs "Taken". Warum gerade ihn?

Penn: Es war nicht meine alleinige Entscheidung, aber letztlich bin ich sehr glücklich, dass wir Pierre für "The Gunman" gewinnen konnten. Ich kannte seine Arbeit als Kameramann für "The Transporter" und natürlich "Taken". Hinzu kommt, dass er sich sehr gut mit militärischen Fragen auskennt und mit NGO-Arbeit vertraut ist. Er hat Afrika bereist und weiß um die politische Dynamik, die dort herrscht.

SPIEGEL ONLINE: Ausschlaggebend war also nicht, dass er Ihrem inzwischen 62 Jahre alten Kollegen Liam Neeson mit "Taken" zu einer späten Karriere als Actionheld verholfen hat? Hatten Sie es auch auf eine lukrative Neuerfindung abgesehen?

Penn: Nein, gar nicht, aber mir war bewusst, dass ich immer und immer wieder danach gefragt würde! Es gibt ja inzwischen sogar einen Namen für das Alte-Herren-Action-Genre, kennen Sie den schon?

SPIEGEL ONLINE: Nein.

Penn: Sie nennen es Geriaction, Action mit Greisen. Von mir aus, werfen Sie mich mit da hinein, ich kann ja nichts dagegen machen. Aber für mich ist "The Gunman" eine ganz andere Art Film.

SPIEGEL ONLINE: Er basiert auf dem Roman "The Prone Gunman", in dem ein ehemaliger, einst verdeckt operierender Soldat, verantwortlich für ein Attentat, das die Republik Kongo ins Chaos stürzte, mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Sie haben am Drehbuch mitgeschrieben, was haben Sie hinzugefügt?

Penn: Gar nicht so viel, es ging mir vor allem darum, der Handlung einen aktuellen Bezug zu geben, der Roman stammt aus den Achtzigerjahren, vieles wirkte überholt. Was mich viel beschäftigt hat, war die Frage, wie viel mein Mitwirken in diesem Film und dem nächsten…

SPIEGEL ONLINE: "The Last Face", ein Beziehungsdrama über zwei humanitäre Helfer in Afrika, bei dem Sie Regie führen…

Penn: … genau, ich fragte mich, was und wie viel das mit meinem Engagement auf Haiti und anderen politischen Fragen zu tun hat, mit denen ich außerhalb des Filmgeschäfts befasst bin.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Erdbeben von 2010 haben Sie für die Menschen auf Haiti eine Hilfsorganisation gegründet, Sie waren auch in Pakistan, um sich ein Bild von der Lage der Opfer der Flutkatastrophe von 2012 zu machen. Und, was glauben Sie, haben die Filme damit zu tun?

Penn: Ich habe darauf keine eindeutige Antwort, aber klar ist, dass wir in einer Zeit leben, in der es global so viele Krisenherde, so viele Flüchtlinge und Vertriebene gibt wie noch nie. Dieses Problem wird mehr und mehr auch Teil unserer westlichen Welt, also werden wir zwangsweise hinsehen müssen. Spätestens jetzt! Das gilt auch für uns Schauspieler und Filmemacher. Der Schriftsteller E.L. Doctorow hat mal in einem Essay über die Verantwortung des Künstlers geschrieben, der auf einen wichtigen Satz zuläuft: Sei dir der Zeit bewusst, in der du lebst.

SPIEGEL ONLINE: Kann man mit einem Actionfilm Aufmerksamkeit auf den Notstand in Afrika lenken?

Penn: Ich hoffe schon. Wenn der eine oder andere jüngere "Gunman"-Zuschauer aufmerksamer zuhört, wenn in den Nachrichten über Krisen in Afrika berichtet wird, dann wäre schon viel erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie hätten ja auch eine Dokumentation drehen können. Mit Ihrem Namen hätte das sicher für Aufsehen gesorgt.

Penn: Ja, sicher. Ich hätte auch einen Job als Interviewer bekommen können, der dann ein Attentat auf Kim Jong Un verübt! Aber wir haben nun mal "The Gunman" gedreht. Vielleicht mache ich irgendwann auch noch eine Dokumentation, wer weiß?

SPIEGEL ONLINE: Im Ernst: Würden Sie einen Film über Haiti drehen oder ihn dort spielen lassen?

Penn: Ich habe schon darüber nachgedacht. Aber mal ganz abgesehen davon, welche Geschichte man erzählt oder was für eine Art Film es wäre: Wenn ich das mache, dann ginge es mir vor allem darum, die dortige Filmindustrie zu stärken. Ich wünsche mir eine Finanzierung, die es ermöglicht, Haitianer in die USA oder nach Europa zu bringen, wo sie ausgebildet werden können. Dann könnte man auf Haiti mit einer einheimischen Crew drehen, man brächte Know-how ins Land. Es gibt sehr talentierte Filmemacher auf Haiti, aber es fehlt an Ressourcen und Infrastruktur, um einen großen Film zu drehen. Vielleicht kommt es irgendwann dazu, das wäre toll. Aber ganz ehrlich: Im Moment gibt es dort noch weitaus dringendere Probleme zu bewältigen.

Kurzkritik "The Gunman"
  • DPA
    Die Voraussetzungen für "The Gunman" klangen super: Ein europäisch geschulter Action-Regisseur (Pierre Morel, "Transporter", "Taken"), Charakterdarsteller zuhauf (Sean Penn, Javier Bardem, Jasmine Trinca, Mark Rylance, Ray Winstone) und ein in Afrika spielendes Polit-Thriller-Skript, basierend auf dem Bestseller von Jean-Patrick Manchette. Leider aber ist Sean Penns Versuch, sich als Actionheld im Stil der Bourne-Reihe zu positionieren, eine ambitionierte, aber auch sehr zähe, dramaturgisch undurchsichtige Geduldsprobe. Start am 30. April.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Auggie Smith 28.04.2015
1.
Wie man den Film als undurchsichtige Geduldsprobe wahrnehmen kann, ist mir ein Rätsel. Besonders Komplex ist die Handlung nicht gestrickt, dafür aber sehr packend und spannend inszeniert. Gutes Popcorn Kino ist es in jedem Fall. Dass sich der Rezensent davon hat überfordern lassen, spricht nicht gerade für den Rezensenten! ;)
odin4961 29.04.2015
2. Geriaction
Die Glaubwürdigkeit der Generation Sean Pen ist auf jeden Fall ehrlicher Natur, was die Intention der Aufklärung anbelangt. Denn eine reine Selbstdarstellung haben diese Spieler, mit einigen Ausnahmen, nicht mehr nötig.
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