Zum Tod von Lord Richard Attenborough Gandhis Sanftmut war sein Lebensideal

Auf der Leinwand verkörperte er die Schüchternen und Verzagten, als Filmemacher widmete er sich heldenhaften Freiheitskämpfern: Lord Richard Attenborough, Oscar-prämierter Regisseur von "Gandhi" und "Schrei nach Freiheit", ist im Alter von 90 Jahren verstorben.
Zum Tod von Lord Richard Attenborough: Gandhis Sanftmut war sein Lebensideal

Zum Tod von Lord Richard Attenborough: Gandhis Sanftmut war sein Lebensideal

Foto: Lefteris Pitarakis/ AP/dpa

Es war einer dieser im Rückblick schicksalhaften Tage, als Richard Attenborough an einem Sommermorgen im Jahre 1962 einen Anruf von Motilal Kothari erhielt. Der Gandhi-Anhänger wollte den britischen Schauspieler davon überzeugen, einen Film über sein Idol, den charismatischen Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, zu machen. Attenborough hatte noch nie selbst einen Film gedreht, und außer dem Namen wusste er so gut wie nichts über Gandhi. Trotzdem zeigte er sich interessiert und ließ sich von Kothari dazu bewegen, zumindest ein Buch über die "große Seele" zu lesen.

Die Lektüre der Gandhi-Biografie des Amerikaners Louis Fischer, sagte Attenborough 1982, habe "ohne Übertreibung mein Leben verändert und jede meiner beruflichen Entscheidungen seit 20 Jahren beeinflusst". Sein 191 Minuten langes Kino-Epos "Gandhi" mit Ben Kingsley in der Hauptrolle begeisterte damals ein Millionenpublikum und gewann acht Academy Awards, darunter den Oscar für den besten Film und die beste Regie. Es blieb Attenboroughs größter Triumph und gilt heute als gefühlvolle Geste der Beschäftigung Englands mit seiner ehemaligen Kronkolonie Indien. Für Attenborough wurde der Sanftmut Gandhis zum Lebensideal.

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Richard Attenborough: Eine Legende vor und hinter der Kamera

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Damals, Anfang der Achtzigerjahre, waren die Gemüter über Attenboroughs Film allerdings aus anderem Grund erregt. Dass sich ausgerechnet ein Brite erdreistete, einen Film über das Nationalheiligtum Gandhi zu drehen und die Hauptrolle noch dazu ebenfalls mit einem Briten, dem damals unbekannten Shakespeare-Darsteller Kingsley zu besetzen, begriffen zahlreiche Inder als Affront, im Vorwege der in Neu-Delhi angesetzten Premiere formierte sich in den Medien und auf der Straße erbitterter Protest. Gandhi, 1948 von einem fanatischen Hindu erschossen, werde durch den Film "ein zweites Mal gekreuzigt", schrieb die Zeitung "The Patriot".

All das hatte Attenborough natürlich nicht gewollt. Sein Anliegen war es, seinen eigenen Respekt vor dem Gewaltlosigkeit predigenden und praktizierenden Freiheitskämpfer Gandhi mit großem Gestus auf die Leinwand zu bannen, so wie sein Vorbild, Monumentalfilmer David Lean, historische Stoffe wie "Lawrence von Arabien" oder "Die Brücke am Kwai" verfilmt hatte.

1980, als Attenborough endlich mit dem Dreh beginnen konnte, war der Gandhi-Film längst zur fixen Idee geworden. Jahrelang hatte sich der Brite um die Finanzierung bemüht, war immer wieder an der Ignoranz Hollywoods und nicht eingehaltenen Zusagen seitens indischer und britischer Instanzen gescheitert. Drehbuchautoren, Produzenten und Schauspieler, darunter Alec Guinness, hielten die Aufgabe für unlösbar und zu groß. Erst das Wohlwollen der damaligen Ministerpräsidentin Indira Gandhi brachte den Durchbruch: Indien beteiligte sich zu einem Drittel an den Produktionskosten von 22 Millionen Dollar.

"Ein rundes, fröhliches Gesicht"

"Gandhi" war der Höhepunkt einer Karriere, die zunächst ganz auf Schauspielerei ausgerichtet war. Richard Attenborough wurde 1923 in eine alte schottische Offiziersfamilie in Cambridge geboren. Nach einigen Jahren als erfolgreicher Theaterdarsteller übernahm er 1941 die Rolle des Schiffsheizers im Kriegsfilm "In Which We Serve". Wenig später erlebte er in der Rolle des Pinkie in der Graham-Greene-Verfilmung "Brighton Rock" seinen Durchbruch als Kinostar. Insgesamt spielte Attenborough in über 50 Filmen mit, musste aber früh einsehen, dass seine Physiognomie ihn für Rollen prädestinierte, die ihm nicht immer gefielen: "Da das Schicksal mir ein rundes, fröhliches Gesicht gegeben hat, musste ich meist Charaktere verkörpern, die nicht meinem Alltag entsprachen", sagte er 1987 der "Welt". So spielte er Zeit seines Lebens, bis zu seinem letzten großen Auftritt in Steven Spielbergs "Jurassic Park" (1993) Verzagte und Weiche, sympathische Schurken und allerlei knuffige Nebenfiguren, obwohl er vielleicht gerne den strahlenden Helden gegeben hätte.

Um seinen Gandhi-Film zu realisieren und Geld zu sammeln, spielte Attenborough Mitte der Sechziger in drei Hollywood-Produktionen mit, "Der Flug des Phoenix", "Kanonenboot am Yangtse-Kiang" und "Dr. Doolittle". 1968 versuchte er sich erstmals selbst als Regisseur und erntete gute Kritiken für sein verfilmtes Kriegsmusical "Oh, What A Lovely War", 1972 folgte die Churchill-Biografie "Young Winston", 1977 das monumentale Weltkriegsepos "Die Brücke von Arnheim", in dem er lernte, ein Riesenbudget und ein großes Starensemble, unter anderen Sean Connery, Laurence Olivier und Michael Caine, zu dirigieren. Der Kritiker Andreas Kilb nannte "Die Brücke von Arnheim", Attenboroughs bis dato erfolgreichsten Film, den "Gentleman unter den Kriegsfilmen".

Aus der Beschäftigung mit Gandhi, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen die Apartheid in Südafrika engagiert hatte, entstand wohl auch Attenboroughs Plan, die Geschichte des Widerstandskämpfers Steve Biko zu verfilmen. "Schrei nach Freiheit", 1987 unter strengen Auflagen auch in Südafrika angelaufen, war sein Versuch, die global wirksame Botschaft seines "Gandhi"-Films auf ein anderes Sujet zu übertragen, was ihm mit Denzel Washington in der Hauptrolle auch gelang. Trotzdem regte sich unter Kritikern Unmut: Attenboroughs erklärtes Credo, mit seinen Filmen vor allem Herz und Seele zu erreichen, weniger den Verstand, schützte ihn nicht davor, dass ihm seine Darstellung der Lebensweise der Schwarzen im SPIEGEL als "pädagogische Sightseeing-Tour" ausgelegt wurde.

1992 versuchte sich Attenborough noch einmal an einer großen Filmbiografie. Doch "Chaplin", mit Robert Downey Jr. in der Titelrolle des großen Stummfilmkomikers und Hollywood-Pioniers, floppte bei Kritik und Publikum. Es wurde stiller um den Regisseur und Schauspieler.

Seit 1976 trug Attenborough den Adelstitel Lord of Richmond on Thames. Er betätigte sich unter anderem als Vorsitzender der britischen Gandhi-Foundation und als Unicef-Botschafter. Von 1987 bis 1992 hatte er den Vorsitz des TV-Senders Channel 4 inne. Sein jüngerer Bruder ist der frühere BBC-Chef und populäre Naturdokumentarfilmer David Attenborough. Sir Richard Attenborough starb am Sonntagmittag im Alter von 90 Jahren in einem Seniorenheim, wo er seit einem Schlaganfall und einem Sturz im Jahre 2008 zusammen mit seiner Frau Sheila lebte. Die beiden hatten 1945 geheiratet.

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