Sepp Maiers WM-Videos von 1990 Wi arr se Schämpiens!

Nackte Männer, Vokuhilas, Ballonseide - und Helmut Kohl. Torwartlegende Sepp Maier präsentiert sich als Videokünstler. Erstmals zeigt er öffentlich seine Bänder von der deutschen Nationalmannschaft, die 1990 in Italien Weltmeister wurde - intime Aufnahmen aus der Umkleidekabine inklusive.

Sepp Maier/ 11mm

Von


Es ist der 8. Juli 1990. Mehr als zwanzig halbnackte, schwitzende Männer springen in der überfüllten Kabine des Stadio Olimpico in Rom auf und ab. Sie haben Champagnerflaschen in der Hand, sie grölen: "We are the champions of the world." Sie sind Fußball-Weltmeister geworden, 1:0 gegen Argentinien.

Es hat 22 Jahre gedauert, aber jetzt kann alle Welt sehen, wie die Sieger von Rom feierten, als sie unter sich waren. Zu verdanken haben wir die Bilder Sepp Maier, dem legendären Torwart der Nationalmannschaft und des FC Bayern, und seiner Videokamera. Offiziell hatte ihn der Teamchef, sein einstiger Mannschaftskamerad Franz Beckenbauer, bei der Weltmeisterschaft 1990 als Torwarttrainer geholt; inoffiziell agierte Maier als visueller Chronist.

Maier hielt drauf und dokumentierte das Geschehen, das bei großen Fußballturnieren für die TV-Kameras tabu ist, das, was vor und nach den Spielen geschieht, jenseits des Platzes. Er machte Aufnahmen im Bus, im Teamhotel, bei der Besichtigung des Stadions und vor allem in der Kabine. Auf dem Internationalen Fußballfilmfestival 11mm in Berlin ist die Dokumentation des Amateur-Videokünstlers Maier am Freitag erstmals für die Öffentlichkeit zu sehen.

Das knapp 60 Minuten lange Werk ist unter anderem auch eine Zeitreise in ästhetische Abgründe der späten achtziger Jahre, die 1990 noch nachwirkten. Dafür sorgen schon allein die Farben: Die Spieler tragen Ballonseidenhosen in Türkis und Poloshirts in Pink. Auf den Hemden prangen Badges "Keine Macht den Drogen". Die leichte farbliche Verfremdung durch die frühe Videotechnik ergibt geradezu psychedelische Effekte.

Die Frisuren von Pierre Littbarski, Icke Häßler, Andy Möller, Rudi Völler und den meisten anderen Spielern sind vom berüchtigten Typ Vokuhila (vorne kurz, hinten lang), eine prollige Geschmacksverirrung, die bei Fußballern so beliebt war wie bei wenigen anderen Berufsgruppen.

Der Flashback, der zumindest etwas ältere Betrachter der Maier-Tapes ereilt, wird durch die Musik verstärkt. Zu den Bildern ertönen: "Wild Boys" von Duran Duran, "Final Countdown" von Europe und natürlich: "We Are The Champions".

Den Song von Queen verwandte Maier auch als Titel für sein Videotagebuch, das die Weltmeisterschaft in Italien chronologisch zeigt, von der Vorbereitungsphase im Hotel Seeleiten in Südtirol bis zum Endspiel in Rom. Die Siege gegen Jugoslawien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Niederlande, Tschechoslowakei, England und Argentinien.

Kanzler Kohl als Freak, der bei den Fußballern nichts zu suchen hat

Zu sehen sind die Spieler auch mit Kindern und Frauen bei einem Ausflug zum Comer See. Bei den Spielerfrauen war der Typ Model noch nicht so vorherrschend wie heute. Von glamourösen Ausnahmen wie Sylvia Matthäus abgesehen dominierte der sympathische Typ Jugendliebe.

Maiers Video-WM-Tagebuch erlaubt nicht nur Einblicke in die Kulturgeschichte des ausgehenden 20. Jahrhunderts, sondern auch Erkenntnisse zum Verhältnis von Sport und Politik. So wie Mutti Merkel vor zweieinhalb Jahren bei der deutschen Nationalmannschaft in der Kabine auftauchte und dort mit Mesut Özil plauderte, ließ es sich Bundeskanzler Helmut Kohl in Rom nicht nehmen, sich im Glanz der Weltmeister zu sonnen.

Mit seiner Kassenbrille steht Kohl zufrieden da. Während die Spieler einen tiefen Schluck aus der Pulle nehmen, nippt er an einem Cola-Becher. Maier nimmt ihn kurz seitlich ins Bild, aber eher wie einen Freak, der bei Fußballern nichts zu suchen hat.

Das angenehm Authentische der Bilder rührt daher, dass die Spieler Maier nicht als Fremden wahrnahmen, der sie durch das Objektiv der Kamera beobachtete - anders als 16 Jahre später bei Sönke Wortmanns "Deutschland - ein Sommermärchen" - , sondern als den Sepp, der immer dabei war. Es gab allerdings auch einige wenige Situationen, in denen Maier lieber keine Aufnahmen machte. Als Beckenbauer zum Beispiel nach dem schwachen Spiel gegen die Tschechoslowakei durch die Kabine tobte und unschuldige Getränkedosen misshandelte.

Zur Eröffnung des neunten Fußballfilmfestivals 11mm im Berliner Babylon am Freitag wird Sepp Maier persönlich erscheinen und sein Werk kommentieren. Moderieren wird den Abend der einstige ARD-"Sportschau"-Moderator Heribert Faßbender.

Besonders begeistert von den professionellen Konkurrenten vom Fernsehen war Maier damals in Italien allerdings nicht. Die Bilder, die unter anderen den notorischen Waldemar Hartmann beim Interviewen der Spieler zeigen, kommentiert Maier mit dem Schriftzug: "Haut's ab."


"We are the champions - Sepp Maiers WM-Videotagebuch 1990" beim Fußballfilmfestival 11mm im Babylon-Kino Berlin: Freitag, 9.3., 19.30 und 22 Uhr; Sonntag, 11.3., 19 Uhr; Dienstag, 13.3., 18 Uhr.

Mehr zum Thema


insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sIggy Pop 06.03.2012
1. Der Loddar...
...der tut doch nix, der will doch nur spielen!
siebke 06.03.2012
2. Zeitgeschichte!
ich kann mich noch daran erinnern wie mein Bruder und ich morgens mit dicken Augen in die Schule gegangen sind (15 u.17 J.).Aber immer mit stolzer Brust. Ich will diesen Film sehen!!
Ollie_ 06.03.2012
3. War das schön
Es war für mich die bisher intensivste WM, die ich miterlebt habe. Daher freue ich mich sehr über Sepps Filme. Schade, dass der Ausschnitt hier bei SPON so kurz ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.