Ausnahmefilm "Sibyl" Wer hat schon Kontrolle über sein Leben?

Selbstbestimmt und doch im Chaos versinkend: Niemand erzählt zurzeit so außergewöhnliche Frauenfiguren wie die Französin Justine Triet. Jetzt kommt ihr neuer Film "Sibyl" in die Kinos.
Psychotherapeutin mit literarischen Ambitionen: Virginie Efira als Sibyl

Psychotherapeutin mit literarischen Ambitionen: Virginie Efira als Sibyl

Foto: Alamode

Sibyl (Virginie Efira) hat schon einige Karrierewechsel hinter sich, die Mittvierzigerin war erst Romanautorin, dann erfolgreiche Psychotherapeutin, nun kehrt sie zum Schreiben zurück.

Am jüngsten Wendepunkt in ihrem Leben wird ihr jedoch ein Job aufgenötigt: Eine ihrer wenigen verbliebenen Patientinnen, eine aufstrebende Schauspielerin, hat sie als seelischen Beistand ans Filmset auf die italienische Insel Stromboli gebeten. Dort, vor imposanter Vulkankulisse, entfacht sich ein wildes Drama, in dessen Folge die Regisseurin (Sandra Hüller in einer grandiosen Nebenrolle) hinschmeißt. Und plötzlich wird Sibyl hinter die Kamera gedrängt, um eine Szene zu Ende zu drehen.

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"Sibyl - Therapie zwecklos"

Foto: Alamode

Wie gut diese Pointe ist, ja, dass es sich überhaupt um eine Pointe handelt, drängt die Französin Justine Triet dem Publikum in ihrem dritten Spielfilm "Sibyl – Therapie zwecklos" nicht auf. Fürs Lachen lässt sie genauso wenig Pausen wie fürs beklommene Schlucken. Hartes Drama und leichtfüßige Komödie spannt sie vielmehr wie zwei Pferde ein, die ihren Film gemeinsam ziehen.

Niemals lässt das Tempo dabei nach, nur wähnt man sich abwechselnd in einem Drama und im nächsten Moment in einer Komödie. Besonders virtuos ist dieser Wechsel in der Szene, in der Sibyl als Regisseurin einspringen muss. Denn ob das ein totaler Kontrollgewinn oder ein totaler Kontrollverlust für ihre Figur ist, ist in Triets lustvoller Erzähleskalation nicht mehr zu unterscheiden.

Aber was heißt es überhaupt, Kontrolle übers eigene Leben zu haben? "Sibyl" zeigt eine Frau, die keine Angst vor großen Entscheidungen hat. Die sich zu ihren Lüsten und Begierden bekennt, nach eigenen Maßgaben Kinder kriegt und den Job wechselt. Und die dennoch im Chaos versinkt. Denn welche Konsequenzen eine Entscheidung Jahre später haben kann, das kann man nicht wissen, das kann man nur leben, und das tut der Film gemeinsam mit Sibyl.

Filminfo

"Sibyl - Therapie zwecklos"
Frankreich 2019
Regie: Justine Triet
Buch: Arthur Harari, Justine Triet
Darstellende: Virginie Efira, Adèle Exarchopoulos, Sandra Hüller, Gaspard Ulliel, Paul Hamy, Niels Schneider
Produktion: France 2 Cinéma, Les Films de Pierre et al. 
Verleih: Alamode
Länge: 100 Minuten
Freigegeben: ab 12 Jahren
Start: 16. Juli 2020

Triet springt zwischen den Zeiten und Zuständen, zwischen aus dem Ruder laufender Silvesterparty und Anonyme-Alkoholiker-Treffen, zwischen verlorener Liebe und neu gewonnenem Vertrauen, spürt nach, was Sibyls Vergangenheit über ihre Gegenwart aussagen könnte und was die Gegenwart über ihre Zukunft.

So dicht, wie Triet und ihr Co-Autor Arthur Harari dabei erzählen, hätten sie mit ihren Ideen statt 100 Filmminuten wahrscheinlich auch eine ganze Serienstaffel füllen können. Selbst für eine Reihe toller Nebenfiguren (Adèle Exarchopoulos als Starlet aus der Arbeiterklasse! Gaspard Ulliel als Erotomane mit dringendem Kinderwunsch!) ist bei ihnen nämlich noch Platz.

Das alles hätte wahlweise überladen oder auch platt geraten können, tut es aber nicht, denn Triet inszeniert mit großer emotionaler Klarheit. Sie ist zu jeder Zeit an der Seite ihrer Figuren und steht ihnen auch in den schlimmsten Krisen und bei den peinlichsten Karaoke-Auftritten bei. Und sie hat Virginie Efira als Hauptdarstellerin.

Schon in Triets Vorgängerfilm "Victoria" von 2016 zeigte sich die Belgierin Efira völlig unbeeindruckt von den Konventionen für Frauenfiguren in Filmkomödien, war als alleinerziehende Anwältin einfach alles zugleich, sexy und mütterlich, überfordert und erfolgreich. Im selben Jahr bewies sie dann in Paul Verhoevens "Elle", wie abgründig sie auch sein kann: Als tief gläubige Katholikin, die einen Vergewaltiger zum Ehemann hat, spielte sie die wahrscheinlich gruseligste Figur des gesamten Films.

Noch ist Efira selbst in Frankreich keiner der ganz großen Stars, das dürfte sich erst mit "Benedetta", dem neuen Film von Verhoeven, ändern. Darin spielt Efira die Nonne Benedetta Carlini, die im 17. Jahrhundert eine lesbische Affäre beginnt. Wahrscheinliche Weltpremiere: Mai 2021 in Cannes. Den Beweis, dass Efira eine der sehenswertesten Schauspielerinnen des Gegenwartskinos ist, hat sie aber spätestens mit "Sibyl" erbracht.