"Secretary" Liebevolle Schläge auf den Po

Romantische Komödie einmal anders: In Steven Shainbergs ungewöhnlicher Kino-Romanze "Secretary" finden ein Anwalt und seine Assistentin ihr Liebesglück in sadomasochistischen Büro-Spielen.


Sekretärin Lee (Maggie Gyllenhaal): Freude an Schmerz und Selbstverletzung
Arsenal

Sekretärin Lee (Maggie Gyllenhaal): Freude an Schmerz und Selbstverletzung

Dass es Vorgesetzte geben soll, die mit ihren Sekretärinnen oftmals mehr tun, als sie nur zum Diktat zu bitten, ist bekannt. Doch was sich zwischen dem Anwalt E. Edward Grey und seiner neuen Mitarbeiterin Lee Holloway abspielt, hat mit einer klassischen Büro-Beziehung zunächst wenig zu tun - in Steven Shainbergs Film "Secretary" treffen zwei Menschen mit ganz besonderen Neigungen aufeinander.

Lee (Maggie Gyllenhaal), hat Freude an Schmerz und Selbstverletzung. Wird es schwierig in ihrem Leben, greift sie zum Messer, ritzt und schlitzt sich die Beine blutig. In einer Heilanstalt soll sie lernen, ihr Leben in den Griff zu bekommen, was nicht wirklich gelingt. Zumindest den Schreibmaschinen-Kurs absolviert sie erfolgreich. Kaum wieder entlassen, sucht sie sich daher endlich einen Job - und landet ausgerechnet bei dem exzentrischen Anwalt E. Edward Grey (James Spader).

Bizarre Arbeitsbeziehung: Lee (M. Gyllenhaal) apportiert die Korrespondenz
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Bizarre Arbeitsbeziehung: Lee (M. Gyllenhaal) apportiert die Korrespondenz

Dem attraktiven Mittdreißiger machen seine verborgenen sadistischen Neigungen zu schaffen, er unterdrückt diese Gefühle, so gut es geht. Sein einziges Ventil: Er demütigt seine Mitarbeiter. Auch Lee bekommt das schnell zu spüren. Er lässt sie im Müll nach Akten suchen, tadelt sie für ihre Telefonstimme und schlecht gekochten Kaffee. Er verbietet ihr, ständig zu schniefen und befiehlt ihr, sich attraktiver zu kleiden. Pech für Grey: Lee findet es toll, so behandelt zu werden, und fordert ihn heraus - bis der Anwalt sich nicht länger beherrschen kann.

Mutig und erstaunlich komisch zeigt "Secretary", wie aus der bizarren Arbeitsbeziehung eine lustvolle Sadomaso-Affäre wird, durch die es Lee ganz nebenbei gelingt, ihren Hang zur Selbstverletzung gegen die neu entdeckte Form der Lust einzutauschen: Für Tippfehler gibt es liebevolle Schläge auf den Po.

Das wirkt wundersamerweise niemals peinlich, verklemmt oder umständlich. Regisseur Shainberg, ein erfolgreicher Werbefilmer, dessen letzter Spielfilm "Hit Me" sieben Jahre zurückliegt, schafft es, sich den etwas sonderbaren Liebenden auf ästhetische Weise zu nähern. Dabei sind die erotischen Szenen schlicht und wunderbar respektlos gefilmt, die sadistischen Spielchen wirken dadurch frei von jeglicher Anhaftung der Abartigkeit.

Anwalt Grey (James Spader): Angst vor der eigenen Courage
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Anwalt Grey (James Spader): Angst vor der eigenen Courage

Shainberg musste lange nach einem Produzenten für sein Wunschprojekt "Secretary" suchen. Denn der Stoff, basierend auf einer Kurzgeschichte der Amerikanerin Mary Gaitskill, fand in Hollywood wenig Befürworter. Das Problem: Der Regisseur wollte in seinem Film nicht die Geschichte erzählen, dass Hauptdarstellerin Lee ein persönliches Problem überwindet, sondern schlicht bei der ursprünglichen Idee bleiben, wonach Lee in dem Büro ihres Anwalts etwas Wunderbares und Schönes für sich entdeckt.

Dass "Secretary" diese Gefühle so glaubhaft nacherzählen kann, hat der Film seinen grandiosen Hauptdarstellern zu verdanken. Absolut präsent wirkt Maggie Gyllenhaal, die zuletzt in Spike Jonzes "Adaptation" und in George Clooneys "Confessions Of A Dangerous Mind" zu sehen war. Sie spielt das anfänglich so verwirrte Naivchen ebenso glaubhaft wie das rotzfreche Luder, das es genießt, von ihrem Chef gedemütigt zu werden - und ihm aus Rache einen lebenden Regenwurm in die Post legt. James Spader ("Crash"), der sich stets den extremeren Charakteren widmet, ist ihr perfekter Gegenspieler. Mit nur wenigen Blicken und Gesten gelingt es ihm, die inneren Kämpfe, die Grey mit sich austrägt, deutlich zu machen.

Als der Anwalt angesichts seiner entfesselten Triebe Angst vor der eigenen Courage bekommt, muss Lee um die bizarre Beziehung kämpfen. Es zeigt sich: Auch "Secretary" ist eigentlich doch nur eine Liebesgeschichte - allerdings intensiver und interessanter als vieles, was man seit langer Zeit zu sehen bekam.


Secretary


USA 2002. Regie: Steven Shainberg. Drehbuch: Erin Cressida Wilson, Mary Gaitskill (Story). Darsteller: Maggie Gyllenhaal, James Spader, Jeremy Davies, Lesley Ann Warren, Stephen McHattie. Produktion: Double A Films, Slough Pond, TwoPoundBag Productions. Verleih: Central Film. Länge: 104 Minuten. Start. 25. September 2003



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