Sharon Stone "Ich wollte nicht als Großmutter zurückkommen"

Sie ist 48 und nach Hollywood-Maßstäben kaum noch verwertbar. Wie gut, dass sich Sharon Stone dennoch für einen zweiten Teil von "Basic Instinct" eingesetzt hat. Erneut liefert sie den Machismo der Traumfabrik selbstbewusst ans Messer.

Von Daniel Haas


"Begrüßen Sie mit mir eine talentierte, kluge und vor allem mal schöne Frau", sagte der Moderator der Pressekonferenz, und in dieser Ankündigung war schon alles enthalten: der Mythos und die Marke, die Sharon Stone seit dem ersten "Basic Instinct"-Thriller geworden ist. Und der Machismo, der das Filmgeschäft nach wie bestimmt und an dem noch so kluge und talentierte Frauen bislang nichts ändern konnten.

Sharon Stone tourt durch Europa, um für "Basic Instinct 2" zu werben; ihr Image eilt ihr voraus und verwandelt Fotografen in "We love you!" grölende Fans und Journalisten in Anzüglichkeiten stammelnde Bewunderer. Ihr legendärer IQ, ihre eiserne Selbstdisziplin, ihr schneidend scharfer Witz haben sie in den Neunzigern allerdings nicht vor der Ausmusterung durch den Hollywood-Betrieb bewahrt - und auch nicht vor der Süffisanz, mit der man sie jetzt wieder hofiert.

Talent und Klugheit, dafür kann man sich im Starsystem der Traumfabrik nichts kaufen. Die sogenannten bankable stars, jene Frauen, die sich auszahlen an der Kinokasse, sind eben auch und vor allem schön. Schön und möglichst in den Dreißigern, denn jenseits der 40 ist es, als ob "man Lepra hätte", wie sich Stone erinnert. Ein Schicksal, das viele ihrer Kolleginnen nicht erst seit den neunziger Jahren ereilt: Greta Garbo zog sich mit 36 zurück, Bette Davis gab 1962 ihre legendäre Anzeige auf: "Schauspielerin mit 30-jähriger Erfahrung sucht eine feste Anstellung in Hollywood."

Seitdem haben sich die Verhältnisse deutlich verschärft: 2002 wurden 78 Prozent der weiblichen Hauptrollen mit Frauen unter 40 besetzt, Darstellerinnen wie Debra Winger, 50, Jessica Lange, 56, und Holly Hunter, 48, verschwanden entweder ganz von der Bildfläche oder tauchten in den immer gleichen Nebenrollen auf. Mütter, Krankenschwestern oder Lehrerinnen sind die Figuren, die Frauen über 40 darstellen. Wer hier nicht mitspielen will, muss entweder wie Sandra Bullock und Meg Ryan eine eigene Produktionsfirma gründen oder kann wie Whoopi Goldberg Trickfilme synchronisieren.

Stone wollte sich nicht abschieben lassen, auch nicht aufs Abstellgleis zweitklassiger TV-Serien wie Glenn Close ("The Shield") oder Kirstie Alley ("Fat Actress"). "Ich hatte keine Lust, mit 70 in der Rolle der verrückten Großmutter zurückzukommen, und alle sagen: 'Toll dass du noch lebst!'", erklärte sie gestern in Berlin und verwies auf ihre großen Vorbilder Jeanne Moreau und Catherine Deneuve. Die hätten auch lange große Rollen gespielt, und am Anfang habe sie geglaubt, ihre Laufbahn würde ähnlich verlaufen.

Von der Pubertät aufs Altenteil

Doch Hollywood funktioniert anders als das europäische Autorenkino, auch wenn es in Amerika eine "Koalition für Alters-Fairness in den Medien" gibt. Während in Europa Regisseure wie Pedro Almodóvar und François Ozon erwachsene Weiblichkeit als Thema entdecken, kennt das amerikanische Blockbuster-Kino nach wie vor nur zwei Phasen menschlicher Entwicklung: Jugend und Greisenalter. Sexuelle Aktivität und Attraktivität sind den Youngstern der College- und Highschool-Filme oder den romantischen Heldinnen zwischen 28 und 38 vorbehalten. Danach wartet die Ödnis schlechter Drehbücher und klischeehafter Rollen auf die Aktricen.

"Basic Insinct 2" ist deshalb eine Geste der Selbstermächtigung, auch wenn der von Michael Caton-Jones inszenierte Film als Thriller mäßig ist. Wieder spielt Stone die Romanautorin Catherine Tramell, die ihre männliche Umwelt mit Erotik, Intelligenz und Coolness verstört, nur dass es diesmal kein Polizist, sondern ein Psychoanalytiker ist, dessen Existenz zerrüttet wird.

Schon die Eingangsszene macht deutlich, worum es geht: Kontrolle. Wenn die Heldin einen Sportwagen durch die Straßen lenkt und sich mit der Hand des männlichen Beifahrers stimuliert, dann ist klar, wessen Begehren hier das Steuer übernimmt. "Sie genießen es, wenn Sie die Kontrolle haben - genau wie ich", wird Tramell später ihren Gegenspieler (David Morrissey) loben, und genau diese Freude am Subjekt-, nicht Objektsein spielt der Film in ganzer Länge aus.

Schön bemüht

Sie könne sich auch einen "Basic Instinct 3" vorstellen, sagte sie letztes Jahr im Interview. "Und mit 75 mache ich dann 'Basic Instinct 4: Heißer Sex im Altersheim'." Dabei wäre das eigentliche Skandalon nicht die Zurschaustellung eines Körpers, der nach den Kriterien der Frauenzeitschriften und Kosmetikbranche längst aufgehört hat zu existieren, sondern dass ein weiblicher Star sein Alter selbstbewusst thematisiert und bestimmt. Wie alt eine Frau ist, bemisst sich in Hollywood nämlich nicht nur nach Lebensjahren, sondern nach einem Verwertungsschema, dessen Kalkül grausam und zynisch ist.

Stone hat die Perfidie dieser Rollenpolitik zu spüren bekommen wie kaum eine andere Darstellerin: In "Catwoman" (2004) spielte sie eine korrupte Firmenchefin, die sich mit Kosmetik ewige Jugend ergaunern will. Bestraft wird sie von einer jüngeren Kontrahentin (Halle Berry), die die Beauty-Megäre ins Jenseits befördert. Hier wurde ein weiblicher Bösewicht ganz aus dem Geist patriarchaler Ausbeutungslogik gezeugt: Hassenswert ist die Frau, die nicht alt werden will; man kann sie verachten und sich gleichzeitig an ihrer angestrengt inszenierten Schönheit weiden.

Demi Moore, 43, durfte in "Charlie's Angels: Full Throttle" ebenfalls die Böse spielen, die letztlich von jüngeren Gegenspielerinnen abserviert wird. Auch sie trat auf als Attraktion, die sich mühevoll erhält und die man dafür sowohl belächeln als auch bestaunen kann.

In "Basic Instinct 2" gibt es zwar jüngere Frauen, sie sind jedoch ebenso abschlachtbar wie die männlichen Statisten, die dem Thrill der Heldin geopfert werden. Übrig bleiben Stone und Charlotte Rampling, 60, die eine Psychologin spielt. Wenn Stone im Finale Rampling schützend umarmt, während ihr ehemaliger Lover dem Wahnsinn verfällt, dann ist das eine emblematische Szene: Nicht eine marktlogisch inszenierte Konkurrenz, sondern Solidarität bestimmt das Verhältnis der Darstellerinnen. Sie existieren nicht auf Kosten von einander, sondern in Bezug auf eine Kinovision, in der weibliches Begehren über die Grenzen von "American Pie" und "Pretty Woman" hinausgehen kann.

Begrüßen wir also mit "Basic Instinct 2" keinen schönen, aber auf jeden Fall klugen Film - mit und über Sharon Stone.



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