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01. Oktober 2015, 14:06 Uhr

Drogen-Krimi "Sicario"

Killer ohne Grenzen

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Er gilt als der neue große Mann in Hollywood: Der kanadische Regisseur Denis Villeneuve inszenierte mit "Prisoners" einen der besten Genre-Filme der vergangenen Jahre. Jetzt kommt sein Drogenthriller "Sicario" in die Kinos.

Als Denis Villeneuve 2011 in seiner kanadischen Heimat mit dem National Arts Centre Award geehrt wurde, drehte er anlässlich der Preisverleihung einen Kurzfilm mit dem schönen Titel "Rated R for Nudity".

Selbstironisch gibt der Regisseur darin vor, sein Publikum mit suggestiven Bild- und Texteinblendungen zu beeinflussen und gewährt dabei auch gleich Einblick ins eigene Unterbewusstsein. Insbesondere, wenn eine Stimme aus dem Off sinngemäß sagt "Mein Traum war es, der nächste Ingmar Bergman zu sein", dazu auf der Leinwand aber der Name Steven Spielberg eingeblendet wird.

Diese scherzhaft-entlarvende Szene benennt erstaunlich prophetisch, warum der Frankokanadier vier Jahre später derart gefragt in Hollywood ist. Denn dort gilt Villeneuve heute als Künstler, der die vermeintlich ausschließlichen Qualitäten eines Bergmans und eines Spielbergs vereinen kann. Tatsächlich versteht es Villeneuve wie nur wenige zeitgenössische Filmemacher, komplexe psychologische Innensichten in eine eindrückliche, mühelos zwischen Realismus und Phantasmagorie oszillierende Bildsprache zu übersetzen.

Spiegelbilder der Gewalt

Und machten ihn kanadische Produktionen wie "Maelström" (2000) oder "Polytechnique" (2009) zunächst zum geschätzten Arthouse-Favoriten, so hat er sich mit seinem Oscar-nominierten Drama "Die Frau, die singt", dem fiebrigen Vexierspiel "Enemy" sowie spätestens mit seinem gefeierten US-Debüt "Prisoners" als Hoffnungsträger der amerikanischen Filmindustrie etabliert. So soll Villeneuve in Bälde mit Amy Adams in der Hauptrolle den Science-Fiction-Film "The Story of Your Life" realisieren, um dann womöglich die Regie bei einer Fortsetzung von Ridley Scotts futuristischem Neo-Noir-Klassiker "Blade Runner" zu übernehmen.

Doch noch vor diesen ambitionierten Zukunftsprojekten startet sein Thriller "Sicario", in dem Villeneuve erneut den furchtlosen wie erwachsenen Zugriff auf einen Genrestoff versucht, der das Entführungsdrama "Prisoners" so aufregend gestaltet hatte. Dieser Zugang gelingt ihm zumindest im furiosen Auftakt, der die von Emily Blunt verkörperte FBI-Agentin Kate Macer einführt. Bei der gewaltsamen Erstürmung eines Einfamilienhauses an der Grenze zwischen Arizona und Mexico entdecken Macer und ihr Team Dutzende Leichen, die in den Wänden des Gebäudes eingemauert waren. Es sind Opfer eines stetig eskalierenden Drogenkriegs, in den der rasch eingeflogene Regierungsbeauftragte Matt Graver (Josh Brolin) mit einer neugegründeten Spezialeinheit eingreifen will.

Im Video: Der Trailer zu "Sicario"

Mit dem Versprechen, die Verantwortlichen für ihre Gräueltaten zur Rechenschaft zu ziehen, rekrutiert er Kate für seine unorthodoxe Taskforce. Zu der gehört außer US-Elitesoldaten auch Alejandro (Benicio Del Toro), ein schweigsamer Berater mit undefiniertem Auftrag. Ohne Rücksicht auf geltende Gesetze beginnt diese Truppe ihren Feldzug gegen das grenzübergreifend operierende Kartell, und alsbald muss sich Kate fragen, ob der Zweck hier wirklich alle fragwürdigen Mittel heiligt. Das gilt nicht zuletzt für das Vorgehen Alejandros, der als enigmatischer Söldner eine ganz persönliche Agenda zu verfolgen scheint.

Welche moralischen und ethischen Koordinaten unterscheiden in diesem Konflikt noch die rechtswidrig agierende Exekutive und einen Sicario, einen Auftragsmörder? Diese Frage nach der Spiegelbildlichkeit der Gewalt stellt Villeneuve gerade in der ersten Hälfte des Films mit zwingendem Nachdruck und auf Augenhöhe mit seiner skeptischen Protagonistin.

Zweifellos hat Emily Blunt in der wachsamen wie gewissenhaften Gesetzeshüterin Kate eine ihrer besten Rollen gefunden, und beeindruckend lässt sie hinter Kates Professionalität die zunehmenden Zweifel und verborgenen Verletzungen der Figur durchscheinen.

Kapitulation vor den Klischees

Diese steht denn auch im Zentrum der einprägsamsten Szenen, darunter die virtuos inszenierte Überführung eines inhaftierten Drogenhändlers aus dem mexikanischen Juarez in die USA. Wenn der Polizeikonvoi durch die verheerte Großstadt in Richtung Grenze rast, dabei von immer mehr Gangstern verfolgt wird, nur um kurz vorm Ziel im Stau und damit in einem vielleicht tödlichen Showdown zu landen, dann ist das Ergebnis eine der spannendsten Actionsequenzen jüngerer Zeit.

Doch fatalerweise vernachlässigt das Drehbuch von Taylor Sheridan ab Mitte der Erzählung seine so einnehmend hadernde Heldin, um Emily Blunt im letzten Drittel fast gänzlich zur Passivität zu verdammen. Stattdessen darf Benicio del Toro seinen routiniert gespielten Rächer Alejandro einsame Selbstjustiz im Grenzgebiet üben lassen, womit "Sicario" sowohl narrativ als auch inszenatorisch in allzu vertraute Genregefilde steuert.

Angesichts der hervorragenden Besetzung und des zuvor gezeigten, dramatischen Potentials ist das mehr als bedauerlich: Den Krieg gegen Drogen wird niemand gewinnen, aber deshalb muss ein vielversprechender Film ja nicht zwangsläufig vor den Klischees eines landläufigen Drogenthrillers kapitulieren.

Doch genau das tut "Sicario" am Ende, und bleibt so leider trotz großer Momente eine vertane Chance: kein Bergman, kein Spielberg und nicht genug Villeneuve.

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