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Foto: Showtime/ Warner Home Video

US-Serie "Shameless" auf DVD Würde? Ist für Spießer!

Frank Gallagher liebt Alkohol, Drogen, Sozialhilfe und seine sechs Kinder. In dieser Reihenfolge. Die amerikanische Serie "Shameless" begegnet diesem tragischen Komplettversager mit dem einzigen möglichen Mittel: Humor.

Niemand will den eigenen Vater bewusstlos in seiner Kotze liegen sehen, aber die Kinder von Frank Gallagher haben da einen gewissen Pragmatismus entwickelt. Wenn Papa mal wieder im Wohnzimmer oder in der Küche zusammengebrochen ist, dann lassen sie ihn dort liegen. Wenn irgendwelche Gliedmaßen den Weg versperren, werden sie mit dem Fuß zur Seite gekickt; wenn er zu sehr stinkt, ziehen sie ihn am Bein in einen anderen Raum. Ihn ins Bett zu tragen, hat nur Rückenschäden zur Folge und keinerlei Dankbarkeit. Die jüngste Tochter Debbie legt ihm aber manchmal ein Kissen unter den Kopf.

Die Gallaghers führen in Chicago ein Leben im Elend: Die Mutter ist abgehauen, der Vater ein arbeitsloser Säufer, der mehr Zeit in der Kneipe und im Koma verbringt als mit seinen sechs Kindern. Ja, die armen Kinder - manchmal schauen die sexbesessenen Nachbarn vorbei und sehen nach dem Rechten, sonst bleiben sie weitgehend sich selbst überlassen. Sie müssen das Geld für die Stromrechnung selbst zusammensammeln, gehen hin und wieder in die Schule, versuchen mit legalen bis halbbetrügerischen Nebenjobs ein bisschen was dazuzuverdienen, und ein paar von ihnen genehmigen sich bei all dem Stress auch mal ein Bier. Das ist das Einzige, wovon zu Hause immer genug da ist.

Trauriger und perspektivloser kann Familienleben kaum aussehen. Aber die US-amerikanische TV-Serie "Shameless" - hierzulande seit Anfang des Jahres im Bezahl-TV zu sehen und jetzt auch auf DVD zu haben - ist keine bittere Sozialreportage. Und wenn doch, dann zumindest eine extrem witzige. Als der älteste und hellste Sohn Lip beim Nachhilfeunterricht von seiner Schülerin Oralverkehr angeboten bekommt, nimmt er es hin, erinnert sie aber daran, dass er sie trotzdem abkassieren müsse. Damit sie weiter die Sozialhilfe von Franks toter Tante kassieren kann, entführt die Familie gemeinsam eine demente Oma aus dem Heim.

Das mag würdelos klingen. Aber Würde? Ist doch nur was für Spießer - die Gallaghers wollen sich nicht die Lust am Leben verderben lassen. Sie wissen, dass es ihnen schlechtgeht und machen das Beste draus. Oder, wie Vater Frank es formuliert: "We know how to fucking party!"

Das Sozialdrama als Komödie

Unterschichtskomödien sind nicht neu oder selten: Über die megaprollige Familie Flodder aus den Niederlanden hat man sich schon in den Achtzigern kaputtgelacht, im letzten Jahr haben es die (ebenfalls niederländischen) Super-Asis von "New Kids Turbo" im Kino zu weltweitem Ruhm gebracht. Die US-Serien "Roseanne" oder "Malcolm mittendrin" haben ihre wenig verdienenden Helden jahrelang durch den Alltag begleitet und dabei immer was zu lachen gefunden. "Shameless" aber ist etwas Besonderes. Denn anders als bei den Flodders oder "New Kids Turbo" sind die Gallaghers keine überzeichneten Cartoon-Proleten, die sich ständig gegenseitig an amüsanten Geschmacklosigkeiten überbieten. Und anders als bei "Roseanne" oder "Malcolm mittendrin" gibt es keine herzerwärmenden Belehrungen über familiären Zusammenhalt in schweren Zeiten. Sprich: "Shameless" ist im Gegensatz dazu erschreckend realistisch.

Diese Mischung aus Sozialdrama und Komödie bekommen normalerweise die Briten am Besten hin. Und so sind die Gallaghers und "Shameless" eigentlich auch eine britische Idee: das Original (in Deutschland auf DVD nur als UK-Import erhältlich) läuft seit 2004 erfolgreich und preisgekrönt in Großbritannien, spielt in Manchester, und ist gut genug, dass eine neue und auch noch amerikanische Version zunächst nicht als das zwingendste Anliegen dieser Welt erscheint.

Dass die US-Fassung trotzdem so gut funktioniert, liegt daran, dass die Macher mit Paul Abbott den Erfinder von "Shameless" ins Boot geholt haben. Und der achtet darauf, dass seine Schöpfung bei aller Amerikanisierung nicht verwässert oder überzuckert wird. Was wiederum auch nur möglich ist, weil die Serie in den USA beim Bezahlsender Showtime läuft, der die explizite Darstellung von Sex, Drogenkonsum und Gewalt zum Geschäftskonzept erklärt hat, und seit dem Erfolg von "Weeds" und vor allem "Dexter" auch aus kreativer Sicht zum ähnlich aufgestellten Rivalen HBO aufschließt.

Um ganz sicher zu gehen, hat man eine exquisite Besetzung verpflichtet: Als älteste Tochter Fiona spielt Emmy Rossum ("Das Phantom der Oper") das vernünftigste Familienmitglied so warmherzig und gleichzeitig unterschwellig traurig, dass ihr Ruf als langweiliges Starlet bald Geschichte sein wird. Und Comedy-Veteranin Joan Cusack ("In & Out") erinnert als agoraphobische und nymphomanische Teilzeitfreundin von Frank daran, dass es wenige Schauspieler gibt, die so lustig sein können.

Herz und Seele des Ganzen ist aber William H. Macy ("Fargo") als Alptraum-Patriarch Frank. Er spielt einen Mann, der seine Kinder vernachlässigt, manchmal sogar gewalttätig wird; einen Lügner und Betrüger, der zuerst immer nur an sich denkt und sonst nur an das nächste Bier - und trotzdem ist es schwer, ihn nicht irgendwie gernzuhaben. Frank Gallagher ist ein verabscheuungswürdiger Charakter, aber Macy umgibt ihn mit einer traurigen Resignation, die andeutet, dass da doch ein besserer Mensch drinstecken könnte.

Und vielleicht doch sogar ein ganz kleines bisschen Würde.


Shameless. Erschienen bei Warner. Mit William H. Macy, Emmy Rossum, Joan Cusack. Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.